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Prophezeiung

Summary:

„Ich hätte die perfekte Stelle für dich. Heute frei geworden, man braucht keine Vorkenntnisse und du kannst morgen schon anfangen."
„Wo ist der Haken?“, hob Tim die Augenbraue.
„Die Stelle ist heute frei geworden, so wie sie schon letzte Woche frei geworden ist und die Woche zuvor. Keiner hält länger als eine Woche durch ... aber bei dir habe ich ein gutes Gefühl.“
„Um was für eine Stelle handelt es sich?“
Der Mann grinste, als hätte er gewonnen. „Mein kleiner Bruder, das zweite Mündel des Königs, braucht einen neuen Diener.“

oder: Tim Drake fängt ein neues Leben in Gotham an und erhält schon an seinem ersten Tag die Stelle als königlicher Diener. Das Problem? Magie ist in Gotham verboten und er ist ein Zauberer. Und der Prinz ist eine Arschloch.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Teil I

 

Tim war überwältigt. Das Schloss Gotham mit der Stadt rundherum war schon von der Entfernung beeindruckend gewesen, aber die Straßen zu bestreiten, überstieg seine kühnsten Träume. So viele Menschen hatte er noch nie auf einen Haufen gesehen! Der Lärm und das Gewusel waren fast zu viel, aber er konnte nicht anders, als breit zu grinsen.
Er war kaum zehn Minuten hier und schon fühlte es sich an, als wäre er zuhause angekommen.
„Platz da!“, schrie jemand.
Tim drehte sich gerade rechtzeitig um, um seinen sicheren Tod – in Form eines Pferdes – auf ihn zurasen zu sehen. Reflexartig pressten sich seine Augen zusammen und ...
Der Aufprall kam nie, stattdessen wurde er am Handgelenk gepackt und zur Seite gezogen.
„Was?“, riss er die Augen wieder auf.
Er sah wohl in das hübscheste männliche Gesicht, dass er jemals gesehen hatte. Das könnte aber auch daran liegen, dass er gerade in das Gesicht seines Retters blickte. Und dennoch, diese strahlend blaue Augen konnte es nur einmal auf dieser Welt geben. Der Mann war in seinen frühen Zwanzigern und hatte schulterlange schwarze Haare.
Zudem hatte er edle Kleidung an.
Tim schluckte und senkte den Blick. „Vielen Dank für die Rettung, Herr.“
War das die richtige Bezeichnung für einen Adeligen? Oh, dreifache Göttin, er hatte keine Ahnung von Etikette.
Der Mann sah nicht zufrieden aus. „Der Ritter sollte besser aufpassen. Ich werde mit ihm über sein Verhalten sprechen. Es tut mir leid, dass du ihm beinahe zum Opfer gefallen bist.“
Was? Ihm tat es leid? Sollten Adelige so nett sein? Und war Tims Kinnlade runtergefallen. Sicherheitshalber schloss er den Mund und stellte zu seinem Glück fest, dass er schon zu war.
„Du bist ein Reisender?“, fragte der Mann.
Oh, das Gespräch war anscheinend noch nicht vorbei. Tim wurde peinlich bewusst, dass die Leute sie anstarrten, was ihm leider das Blut in die Wangen trieb und ihn stammeln ließ.
„Ja, also nein. Ich komme nicht von hier. Aber ich werde hier fortan wohnen. Und, ähm arbeiten. Ein Freund der Familie nimmt mich auf. Also ich muss mir noch Arbeit suchen, aber ich finde schon was.“
Der Fremde vor ihm fing zum Grinsen an: „Ich hätte die perfekte Stelle für dich. Heute frei geworden, man braucht keine Vorkenntnisse und du kannst morgen schon anfangen. Dir könnte sogar ein Schlafplatz gestellt werden.“
„Wo ist der Haken?“, hob Tim die Augenbraue und verfluchte sich im nächsten Moment. Bei so einem Angebot sollte man nicht offen sein Misstrauen zeigen, sondern eher höflich ablehnen.
Doch sein Gesprächspartner lachte nur. „Die Stelle ist heute frei geworden, so wie sie schon letzte Woche frei geworden ist und die Woche zuvor. Keiner hält länger als eine Woche durch ... aber bei dir habe ich ein gutes Gefühl.“
Tim biss sich auf die Unterlippe. Ein Schlafplatz wäre schön, dann müsste er James (Tim traute sich nicht, ihn Jim zu nennen) nicht belasten. Und Arbeit hätte er auch schon. Allerdings schien es sich um eine Stelle in der Nähe der Adelsgesellschaft zu handeln und das war mit seinen Begabungen alles andere als gut. ... Es würde sicherlich nicht schaden, mehr Informationen einzufordern.
„Um was für eine Stelle handelt es sich?“
Der Mann grinste, als hätte er gewonnen. „Mein kleiner Bruder, das zweite Mündel des Königs, braucht einen neuen Diener.“

 

