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Fading Echoes

Summary:

Ein neuer Tag bricht an und mal wieder ist Dazai nicht zur Arbeit gekommen. Atsushi macht sich langsam Sorgen und fragt sich, was sein brünetter Kollege treibt, wenn er mal wieder von der Bildfläche verschwindet. Kunikida versichert ihm: garantiert nichts gutes! Genervt von Atsushis langsamer Arbeitsweise schleppt der Blonde den Grünschnabel zu einer Privatschule, wo ein Freund und Kollege ihn auf Trab bringen soll, doch in Wirklichkeit ist dies nur ein Vorwand, um nach Dazai zu suchen und ihn zur Rede zu stellen. Doch wo steckt der Kerl eigentlich? Nichts als Ärger mit ihm!

[Fortsetzung von Strange Addictions | Kann unabhängig voneinander gelesen werden | Homosexual Dazai Osamu]

Notes:

[1] Yokohama -- Yokohama (japanisch 横浜市, -shi) ist eine designierte Großstadt und Verwaltungssitz der japanischen Präfektur Kanagawa sowie eine bedeutende Industrie- und Handelsstadt. Yokohama ist Teil des Ballungsgebiets von Tokio. Sie ist – nach Tokio – die zweitgrößte Stadt Japans und somit die größte Gemeinde des Landes. Yokohama liegt auf der westlichen Seite der Bucht von Tokio und besitzt einen bedeutenden Handelshafen.
[2] Yokohama International Education Academy -- Eine private Sprachschule für Erwachsene, die 1988 gegründet wurde und in der Nähe des Hafens liegt. Das Mindestalter der Studenten ist 18 Jahre.
[3] Bar MONS -- Eine Schwulenbar in Yokohama, die tatsächlich existiert. Es sind lediglich Männer erlaubt und es wird nur in bar bezahlt. Es werden lediglich Getränke ausgeschenkt, kein Karaoke oder Vorservierung möglich.

Chapter 1: Nichts als Ärger mit Dazai Osamu!

Chapter Text

Es war früher Morgen und er öffnete die Tür zur Detektei. Atsushi warf einen missmutigen Blick auf den Platz, auf dem sonst sein Mentor saß. Auch heute war er nicht hier. Es war bereits Donnerstag und Dazai hatte sich noch kein einziges Mal in der Detektei blicken lassen. Nichts ungewöhnliches, wie er von seinen Kollegen gehört hatte und trotzdem konnte der Silberhaarige nicht anders, als sich Sorgen zu machen und immer wieder gedanklich abzuschweifen und zu überlegen, was der Brünette gerade machte.

 

Kenji und Tanizaki waren unterwegs, um einige Befragungen aufgrund eines Falls zu erheben – Naomi hatte sofort darauf bestanden, mitzukommen und hatte sich ihrem Bruder um den Hals geworfen. Ihr Boss Fukuzawa saß in seinem Büro und arbeitete fleißig an einem Bericht, er konnte auch die Stimme seiner Sekretärin Haruno hören, die ihn mit sanfter, aber auch fester Stimme auf Fehler hinwies, während sie rigoros ein Dokument vorlas, was ihr Chef zuvor geschrieben hatte. Als er seinen Blick weiter umherschweifen ließ, bemerkte er nur Ranpo, der wie gewohnt an seinem Fensterplatz saß, Comics las und dabei unendlich viele Süßigkeiten um sich herum verteilt hatte und immer wieder amüsiert auflachte und dabei kindlich auf den Tisch klopfte, als hätte jemand einen guten Witz erzählt. Kaum zu glauben, dass er bereits 26 Jahre alt war.

 

Er begab sich zu seinem Platz. Yosano und Kyouka gingen einem Fall in Kyoto nach. Eine weibliche Auftragstellerin hatte um weibliche Unterstützung gebeten. Es handelte sich um Personenschutz. Während einer Fashion Week, wo junge Models die neusten Klamotten vorstellen sollten, hatte jemand einen Terroranschlag angekündigt. Ob dies ein ernstzunehmender Fall war oder eine leere Drohung würde sich im Laufe der Zeit zeigen. Sowohl Yosano als auch Kyouka waren stark und würden sicher die richtigen Entscheidungen treffen.