Eine Stunde später bereute Tim seine übereifrige Zusage. Prinz Richard, das erste Mündel des Königs und momentaner Thronerbe, hatte ihn an den Anleiter der Dienerschaft weitergegeben und war gegangen, um den Ritter auszuschimpfen – seine Worte, nicht Tims.
Während der Anleiter noch die Papiere fertig machte, trat eine Dienerin zu ihm.
„Du bist neu hier? Aber nicht für Prinz Jason, oder?“
Tim konnte nur mit einem unguten Gefühl nicken.
Das Mädchen sah ihn nur mitleidig an: „Ich bin deine Vorgängerin und ich kann dir nur raten, zu rennen, solange es noch möglich ist.“
„War er das etwa?“, traute sich Tim fast gar nicht zu fragen, als er auf die Augenklappe zeigte.
Sein Gegenüber lachte nur auf: „Gottchen, nein. Das würde der König niemals dulden.“
Erleichterung machte sich in ihm breit.
„Allerdings ist das Prinzesschen nicht zimperlich mit Beleidigungen, Demütigungen, Gewaltandrohungen und fürchterlichen Aufgaben. Ganz zu schweigen davon, dass seine königliche Hoheit, der König, und sein Bruder, Prinz Richard, ihn behüten, wie Hunde ihr Junges.  Glaub mir, es gibt einen Grund dafür, warum ich jetzt schon das Handtuch werfe.“
Und schon war Tim gar nicht mehr erleichtert. Er schaute zur Tür und überlegte, ob es schon zu spät war, um umzukehren. Nur der Gedanke daran, dass der Thronerbe wohl alles andere als begeistert von seinem Rückzieher wäre, hielt Tim davon ab, auf der Stelle kehrt zu machen.
Und ehe er sich versah, hatte er nicht nur den Vertrag unterschrieben – der ein wirklich großzügiges Gehalt enthielt – sondern auch gleich eine Lehrstunde für die wichtigsten Aufgaben innerhalb von zwei Stunden mit auf den Weg bekommen.
Es musste nicht gesagt werden, dass er ganz schön erledigt war, als er schlussendlich bei den Räumlichkeiten des Kommandanten der Stadtwache klopfte.
„Ja, bitte“, öffnete ein Mann mit grauen Haaren, Schnauzer und Brille die Tür. Er war misstrauisch und hatte vorsichtshalber die Hand auf dem Schwertgriff ruhen lassen.
Tim lächelte: „Hallo, Mister Gordon. Ich bin Tim. Wir haben geschrieben.“
Gordon lächelte warm, als er den Brief sah, den Tim zum Beweis hochstreckte.
„Komm doch bitte rein, mein Junge, und nenn mich ruhig Jim.“
Tim tat wie ihm geheißen und freute sich jetzt schon auf den Eintopf, der so verführerisch duftete.
„Barbara, meine Tochter, ist leider noch bei der Arbeit. Aber ich bin mir sicher, dass sie sich morgen die Zeit nehmen wird, um dir die Stadt zu zeigen.“
Tim verzog den Mund: „Das wäre wirklich super, aber ich muss morgen gleich in der Früh mit der Arbeit anfangen. Einen Wohnplatz habe ich auch schon.“
Jims Augenbrauen schossen nach oben: „So? Du lässt ja wirklich nichts anbrennen. Wie ist denn das geschehen?“
Also erzählte Tim und konnte mit ansehen, wie Jim immer ungläubiger wurde.
„Und jetzt bin ich der Diener des königlichen Mündels“, schloss Tim seine Erzählungen.
Jim seufzte: „Ich bin gespannt, wie lange du das noch bleiben wirst.“
Das klang ja beruhigend.

 

Tims Herz bebte wie verrückt, als er vor der schweren Holztür stand. Er wusste nicht, was ihn erwarten würde. Beziehungsweise hatte er eine Vermutung, die sich aus all den Informationen, die ihm zugetragen worden waren, ergab und alles andere als schön war.
Er atmete einmal tief durch. Es half ja alles nichts.
Sein Klopfen hallte laut im noch leeren Gang wider. Er befand sich hier im Trakt für die königlichen Gemächer. Die Wachen bewachten den Treppenaufgang, aber nicht den Gang selbst. Es war so früh morgens, dass die Fackeln als einzige Lichtquelle dienten und die Schatten unheimlich tanzen ließen.
Tim wartete und wartete. Niemand antwortete.
Also klopfte er noch einmal.
Wieder keine Antwort.
Seufzend tat er das, was er laut seines Einweisers auf keinen Fall machen sollte: Er trat ohne Aufforderung ein.
Die Gemächer des Prinzen waren teuer eingerichtet. Großes Bett, viel zu großer Essenstisch, Kamin, Eichenschränke, Truhen und alles mit Schnitzereien verziert.
An einem Ende des Esstisches saß ein junger Mann, Tim schätze ihn nur drei Jahre älter, und schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen misstrauisch an. Seine Haare waren wellig und er trug noch sein Nachthemd und dennoch hatte Tim das Gefühl, als würde dieser Mensch über ihn thronen. Was im Grunde ja auch stimmte, immerhin bestand kein Zweifel darin, dass dies Prinz Jason war. Sein neuer Arbeitgeber.
Er verbeugte sich. „Mein Herr, ich bin Tim, Ihr neuer Diener.“
„Ich habe nicht herein gesagt“, war Jasons einzige Erwiderung. Er klang überrascht.
Tim schluckte seine Angst hinunter und log: „Ich hatte angenommen, dass Ihre Antwort durch die schwere Tür verloren gegangen ist.“
„So wie mein Frühstück?“, hob der Prinz herausfordernd eine Augenbraue.
Jetzt wurde Tim doch leicht panisch. Sein erster Tag und er schien alles falsch zu machen.
„In der Küche sagte man mir, dass Ihr nie um diese Uhrzeit frühstückt.“
Der Prinz schien mit dieser Antwort ganz und gar unglücklich zu sein.
„Aber ich kann Ihnen gerne etwas zum Essen holen“, beeilte er sich also zu sagen.
Jason grinste und es war messerscharf und beängstigend. Tim fühlte sich, als wäre er in eine Falle getappt.
„Das ist ja nett von dir, dass du mir anbietest, deinen Job zu machen.“
Verzogene Göre. Tims Glück war, dass er so geübt darin war, sein wahres Wesen zu verbergen, dass er sich sicher war, dass man ihn seinen Gedanken nicht ansah.
Er verbeugte sich also und wand sich zum Gehen.
Gerade als er zur Türklinke griff, rief ihn Jason zurück.
„Warte, Tim. Wenn ich es mir recht überlege, so mach noch einen kurzen Umweg beim Hofheiler und richte ihm aus, dass ich heute wieder das Übliche benötige.“
Sind Sie krank, wäre Tim beinahe rausgerutscht. Stattdessen nickte er nur ergeben und machte sich an die Arbeit. Je früher er diesen Großkotz hinter sich lassen konnte, umso besser. Kaum zu glauben, dass er es gerade einmal fünf Minuten ausgehalten hatte, bevor er mit den Gedanken an Kündigung spielte.
Zu Jasons Glück – oder Pech – hatte Tim keine Absicht so schnell aufzugeben.