 

Atsushi fand es gut und richtig, dass Kyouka mit anderen Frauen Zeit verbrachte, doch er konnte die Sorge darüber, dass die Port Mafia erneut angreifen könnte, einfach nicht abschütteln. (Außerdem vermisste er ihr Lachen und ihre Präsenz.) Die Furcht vor einem erneuten Angriff lag wie ein dunkler Schatten über ihn. Seufzend rieb er sich die Schläfen. Am Schreibtisch neben ihn arbeitete Kunikida, der sich keinerlei Unruhe anmerken ließ und in rasender Geschwindigkeit auf seiner Tastatur tippte, sodass man nur ein rhythmisches Hämmern vernahm. Alles, was der Blonde tat, wirkte so professionell. Nur wenn Dazai in der Nähe war, bröckelte seine Fassade und der normale Mensch, der auch Fehler und Macken hatte, kam zum Vorschein. Verträumt sah er dem Blonden weiterhin bei der Arbeit zu, überlegte, ob Dazai heute noch vorbeikommen würde oder mal wieder die ganze Woche wegblieb. Dazai hielt sich nicht an Regeln und manchmal blieb er wochenlang fern und war wie vom Erdboden verschwunden.

 

„Anstatt mich anzustarren, solltest du dich an die Arbeit machen“, murrte Kunikida, nahm seinen Blick jedoch nicht von dem Bildschirm.

 

Atsushi fuhr erschrocken auf und schämte sich dafür, so offensichtlich gestarrt zu haben und er suchte panisch nach einer Ausrede, von der er wusste, dass sein Gegenüber sie ohnehin durchschauen würde. Kunikida konnte man nicht einfach täuschen. Er war nicht grundlos eines der Fundamente ihrer Detektei, auf den man sich aufgrund seines verantwortungsvollen Charakters und seiner Kompetenz verlassen konnte. Stets trug er sein kleines Notizbuch mit sich, auf welchem in großen japanischen Schriftzeichen „Ideal“ geschrieben stand. Sein Wegweiser.

 

Ein tiefer Seufzer entfuhr Kunikidas Kehle und er unterbrach seine Arbeit.

 

„Was ist? Gibt es etwas, was du mich fragen willst?“, fragte er dann und sah ihn nun endlich an.

 

Atsushi brauchte ein paar Sekunden, um sich zu fassen und senkte verschämt den Blick.

 

„Nunja“, begann er zurückhaltend und noch ehe er weitersprechen könnte, fuhr ihm Kunikida ins Wort.

 

„Sprich klar und deutlich. Niemand wird dich ernst nehmen, wenn du so schüchtern vor dich her druckst. Das schließt auch mich ein.“

 

„Ich frage mich, wo Dazai-kun ist.“

 

„Du kennst ihn doch. Er nimmt nichts und niemanden ernst. Ist doch nichts neues, dass er sich verspätet oder gar nicht erst auftaucht.“

 

„Woran das wohl liegt?“

 

„Sprich nicht in Rätseln. Du weißt, dass ich das nicht leiden kann. Du verschwendest meine Zeit. Ich kann es nicht leiden, wenn ich meinem Terminplaner hinterherhecheln muss“, grummelte der Blonde und verschränkte die Arme, warf dem Tigerjungen einen giftigen Blick zu.