 

Eine halbe Stunde später überlegte Tim ernsthaft, ob er nicht aufgeben sollte. Er suchte und suchte, aber das Schloss war verdammt groß und kein Mensch war wach, um ihm den Weg zum Hofheiler zu weisen.
Es war frustrierend und lieber würde er sich die Zunge abbeißen, als zu Jason zurückzugehen, um ihm dies zu gestehen. Und die Wachen hatten ihn angeschaut, als wäre er bescheuert, als er gefragt hatte. Danke für nichts!
Also ja, Tim war kurz davor, einfach das Handtuch zu werfen, weil es hier keine Wegweiser gab. Dafür durfte man ihn gerne verurteilen, aber er war sich ziemlich sicher, dass er es nicht bereuen würde, wenn er sich jetzt von Prinz Jason abwenden würde.
„Hey“, rief ein Ritter von der Ferne, „Stehen bleiben!“
Tim erstarrte, während der Mann auf ihn zugerast kam. Und das mit Rüstung und Fackel in der Hand.
Beeindruckend, aber auch beängstigend.
Der Ritter blieb vor ihm stehen und grinste ihn an: „Bist du Tim? Jasons Diener?“
Jasons? Das war keine richtige Bezeichnung für einen Prinzen. Wer war dieser Mann?
Er nickte nur und hoffte, dass sich die Sache damit erledigt hatte.
„Ich bin Wally“, stellte sich der Mann vor und hielt ihm die Hand hin.
Tim schüttelte sie, während er versuchte einen Weg zu finden, höfflich zu fragen, warum ihn das interessieren sollte.
„Ich bin das Arschloch, das dich gestern fast umgeritten hätte. Ich wollte mich dafür nur aufrichtig entschuldigen. Dick hat mir schon den Kopf gewaschen und ich werde in Zukunft mein Tempo zügeln.“
Er klang aufrichtig und gar nicht wie ein Arschloch. ... Und das war die perfekte Gelegenheit.
Tim versuchte ein verlegenes Lächeln: „Wir sind quitt, wenn du mir den Weg zum Hofheiler zeigst.“
Die Augen des Mannes weiteten sich: „Hab ich dich verletzt?“
Er war so schockiert, dass Tim ihn nicht lange schmoren ließ, sondern gleich verneinte.
„Nein“, meinte er bestimmt, „Ich habe nur etwas zu erledigen.“
Nicht genauer werden. Er war sich ziemlich sicher, dass man keine Geheimnisse ausplaudern sollte. Niemand musste wissen, dass Jason ihn beauftragt hatte.
Wally lächelte mitleidig: „Hat Jason wieder Albträume?“
Tim sah ihn nur stur an. Es musste auch niemand wissen, dass er selbst keine Ahnung hatte.
„Keine Sorge, kleiner Kumpel. Ich weiß genau, wie groß einem das Schloss vorkommen kann. Ich bring dich schon zu Alfred.“

 

Als es Tim mit dem Frühstück endlich zurück in das Zimmer schaffte, war Jason schon fertig angezogen und in ein Buch vertieft.
Tim sollte es nicht sein, aber er war erleichtert. Er hatte keine Ahnung, wie man die Tunika band, die der Adelige da trug und wollte sich nicht noch weiter blamieren.
„Verzeiht meine Verspätung. Ich hab den Weg zum Hofheiler nicht gefunden.“
Jason schaute überrascht auf: „Du warst noch nie bei Alfred?“
Tim schüttelte verneinend den Kopf: „Ich bin gestern erst in Gotham angekommen.“
„Wie kommt ein Neuling wie du zu so einer Anstellung?“
„Prinz Richard hat mich empfohlen“, antwortet Tim wahrheitsgemäß, ließ aber Wally aus dem Spiel, da dieser wie ein netter Kerl schien, wenn man von seiner Sucht nach Geschwindigkeit absah.
Jason rümpfte die Nase, als könnte er die Halbwahrheit riechen.
„Mein Bruder hat das entschieden?“
Tim nickte.
„Dann statten wir ihm doch einen Besuch ab, meinem lieben Bruder.“
Jason wirkte verbissen und wenn er es sich nicht einbildete, dann zitterten sogar seine Hände.
„Und das Frühstück?“, hob Tim das Tablett hoch.
„Keine Zeit mehr dafür. Es schlägt bald Acht.“
Das war keine richtige Antwort, fand Tim. Man konnte auch um acht Uhr morgens noch frühstücken. Essen war immerhin Essen. Allerdings wollte er dann doch nicht so schnell gefeuert werden, weswegen er seine Gedanken für sich behielt und wie ein braves Hündchen folgte.

 

Jason führte sie aus dem Familiengang hinaus.
„Ich dachte wir gehen zu seiner Hoheit, Prinz Richard?“
„Ja“, schnappte Jason und beschleunigte seinen Schritt, „Und er ist schon lange auf dem Trainingsfeld, weil sein Diener den verdammten Weg findet.“
Okay, das war fair, aber man hätte es auch höflicher ausdrücken können.
„Warum seid Ihr nicht auf dem Trainingsfeld, Mylord?“
Jason fuhr herum und schien kurz davor ihn zu schlagen. „Du bist noch nicht einmal einen Tag mein Diener und stellst schon Fragen über mein Privatleben? Möglicherweise solltest du über einen Berufswechsel nachdenken. Diener sollen weder gesehen noch gehört werden, sondern nur da sein, wenn man sie braucht. Also entweder du hörst auf neugierig zu sein oder ich lasse dich wegen Verdacht auf Spionage in die Kerker werfen.“
Tim schluckte. Bisher war das schlimmste, was passieren konnte, immer eine Kündigung gewesen. Kerker klangen um einiges schlimmer. Er nickte und Jason rannte beinahe von ihm davon.
Sie erreichten das Übungsfeld der Inneren Stadt eine Minute vor Acht. In dieser Minute suchte Jason seinen Bruder, ihre Blicke trafen sich, sie kamen beide aufeinander zu – Richard hoch erfreut, Jason angespannt – und gerade als die Turmuhr zur vollen Stunde schlug, packte Jason seinen Bruder und warf sie beide zu Boden.
Ein Pfeil zischte über ihre Köpfe hinweg und bohrte sich ohne Schaden anzurichten in einen Baum.
Tim war wie jeder andere auf dem Feld erstarrt. Richard war schneller auf den Beinen als sein Bruder und drehte sich zu dem Schützen.
Dieser trug eine rote Rüstung und hatte mit weiten Augen seinen Bogen fallen lassen.
„Sir Roy!“, brüllte der Thronfolger, „Was hat das zu bedeuten?“
Andere Ritter stürmten zu Roy und hielten ihn fest, aber der Mann leistete keinen Widerstand.
„Ich ... Ich verstehe nicht“, murmelte er und Tränen liefen ihn über die Wangen, „Ich würde so etwas niemals tun. Ich habe einen Treueschwur geleistet.“
Prinz Richard schien nicht zu wissen, ob er sein Schwert ziehen sollte oder nicht, da griff Jason nach seiner Hand.
„Sieh ihn dir an, Dick“, bat er und es klang so vertraut und liebevoll, dass sich Tim wie ein Lauscher vorkam, „Er wurde verzaubert.“
Fast sofort entspannte sich Richards Schwerthand und er trat vor.
„Bringt ihn in die Kerker, aber tut ihm nicht weh. Sobald die vierundzwanzig Stunden vom Eindämmungsprotokoll für Magie überstanden sind, werden wir eine genaue Analyse der Situation durchführen.“
Die Hände, die den Ritter hielten, wurden sanfter, als dieser nickte.
„Ich verstehe Mylord und bitte um Verzeihung. Euer Tod wäre etwas, dass ich mir niemals gewünscht habe und es mir auch nie wünschen werde. Ich hoffe, ihr könnt meinem Wort Glauben schenken.“
„Das tue ich“, versicherte der Prinz, „und ich bitte ebenfalls um Entschuldigung, aber ich muss sicher sein, dass der Zauber eine einmalige Sache war, bevor ich dir deine Freiheit wiedergeben kann.“
„Ich verstehe, mein Prinz“, versicherte der Bogenschütze sofort, „Bitte grämt euch nicht deswegen.“
Der Ritter wurde abgeführt und Tim fragte sich, als das Training weiterging, wie oft so etwas schon passiert war und warum niemand Jason fragte, wie er das wissen konnte. Denn das war klar: Jason hatte genau gewusst, was um acht Uhr passieren würde.

 

Sie machten sich gerade auf den Weg zum Schloss zurück, als Dick sie einholte und ihnen den Weg versperrte.
„Du hast dich nicht verletzt, oder?“ Sein Blick huschte über den Körper seines Bruders und suchte nach nur dem klitzekleinsten Anzeichen einer Verletzung.
„Ich bin nicht aus Glas“, rollte Jason nur mit den Augen.
Tim starrte. Durften Prinzen mit den Augen rollen?
Dick sah sich im Gang um, aber es war niemand sichtbar. Dennoch senkte er das Volumen seiner Stimme.
„Wally hat mir erzählt, dass du wieder Alpträume hast. Willst du darüber reden?“
Jason schaute wütend zu Tim und sein Blick schien zu sagen, darüber reden wir noch. Tim musste schlucken, denn er konnte sich gut vorstellen, dass diese Unterhaltung nicht gut für ihn ausgehen würde.
„Das Wally noch reden kann, wo der doch konsequent am Essen ist.“
Richards Blick verfinsterte sich. „Vorsicht, Jay. Du bist vielleicht mein Bruder, aber Wally ist mein Waffenbruder. Du solltest ihm Respekt entgegenbringen.“
„Respekt muss man sich verdienen“, erwiderte Jason bissig.
Richard schien so, als wollte sich gerade in eine Diskussion werfen, doch da kam Barbara um die Ecke.
„Prinz Jason. Haben sich unsere Lehrstunden verschoben oder warum warte ich seit einer Viertelstunde in einem leeren Raum auf Sie?“
Richard seufzte und trat aus dem Weg. „Darüber reden wir später Jason.“
Dieser nickte nur und ging auf Barbara zu, welche gerade Tim anlächelte.
„Jason“, rief Richard noch einmal aus, bevor sie um die Ecke gehen konnte, „Behandle Tim anständig. Wenn du noch einen Diener verschleißt, dann fürchte ich, dass Bruce ein ernstes Wort mit dir wechseln wird und dieses Mal werde ich ihn nicht aufhalten, denn ich habe Tim persönlich ausgesucht. Er scheint ein guter Junge zu sein.“
Sie ging um die Ecke und Tim verstand nicht, was Jason murmelte, aber es klang im Tonfall nicht gerade freundlich.
Auf was hatte er sich da eingelassen?

 