 

„Ich wüsste gerne, warum er seine Arbeit nicht ernst nimmt und was er macht, wenn er nicht hier ist.“

 

„Das kannst du dir doch wohl denken. Wahrscheinlich probiert er eine neue Selbstmordmethode aus, nur um zu scheitern und mit einem breiten Grinsen wieder aufzutauchen und so zu tun, als ob nichts wäre. Der Kerl wird niemals erwachsen“, erklärte Kunikida und rieb sich angestrengt das Nasenbein, schüttelte dabei den Kopf, um seine Ablehnung zu verdeutlichen. Sie waren gleich alt. Man sollte meinen, dass ein erwachsener Mann reif genug war, um zu verstehen, dass er seinen Arbeitskollegen nicht zur Last fallen sollte! Aber bei Dazai war wirklich Hopfen und Malz verloren. Es erstaunte ihn nach wie vor, dass Fukuzawa noch kein Machtwort gesprochen hatte.

 

„Sollten wir uns dann nicht erst recht Sorgen machen?“, wollte Atsushi wissen und legte den Kopf schief.

 

Kunikida wurde ganz ruhig, sein Blick war unerschütterlich und Atsushi befürchtete, etwas gesagt zu haben, das er besser nicht erwähnt hatte, denn es fühlte sich so an, als wäre die Atmosphäre um sie herum zum Zerreißen gespannt. Seine Brille blitzte im blauen Licht seines Computerbildschirms auf, als er seinen Kopf leicht zur Seite neigte und er öffnete seine Lippen einen Spalt breit, als wollte er etwas sagen, doch schloss sie wieder. Es kam äußerst selten vor, dass der Blonde nicht die richtigen Worte fand.

 

„Atsushi-kun“, begann er mit mahnender Stimme, sein Blick lag weiterhin auf seinem Gegenüber.

 

„Ich gebe dir einen gutgemeinten Rat: misch dich nicht in seine Angelegenheiten ein. Man kann niemanden retten, der nicht gerettet werden will. Wenn du es dennoch versuchst, wird er dich nur mit runter ziehen. Ich arbeite seit zwei Jahren mit ihm zusammen. Ich habe es mehr als einmal versucht, mich ihm anzunähern und ihn zur Vernunft zu bringen, doch jedes Mal, wenn ich ihn darauf angesprochen habe, lachte er nur. Er will keine Rettung. Und wenn er wirklich sterben wollen würde, hätte er uns schon längst verlassen“, erklärte er und unterbrach den Blickkontakt nicht.

 

Atsushi sah ihn nachdenklich an. Wollte Dazai vielleicht gar nicht sterben? Es war so unglaublich schwierig, ihn zu verstehen. Immer sprach er in Rätseln, machte sarkastische Bemerkungen oder zog alles ins Lächerliche, zeigte jedoch auch seine ernste Seite, wenn es sein musste. Dazai war so vieles, aber vor allem eines: ein Mysterium. Kunikida kannte den Brünetten weitaus länger als er und hatte bis heute nicht geschafft, zu ihm durchzudringen und dennoch wollte Atsushi daran glauben, dass er nur mit ihm reden musste, um ihn von diesem selbstzerstörerischen Pfad abzubringen. Atsushi wusste, wie es sich anfühlte, zu hassen und wie sehr das Gefühl der Einsamkeit einen einnehmen konnte und einen zu falschen Entscheidungen trieb. Er war einsam und hatte sich jemanden gewünscht, der ihn in den Arm nahm und ihm sagte, dass er gewollt und geliebt wurde und hätte er Dazai nicht getroffen, hätte er niemals der Detektei beitreten können.

 

Er hatte es Dazai zu verdanken, dass er endlich einen Ort hatte, den er sein Zuhause nennen konnte und Menschen getroffen hatte, die er als seine Familie betrachtete. Und auch Dazai war ein Teil dieser Familie und er sah zu ihm hoch, wollte mehr über ihn wissen und vor allem wollte er ihn verstehen. Verstehen, was in seinem Kopf vor sich ging. Woran er dachte, wenn sein Blick mal wieder leblos in die Ferne schweifte und seine Augen einen dunklen Abgrund widerspiegelten. Auch wenn Dazai versuchte, diese unendliche Traurigkeit zu verbergen, so wusste Atsushi, dass er tief in seinem Inneren verletzt war und Wunden hatte, die einfach nicht abheilen wollten. Atsushi fühlte sich gerade deshalb so sehr mit ihm verbunden und diese Verbundenheit war der Grund für seine aufrichtige Sorge.