Tim wurde weggeschickt, um seinen Pflichten nachzukommen, während Barbara ihre erfüllte. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er jetzt auch lieber Unterricht hätte. Stattdessen kümmerte er sich um die Wäsche und die Schuhe. Allerdings war er damit in zwei Stunden durch. Entweder hielt der Prinz seine Sache in sehr gutem Zustand, oder seine Vorgänger hatten ihre Stelle so gut erfüllt, dass sich keine Arbeit angestaut hatte. Da der Prinz noch weitere zwei Stunden beschäftigt sein würde, konnte Tim die Gelegenheit nutzen und sich einen Plan vom Schloss machen. Wenn es irgendwie möglich war, wollte er seinen Fehler von der Früh nicht wiederholen.
Zudem gab es ihm Zeit nachzudenken.
Es war ein Fakt, dass in Gotham Magie verboten war und es war auch ein Fakt, dass Prinz Jason die magische Begabung der Sehung besaß.
Aber wo ließ das Tim? Sollte er Jason sagen, dass er sein Geheimnis kannte? Wusste der Prinz überhaupt, dass seine Träume keine Träume waren? Und selbst wenn, würde es nicht Fragen aufwerfen, warum sich Tim so sicher war?
Tim erschauderte. Allein der Gedanke daran, was ihn erwarten würde, sollte der König Wind von seinen Begabungen bekommen, brachte Tim zu dem Entschluss, dass er den Mund halten würde. Die Divise war nicht aufzufallen. Nur so würde er in den Schutz von Gothams Mauern kommen, die ihn den Dämonenkönig vom Leib hielten.
„Du siehst aus, als hättest du in eine Zitrone gebissen“, riss ihn Roses Stimme aus seinen Gedanken.
Er fuhr zu dem Mädchen herum, welche bei einem blonden Diener stand.
Seinen Blick bemerkend, stellte Rose ihn vor: „Das ist Jericho, mein Bruder. Jericho, das ist Tim, Jasons neuer Diener.“
Der junge Mann nickte höflich und Tim erwiderte die Geste.
„Jericho kann nicht sprechen“, erklärte Rose, als wäre die Narbe an den Hals ihres Bruders nicht auffällig genug. „Aber er ist nicht dumm, wie viele in diesem Schloss hier grundlos annehmen.“
Das Mädchen sah ihn herausfordernd an. Tim zuckte nur mit den Schultern: „Solche Menschen gibt es überall.“
Anscheinend zufrieden, wand sie sich ihm komplett zu. „Wie läuft dein erster Tag soweit? Schon aufgegeben?“
Tim schüttelte den Kopf: „Wenn ich mich weiter so dämlich verhalte, dann werde ich noch nicht einmal grundlos rausgeschmissen.“
Auf den fragenden Blick von Jericho antwortete er: „Ich hab das Frühstück nicht mitgebracht und dann noch nicht einmal den Hofheiler gefunden. Ganz zu schweigen davon, dass ich beim Mordversuch nur blöd dastand.“
Rose lachte auf: „Hör dich nur an. Nichts davon war deine Schuld. Das Prinzesschen möchte nur, dass du das denkst. Er treibt seine Spielchen mit dir und du spielst ihm in die Karten, wenn du tatsächlich die Fehler bei dir suchst. Er weiß ganz genau, dass du dich nicht auskennst. Er möchte in der Früh kein Frühstück. Und Mordversuche sollten wohl eher die Ritter verhindern.“
Es klang logisch, das konnte Tim nicht bestreiten, aber wenn Tim eines gelernt hatte, dann war es, dass er selbst einfach zu inkompetent war, wenn er seine Begabungen nicht nutzen durfte. Er verließ sich zu sehr auf sie. Er war ein lausiger Mensch.
Jericho lächelte ihn an, als könnte er Gedanken lesen.
Die Uhr schlug Mittag und Tim fluchte.
Rose grinste: „Gut, dass du jetzt zu spät kommst, nehme ich gerne auf meine Kappe. Wenn du die Schuld auf mich abwälzt, glaubt dir das der Prinz ohne zu zögern.“
Tim nickte und rannte los, wusste aber jetzt schon, dass er Verantwortung für seine eigenen Fehler tragen würde.

 

Allerdings war das gar nicht notwendig, denn als er ankam, waren die beide noch in den Unterricht vertieft. Zumindest solange, bis Tim sie durch sein Anklopfen unterbrochen hatte.
Jason sah ihn unterwältigt an.
Barbara lächelte.
„Woher kennt ihr euch?“, wollte der Prinz wissen.
„Gar nicht“, meinte Barbara, „Aber seine Eltern waren Bekannte von meinem Vater. Eigentlich war es geplant, dass er zunächst bei uns unterkommt, aber Tim ist ein ganz schöner Überflieger. Kaum eine Stunde in Gotham und schon hat er die Stelle als dein persönlicher Diener erhalten. Beeindruckend, findest du nicht?“
Jasons Blick verfinsterte sich: „Beeindruckend finde ich nur, dass Dick dich noch nicht geheiratet hat, wo er dir anscheinend den Wunsch erfüllt, deine Freunde im Schloss anzustellen.“
„So war das n...“, wollte Tim alles abstreiten, aber Barbara unterbrach ihn, indem sie ihren Stuhl quietschend zurückschob.
„Du hast es ganze vier Stunden ausgehalten ohne ein Arschloch zu sein. Glückwunsch, Eure Hoheit, das muss ein neuer Rekord gewesen sein.“
Sie ging Richtung Tür, hielt aber noch einmal kurz bei Tim an: „Lass dir bloß nichts von ihm gefallen. Er bellt zwar, beißt aber nicht.“
Tim hatte da seine Zweifel. Als die Tür hinter der Frau ins Schloss fiel, fühlte er sich, als hätte man ihn mit einem Raubtier alleine gelassen.
Besser nicht noch Öl ins Feuer gießen.
„Ich habe Sir Wallace nichts erzählt“, sein Ton klang anklagend, nicht gut, „Ich habe nur nach dem Weg zum Hofheiler gefragt und er hat seine eigenen Schlüsse daraus gezogen.“
Der Prinz sah kurz so aus, als wollte er etwas Bissiges darauf erwidern, aber stattdessen seufzte er nur.
„Du bist bis zum Abendessen freigestellt. Nutze die Zeit und zieh dir etwas an, das keine Flecken hat. Heute gibt es ein Familienessen und ich möchte nicht für deine Fehler verantwortlich gemacht werden.“
Tim nickte und erstarrte: „Familienessen? ... Wie in, der König wird anwesend sein?“
Jason lachte bei dem Anblick seines erschrockenen Gesichtes.
„Keine Sorge, er wird dich schon nicht fressen. Er wird viel zu sehr damit beschäftigt sein, über den heutigen Mordanschlag zu reden, als dich überhaupt zu bemerken.“
Tim nickte, aber die Angst blieb. In wenigen Stunden würde er mit den mächtigsten Persönlichkeiten dieses Landes in einem Zimmer feststecken und durfte noch nicht einmal Fehler begehen.
Das versprach lustig zu werden.