 

Vielleicht will er nicht sterben, überlegte Atsushi und vermied es Kunikida anzusehen, doch leben will er auch nicht.

 

„Er wird sich dir nicht öffnen. Und wenn du ihm folgst, wird er dich nur runter ziehen. Du solltest ihn in Ruhe lassen.“

 

„Bist du dir sicher? Dass wir ihn einfach machen lassen sollen, erscheint mir nicht der richtige Weg“, kam es aufgebracht von Atsushi.

 

„Du weißt es doch schon längst selbst. Jeder in dieser Detektei hat Fehler und Macken. Doch wenn du dich den Menschen ungefragt aufdrängst, wirst du sie nur noch mehr verletzen und machst es am Ende nur schlimmer. Du. Ich. Sogar Fukuzawa-san! Wir alle haben unsere Päckchen zu tragen und wenn wir normal wären, wären wir nicht hier. Wenn Dazai nicht einen ordentlichen Dachschaden hätte, wäre er wohl kaum in unserer Detektei untergekommen. Oder bist du so arrogant, zu behaupten, du wärst normal?“

 

„Nein“, entfuhr es dem Silberhaarigen.

 

„Aber“, begann er dann und spürte sofort Kunikidas ungeduldigen, bohrenden Blick.

 

„Ich glaube nicht, dass Menschen wie wir nicht glücklich sein können. Auch wir haben das Recht zu leben und ein normales Leben zu führen, auch wenn unsere Seelen verletzt worden sind. Wir können immer noch aufstehen und weitergehen, solange wir etwas haben, wofür es sich zu kämpfen lohnt.“

 

Ohne Dazai hätte er keinen Grund gehabt, aufzustehen und wäre vermutlich am Straßenrand liegen geblieben und verhungert. Auch Kyouka hatte einen Ausweg aus den Fängen der Mafia gefunden, weil Atsushi nach ihr gegriffen hatte und schwor, sie niemals wieder loszulassen und an ihrer Seite zu kämpfen. Es war genauso wie Kunikida es gesagt hatte: jeder hier hatte sein Päckchen zu tragen. Eine Vergangenheit, die ihn belastete und es manchmal unmöglich machte, nach vorne zu sehen und wieder aufzustehen, doch sie waren Kameraden, die für einander da waren und wenn einer von ihnen am Boden war, würde jeder für den anderen einstehen und helfend eine Hand hinreichen. Das war es, was Atsushi hier erlebt hatte und das galt auch für Dazai.

 

„Atsushi-kun“, unterbrach Kunikidas Stimme seinen Gedankengang.

 

„Ich weiß, es ist hart. Mir tut es auch weh, ihn so zu sehen. Auch ich mache mir Sorgen. Jedes Mal, wenn er nicht aufkreuzt, frage ich mich, ob er nicht an irgendeinem Seil baumelt und gerade seinen letzten Atemzug macht. Ich mag dir gleichgültig erscheinen, aber sei dir im Klaren, dass Dazai mein Partner ist und ich dieselben Gedanken habe wie du. Jemand, der sich so sehr nach dem Tod sehnt, hatte kein glückliches Leben, doch gerade weil ich das weiß, gebe ich ihm den Abstand, den er braucht.“

 

„Ich wollte dir nicht unterstellen, dass es dich nicht interessiert, Kunikida-san.“

 

„Gut, dann mach dich endlich an die Arbeit! Deinetwegen muss ich nun auf meine 15-Minuten Pause am Mittag verzichten“, knurrte er und erhielt nur ein gehauchtes Tut mir leid als Antwort.