 

Es war furchtbarer, als es sich Tim vorgestellt hatte.
War er der Einzige hier, der bemerkte, wie unangenehm das Schweigen war oder warum unternahm niemand was?
Es machte ihn fast verrückt der Königsfamilie beim Essen zuzusehen, während er Jason immer mal wieder nachschenkte.
Jason selbst schien das Stück Fleisch auf seinen Teller so interessant zu finden, dass er bisher kein einziges Mal aufgeblickt hatte. Dick dagegen schaute immer mal wieder aus dem Fenster und beobachtete, wie die Sonne unterging und die Zeit verstrich.
Und der König ... der König wirkte überraschend normal. Er trug teure Kleidung, aber keine Krone. Er aß elegant und hatte eine freundliche Aura.
„Warum ist Roy noch im Kerker?“, brach Dick schlussendlich das Schweigen, als die Teller gerade durch Desserts ersetzt wurden.
„Du kennst die Regeln“, erwiderte seine Hoheit, „Wir reden über nichts Geschäftliches beim Essen.“
Jason lachte auf: „Diese Regel ist der Grund, warum wir gar nicht beim Essen reden. Sieh es endlich ein, Bruce, dieses Königreich ist unser Geschäft und unser Leben. Das kann man nicht voneinander trennen.“
Dick seufzte: „Diese Diskussion hatten wir schon oft, aber ich sage es gerne noch einmal: Ich sehe das genauso wie Jay.“
Bruce legte seine Gabel beiseite.
„Wir hatten diese Diskussion schon. Und wie schon die letzten Male möchte ich zumindest eine Stunde am Tag haben, wo meine Söhne meine Entscheidungen als König nicht anzweifeln.“
Tim schaute hilfesuchend zu den anderen Dienern. Keiner dieser schien auch nur ansatzweise beunruhigt. Anscheinend war das ein normales Verhalten für die Adeligen. Aber warum musste Tim das miterleben? Tim hinterfragte wirklich seine Lebensentscheidungen.
„Wenn ich das also zulassen würde“, führte Bruce fort, „Dann müsste ich auch fragen, was Jason überhaupt auf dem Trainingsfeld zu suchen hatte.“
Der Erwähnte schob sich ein großes Stück Kuchen in den Mund, um jegliche Widerworte zu ersticken. Zumindest vermutete das Tim.
Dick tat das nicht. Seine Augen funkelten streitlustig. „Es war gut so, dass er da war. Ansonsten hättest du jetzt einen Sohn weniger.“
Der König seufzte. Tim musste schmunzeln. Der Mann wirkte plötzlich nicht mehr wie der mächtigste Mann im gesamten Königreich, sondern nur noch wie ein erschöpfter Vater.
„Natürlich bin ich froh, dass dir nichts passiert ist. Aber Jason hätte etwas passieren können. Er hat keine Ausbildung, um auf dem Trainingsfeld zu sein.“
„Also darf er mich noch nicht einmal besuchen?“, wollte Dick entsetzt wissen, „Dann würden wir uns ja gar nicht mehr sehen. Trennst du uns absichtlich?“
Bruce bedeutete seinen Diener, den unangerührten Kuchen wegzutragen.
„Du weißt genau, warum er mich nicht auf dem Feld sehen will“, mischte sich Jason in das Gespräch ein, „Und ich würde mir wünschen, dass du es einfach akzeptierst. Immerhin sehen wir uns oft genug. Du musst nicht so tun, als würdest du den ganzen Tag nur trainieren oder anleiten.“
Tim runzelte die Stirn. Der Prinz klang resigniert. Das war wohl auch eine Diskussion, die schon einmal geführt wurde.
„Wenn ihr beiden mich entschuldigen würdet“, stand Jason auf, „Ich habe nicht gut geschlafen und werde vorzeitig zu Bett gehen.“
Bruce lächelte sanft: „Träum schön, mein Sohn.“
„Ich wünsche dir nachher noch eine gute Nacht“, kündigte Dick an und zog sich das Stück Kuchen heran, dass sein Bruder übriggelassen hatte.

 

Der Tag war lange gewesen und Tim erschöpft. Dementsprechend war er dankbar, als Jason ohne Klageworte seine Arbeit zuließ. Kaum war das Feuer entfacht und der Prinz umgezogen im Bett, klopfte es auch schon an der Tür.
„Wenn es Dick ist, dann schlafe ich schon.“
Tim schluckte bei dem Gedanken, den Kronprinzen anlügen zu müssen.
Er öffnete die Tür und Prinz Richard streckte ihm einen Trank entgegen.
„Von Alfred“, erklärte er.
„Der Prinz schläft schon.“ Tim war überrascht, wie überzeugend er klang.
Dick nickte. „Dann stell es ihm auf den Nachttisch. Aber, sollte er aus irgendeinem Grund doch noch wach sein, dann richte meinen Bruder doch aus, dass er diesem Gespräch nicht ewig entkommen kann.“
Das würde Tim sicherlich nicht machen, dann Dick hatte so laut geredet, dass es schon an schreien grenzte. Es war unmöglich, dass Jason dies überhört hatte.
Er nickte dennoch und nahm den Trank an sich.
„Eine gute Nacht, Hoheit“, meinte er höflich.
Dick lächelte: „Eine gute Nacht, Tim. Du hast das heute sehr gut gemacht.“
Das sah Jason anders, aber es war schön, gelobt zu werden. Tim war nur das Gegenteil gewohnt.
Der Junge schloss die Tür und streckte seinen Herrn die Phiole entgegen.
„Vom Hofheiler“, erklärte er.
Jason nickte. „Leg es auf den Nachttisch, dann war es das für diesen Tag. Morgen erwarte ich kein Frühstück, aber wir machen einen Ausritt zur Mittagszeit. Ich erwarte, dass du dies an den Stallmeister rechtzeitig weitergibst.“
„Wie Ihr wünscht.“ Tim hatte es plötzlich eilig aus dem Raum zu kommen. Da wartete ein Bett auf ihn, das seinen Namen schrie und plötzlich war er froh, dass Gordon weitere Treffen verschoben hatte, bis sich Tim einleben konnte.
„Schlaft gut“, meinte er noch, als er das Zimmer verließ. Es kam keine Antwort.