 

Kunikida starrte auf seinen Bildschirm und tippte konzentriert seinen Bericht ab, doch seit er mit Atsushi über Dazai gesprochen hatte, war er derartig aufgebracht und unruhig, dass sich ständig kleine Tippfehler in seinen Text mogelten und er spürte, wie sein Geduldsfaden immer dünner wurde. Mit jedem Mal, wo er ein Wort korrigieren musste, ging seine Geduld dem Ende zu und er knirschte genervt mit seinen Zähnen.

 

Das ist deine Schuld, Dazai! Nur wegen dir kann ich mich nicht konzentrieren!, schoss es ihm durch den Kopf, nur um im nächsten Moment erneut ein Wort löschen zu müssen. Atsushi arbeitete wortlos neben ihn. Im gemächlichen Tempo. Typisch für die junge Generation. Zügiges und konzentriertes Arbeiten war ihnen ein Fremdwort und sobald man auch nur ein Wort der Kritik erwähnte, brachen sie in Tränen aus und schmissen ihren Job sofort hin. Seine Aufmerksamkeit lag nun auf Atsushi, der anstatt auf den Bildschirm auf die Tastatur blickte und angestrengt nach den richtigen Tasten suchte. Genervt raunte er.

 

Was machst du da?“, fragte er dann und sah ihn vorwurfsvoll an, eine kleine Zornesader wuchs auf seiner Stirn.

 

Atsushi hob nun seinen Blick und sah ihn mit großen, unschuldigen Augen an.

 

„Ich schreibe den Bericht über den Fall des vermissten Kindes“, begann er, doch Kunikida schlug erbost mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass sämtliche Utensilien einmal in die Luft gingen und polternd herunterkamen. Eingeschüchtert zuckte Atsushi zusammen, sah ihn dann fragend an. Ihm lief es eiskalt den Rücken herunter.

 

„Das meine ich nicht!“, schrie er und ermahnte sich gedanklich dazu, sich wieder zu beruhigen.

 

„Du kannst doch nicht mit dem Gesicht auf der Tastatur hängen! So brauchst du ja Stunden, um einen kleinen Text zu tippen!“

 

„A-aber... ich kann das nicht so gut wie du. Im Gegensatz zu dir, ist mir das hier noch total fremd“, murmelte Atsushi und kratzte sich verlegen am Hinterkopf, zwang sich zu einem krampfhaften Lachen.

 

„Du musst lernen, wie man mit zehn Fingern tippt. Komm mit.“

 

Ohne sich weiter zu erklären, speicherte Kunikida sein Dokument ab – immerhin konnte er sich ohnehin nicht mehr konzentrieren, ohne dass seine Gedanken von einem bekloppten Geisteskranken unterbrochen wurden – und fuhr seinen Computer runter, begab sich in Richtung Garderobe, wo er sich seine Jacke überwarf. Verdutzt beobachtete ihn Atsushi. Als sich ihre Blicke trafen, gefror das Blut in seinen Adern und ruckzuck folgte er dem Blonden, machte sich Ausgehfertig und folgte dem Älteren wortlos. Wenn Kunikidas Augen so bedrohlich glänzten, war er zum Fürchten und erinnerte mehr an einen hungrigen Tiger, als an einen braven Büroangestellten, der sonst alle Regeln befolgte und sich darum bemühte, niemals aufzufallen. Da stellte sich die Frage, wer von den beiden der wahre Tiger war. Unsicher folgte er dem Mann durch die Straßen Yokohamas[1]. Sie näherten sich einem ruhigeren Stadtviertel. Bunte Akazienbäume säumten die Wege und der Straßenverkehr wurde zunehmend ruhiger. Ein schönes Viertel, stellte Atsushi mit einem verträumen Lächeln fest.