 

Tim dachte, er würde träumen. So kam es ihm zumindest vor.
Er befand sich in seinem kleinen Zimmer, umhüllt von Schwärze und hatte sicherlich nur wenige Stunden geschlafen. Alles normal. Abgesehen von der Stimme in seinen Kopf, die allumfassend sein gesamtes Bewusstsein einnahm.

„Wenn sich Diener gegen Meister
und Prinz gegen Krone wendet,
dann wird die Zeit kommen,
wo der Krieg beginnt und der Frieden endet.“

Ein Gefühl blieb in Tim zurück, als wären die Worte unvollständig, aber all das wurde von einem Schrei verdrängt.
Er sprang auf, denn er hatte die Stimme erkannt und er wusste auch, wer da schrie. Seine nackten Füße schlugen auf den kalten Stein und es war ihm egal, als er an schlafenden Wachen vorbeirannte.
Tim konnte erst wieder atmen, als er neben Jasons Bett stand und anfing den Jungen wach zu rütteln.
Er sah gar nicht mehr bedrohlich oder königlich aus. Plötzlich war er nur ein verängstigter Junge gefangen in seiner eigenen unbekannten Kraft. Verschlungen von Mächten, die er unmöglich verstehen konnte.
„Wach auf!“, rief Tim und rüttelte so kräftig er konnte an der Schulter.
Blaue Augen blickten ihm entgegen. Angst stand in ihnen.
„Du!“, kam es wütend, heiser und anklagend von dem Prinzen, ehe er komplett das Bewusstsein verlor.
Tim stand zitternd in dem Schein der Glut und wünschte sich, dass es nur ein Alptraum wäre.

 

Teil II

 

Erst nachdem er Alfred aus dem Bett geholt hatte, war Tim aufgefallen, dass er unmöglich erklären konnte, warum er um diese Uhrzeit im Zimmer des Prinzen gewesen war.
Zu seinem Glück war das vorerst auch nicht wichtig.
Der Hofheiler war ihm ohne Zögern gefolgt und sah selbst in seinem Nachthemd noch erhaben aus. Tim dagegen sah einfach nur lächerlich aus und langsam froren seine Füße.
„Zieh die Schuhe dort an“, zeigte Alfred auf Schuhe, die Jason gehörten. Tim wollte protestieren, aber da er schon nicht mehr die Aufmerksamkeit des Mannes hatte, gab er einfach nach.
Alfred tätschelte Jasons Wange, doch es rührte sich nichts. Als nächstes nahm er das Handgelenk in seine Hand. Warum auch immer. Tim kannte sich mit Medizin nicht aus.
„Tu mir einen Gefallen, Bursche und weck den König, während ich meiner Arbeit nachkomme.“
„Ist es so ernst?“, fragte Tim ängstlich. Und er hatte sich noch Gedanken über eine Erklärung gemacht. Niemand würde nach einer Erklärung fragen, sollte Jason sterben.
Zu seiner großen Erleichterung schüttelte Alfred den Kopf. „Ich denke nicht, aber sollten wir es unterlassen, würde seine Hoheit nicht zufrieden mit uns sein.“
Es war klar, dass dies mehr als nur eine Predigt nach sich ziehen würde.
Tim schluckte und machte sich auf den Weg.
Die Tür zum Schlafgemach des Monarchen war schwer und noch schwerer bewacht. Gleich zwei Ritter standen davor und zumindest einer der beiden war wach.
„Der König schläft, Kleiner“, meinte der Braunhaarige, „Genauso fest wie Sir Bartholomew hier. Ich schlage vor, dass du dich umdrehst und nun ebenfalls dieser Tätigkeit nachkommst.“
Tim schüttelte den Kopf und nahm all seinen Mut zusammen, um einen Ritter zu widersprechen.
„Ich bin Prinz Jasons persönlicher Diener. Ihm geht es nicht gut und der Hofheiler bat mich, dies dem König mitzuteilen.“
Fast sofort wurden die Gesichtszüge des Mannes weicher und auch besorgter.
„Ich verstehe.“
Und mit diesen Worten stieß er seinen Kollegen mit seinen Ellbogen in die Rippen.
Der Blonde wurde wach und war empört: „Was soll das denn, Hal? Du weißt genauso gut wie ich, dass ich den Schlaf brauche.“
Hal nickte und zeigte auf Tim. Bartholomew runzelte die Stirn.
„Das ist Jasons Diener. Du wirst jetzt rein gehen und König Bruce berichten, dass sein zweiter Sohn krank ist.“
Der Mann war plötzlich hellwach und schüttelte den Kopf. „Oh, nein. Die schlechte Nachricht kann der Junge ihm schon persönlich überbringen.“
Ehe sich Tim versaß, war er schon in den Raum geschoben worden. Was war denn das gewesen?
Tim war vollkommen überfordert, weswegen er einige Augenblicke benötigte, um festzustellen, dass der König nicht schlief, sondern an seinen Schreibtisch bei Kerzenlicht saß und sich Pergamente durchlas. Beziehungsweise starrte er gerade Tim an.
Tim, der immer noch in seinem Nachtgewand war.
Er verbeugte sich schnell, um sein rotes Gesicht zu verbergen.
„Eure Majestät! Bitte entschuldigt die nächtliche Störung, aber Prinz Jason geht es nicht gut. Der Hofheiler wünscht Euch zu sehen.“
Der Mann war schon nach dem Ende des zweiten Satzes aufgesprungen und befand sich auf dem Gang, als Tim fertig war. Er beeilte sich kurzerhand hinterherzukommen, denn einfach so zu verschwinden, würde ein sehr schlechtes Bild auf ihn werfen.
Zudem wollte er wissen, wie es Jason ging.