 

„Mein Freund arbeitet an dieser Schule. Er wird dich Technikmuffel noch auf Trab bringen und dir beibringen, wie man einen Computer richtig bedient“, erklärte Kunikida, zog sein kleines Notizbuch aus der Tasche und schien einige Korrekturen vorzunehmen. Einerseits fragte er sich, warum sein Kollege seinen wichtigen Terminplan verwarf, um ihm zu helfen, andererseits war er einfach nur froh, dass sogar ein so ernster Typ wie Kunikida spontane Entscheidungen traf, um einem Freund zu helfen.

 

Neugierig blickte sich Atsushi sich weiterhin um und folgte seinem Kollegen die Stufen hinauf, erkannte bereits das dunkle Dach eines Gebäudes und erblickte dann das große Schild, auf welchem in japanischen Schriftzeichen „Yokohama International Education Academy[2]“ geschrieben stand. Das Gebäude erinnerte nicht an eine normale Schule, sondern hatte etwas Heimisches an sich, war aber modern ausgestattet und er konnte einen großen Parkplatz erkennen.

 

„Es handelt sich um eine Sprachschule für Erwachsene. Der Nachmittagsunterricht beginnt in einer halben Stunde. Mein Freund wird sich deiner sicher annehmen und dir beibringen, wie man richtig tippt. In deinem jetzigen Zustand ist deine Arbeitsqualität eine Anmaßung für unsere Detektei“, erklärte Kunikida, klappte sein Notizbuch nun zu und lief schnurstracks Richtung Eingang, wo ein Mann mit kurzen, schwarzen Haar auf ihn wartete und ihn mit einem warmen Lächeln begrüßte.

 

„Das hier ist Nakajima Atsushi. Er ist neu in unserer Detektei, doch seine Sprachkenntnisse lassen äußerst zu wünschen übrig und er hat arge Probleme einen Computer zu bedienen“, kam es nüchtern von dem Älteren. Atsushi fühlte sich hintergangen! Es kam ihm so vor, als würde der Ältere über ein altes Fahrzeug reden, das man auf Trab bringen musste. Dabei waren sie doch Kollegen! Grummelnd folgte er seinem neuen Lehrer ins Gebäude hinein, ließ es sich aber nicht nehmen, den Älteren noch bohrende Blicke über die Schulter hinterher zuwerfen.

 

„Du findest den Heimweg sicher auch allein. Zur Not gebe ich Tanizaki Bescheid, dass er dich abholen soll. Lerne fleißig und mach der Detektei keine Schande, hörst du!?“, rief ihm Kunikida noch hinterher, drehte sich dann um und atmete tief ein. Ein Problem war somit gelöst und nun musste er sich um das andere Problemkind kümmern. Nur Ärger mit diesem Kerl. Warum nur mussten all seine Kollegen immer irgendwelche Macken haben? Konnte er nicht einmal Glück haben und einfach mal einen seriösen Partner bekommen, der seine Pflichten ernst nahm? Pah. Wäre auch zu viel verlangt. Der Blonde machte sich auf den Rückweg und durchkämmte die Stadt. Er suchte sämtliche Orte ab, von denen er wusste, dass Dazai sich dort gerne aufhielt und selbstverständlich die Orte in Küstennähe und am Kanal für den Fall der Fälle, dass dieser sich mal wieder von einer Brücke gestürzt hatte und irgendwo im Wasser trieb und nur darauf wartete, herausgezogen zu werden.

 

Sollten wir uns dann nicht erst recht Sorgen machen?, hörte er Atsushis Stimme als Echo in seinem Kopf widerhallen.

 

Seine Atmung wurde mit jedem Schritt schneller. Der Horizont verfärbte sich bereits in ein glühendes Orange, durchzogen von einem wunderschönen Rotton – eine Farbe, die für Liebe und Leidenschaft stand und ihn doch nur an den Tod erinnerte. Das Blut von Lebewesen, das vergossen wurde. Kunikida war ein Idealist. Er wusste, dass es unmöglich war, jeden zu retten und dass sein Job auch Opfer kostete und trotzdem, nein, gerade deshalb wollte er so viele Leben retten, wie es möglich war. Er erinnerte sich daran, wie er sich gefühlt hatte, als zum ersten Mal Menschen vor seinen Augen starben und er sie nicht retten konnte. Das Gefühl der Ohnmacht. Die Schuld des Versagens und die düsteren Vorwürfe, die an dem eigenen Verstand nagten und einem immer wieder beinahe zärtlich ins Ohr flüsterten: Das ist deine Schuld. Du hättest sie retten können, während man vor lauter Zweifel auf die Knie fiel und die eigenen Ohren nichts weiter mehr als Rauschen wahrnahmen.

 

Viel zu oft quälten ihn diese Gedanken und raubten ihm den Schlaf. Sie hatten eine Begabung und eine besondere Kraft, doch diese brachte nicht unbedingt Glück mit sich und viel zu oft fanden sie sich in Situationen wieder, in denen sie hilflos mit ansehen mussten, wie Kameraden, Freunde und Unschuldige verletzt wurden, gerade weil sie diese besonderen Kräfte hatten. Er hatte aufgehört zu zählen, wie oft er sich gewünscht hatte, einfach nur normal zu sein. Was war schon normal? Er war nichts weiter als ein einfacher Mann, der seinen Job als Lehrer verloren hatte (und lediglich als Nachhilfelehrer an zwei Tagen der Woche Privatunterricht gab) und in einer Detektei arbeitete, die jeden Tag gefährliche Missionen annahm, doch zum Helden machte ihn das nicht. Es gab Momente, in denen er sich eingestehen musste, dass er nicht jeden retten konnte. In seinem Job wäre es fatal und äußerst unrealistisch, zu glauben, jeden retten zu können, denn diese naive Art zu denken, würde ihm eines Tages selbst das Leben kosten.

 

Er blieb in der Nähe des Parks stehen, warf einen Blick in den Himmel. Die ersten Sterne waren bereits zu sehen und das Nachtleben Yokohamas würde nun aufblühen. Gefährliche Gestalten würden aus ihren Verstecken kriechen und die Stadt unsicher machen. Jeder wusste, dass man sich als normaler Mensch nachts nicht herumtreiben sollte, vor allem wenn man nicht zufällig einem Mafiamitglied über den Weg laufen oder aus Versehen den Zorn eines Gangmitglieds auf sich ziehen wollte. Einmal mehr beschleunigte der Blonde seinen Schritt und suchte die Stadt ab, befragte Personen und suchte nach Hinweisen, wo sich sein Partner befinden könnte. Wie schaffte es Dazai nur einfach wie vom Erdboden zu verschwinden?!

 

Unbewusst zog er sein Notizbuch aus seiner Tasche, stellte dabei fest, dass er keinen einzigen Tagespunkt eingehalten hatte und er einmal mehr seinen Terminen hinterherhecheln würde. Er hasste es, wenn etwas nicht nach Plan lief, denn dies war gleichbedeutend mit Chaos und Unordnung. Kunikida fand es wichtig, dass das Leben seinen geordneten Weg ging und man jede Minute des Tages sinnvoll nutzte. Er knurrte unwillkürlich. Ein chaotischer, verantwortungsloser und unvorhersehbarer Kollege war das Letzte, was er gebrauchen konnte! Leider hatte er in diesem Punkt keine Wahl, da Fukuzawa nun mal der Chef der Detektei war und er als einfacher Angestellter keine Forderungen stellte durfte. Es war seine Pflicht als Erwachsener seinen Aufgaben nachzukommen und diese zu erfüllen.

 

„Der Mann, den sie suchen... trägt er einen sandfarbenen Umhang?“, fragte der Jugendliche und sofort keimte Hoffnung in Kunikida auf.

 

„Habt ihr ihn gesehen?“, wollte er wissen und sah die beiden jungen Männer fordernd an.

 

„Er ging vor zwei Stunden in die Bar MONS[3]“, erklärte der eine und ehe er weiter erklären konnte, rauschte Kunikida davon.