 

Es hatte etwas erschreckend Faszinierendes, den mächtigsten Mann des Königreiches aufgewühlt zu sehen. Es macht ihn menschlich.
Irgendjemand musste Dick Bescheid gegeben haben, denn dieser hielt Jasons Hand umklammert, als läge dieser auf dem Sterbebett.
„Er hat nur das Bewusstsein verloren“, beruhigte Alfred ihn, „Der Prinz ist stark und jung. Er wird früher oder später wieder aufwachen und es wird ihn nicht beruhigen, wenn er lauter Menschen um sich hat, die Fragen stellen, die er unmöglich beantworten kann.“
Der Blick des Hofheilers ging bedeutungsvoll zu König Bruce.
„Ich hatte nicht vor, ihn auszufragen.“
Tim schluckte, als der König zu ihm blickte.
„Was ist passiert?“
Er konnte nur hilflos mit den Schultern zucken. „Er hat geschrien. Ich wollte ihn nur aufwecken. Doch kaum war er wach, ist er auch schon wieder zusammengeklappt.“
Der König öffnete gerade den Mund, um weitere Fragen zu stellen, als ihn ein Kissen am Kopf traf. Tim stockte der Atem.
„Ich versuche zu schlafen“, blaffte Jason kraftlos und drehte sich um.
Dick zog nur an seinem Arm. „Hier wird nicht geschlafen! Wir haben uns Sorgen gemacht!“
Alfred räusperte sich: „Ehrlich gesagt, halte ich Schlaf für die beste Medizin in diesem Fall und man sollte öfters auf die Patienten hören. Wenn sie keine edlen Sturköpfe, wie gewisse Ritter, sind, dann wissen sie auch, was gut für sie ist.“
„Da!“, freute sich Jason und gähnte, „Ihr habt es gehört. Verlasst mein Zimmer.“
Nur der Hofheiler bewegte sich. Tim folgte ihm und war froh, endlich aus dieser Umgebung fliehen zu können.
„Stopp“, befahl der König.
Natürlich hatte er sich zu früh gefreut!
„Du hast die Wahl, Jason. Einer von den Anwesenden – Alfred ausgenommen, weil ein Mann seines Alters längst im Bett sein sollte – wird die Nacht sicherheitshalber in deinem Zimmer verbringen. Das steht nicht zur Debatte. Wer soll es sein?“
Es herrschte kurz Schweigen.
„Der Diener soll bleiben“, grummelte Jason, „Ist ja schließlich seine Arbeit, oder?“
Tim war sich ganz sicher, dass Prinz Richard dies bei der Jobbeschreibung ausgelassen hatte. Widerwillig verließen die Familienmitglieder den Raum und widerwillig blieb Tim.

 

Tim wusste nichts mit sich anzufangen und er hatte ehrlich gesagt auch Angst. Angst vor einer ganz bestimmten Frage, die auch prompt kam, als die Tür ins Schloss fiel.
„Wieso warst du überhaupt in meinem Gemach?“
Hier sollte Tim lügen. Er konnte kaum die Wahrheit sagen, die geradezu „Magie“ schrie. ... Aber Jason war selbst magisch. Dieser Tatsache war sich Tim jetzt sicher. Dies hieß aber nicht, dass der Prinz sich dessen auch bewusst war.
„Nun?“
Tim gab gerne zu, dass er unter Druck nicht immer logisch agierte.
„Ich hatte einfach ein schlechtes Gefühl!“, entkam es ihm. Das war die Wahrheit und gleichzeitig die wohl mieseste Ausrede aller Zeiten.
Zu seiner Überraschung lachte der andere Junge nicht auf oder bedrängte ihn weiter. Stattdessen nickte er nur kaum wahrnehmbar in der düsteren Umgebung.
„Du kannst dir die Ersatzdecke aus dem Schrank nehmen und es dir auf dem Sessel vorm Karmin gemütlich machen. So oft wie der König dort schon eingeschlafen ist, sollte es bequem genug für dich sein.“
Tim verbeugte sich, obwohl Jason es vermutlich nicht sah und kam den Anweisungen nach. Er war nur erleichtert, dass er nicht neben dem Bett Wache stehen musste, wie es der König zweifelsohne im Sinn gehabt hatte.
Der Prinz sollte Recht behalten. Der Sessel war so bequem, dass Tim sein Bett jederzeit mit ihm ersetzt hätte. Fast schon schade, dass er nicht immer dort schlafen konnte.

 

Der Nachteil eines spät abendlichen Abenteuers war, dass die innere Uhr kaputt ging. Tim verschlief, weswegen er noch nicht einmal böse sein konnte, als Jason ein Glas Wasser über seinen Kopf entleerte.
Nichtsdestotrotz schreckte er desorientiert hoch und wurde mit einen hämisch grinsenden Gesicht begrüßt.
„Ich werde dir diesen kleinen Ausrutscher verzeihen“, klang der Prinz absichtlich gönnerhaft, „allerdings solltest du dich jetzt aufmachen und dir etwas anderes anziehen, bevor das ganze Schloss meinen Diener in seinen Schlafgewand sieht.“
Blut stieg in seine Wangen, als Tim das bewusst wurde. Schneller konnte man ihn gar nicht wach kriegen. Vor allem wann man sich dem Umstand ansah, dass Jason schon vollständig angezogen war.
„Tim“, hielt ihn der andere Junge noch auf, „Der heutige Ausflug wird leider doch nicht stattfinden.“
Keine Erklärung, aber er konnte sich denken, dass es am Albtraum lag.
Also verbeugte sich Tim und eilte in seine eigene Kammer. Bedauerlicherweise sahen ihn einige Wachen und Dienstmägde. Spätestens zur Mittagszeit würde es also das gesamte Schloss wissen.
Fantastisch!

 

Wie sich herausstellte, lag die Verschiebung des Ausfluges nur indirekt am Albtraum. Kaum dass sich Tim umgezogen hatte, klopfte auch schon Prinz Richard an die Tür.
„Plant mein Bruder immer noch heute auszureiten?“
Tim schüttelte stumm den Kopf und der Mann atmete erleichtert aus.
„Gut, dann muss ich ihm nicht Vernunft einbläuen.“
Es sah ganz danach aus, als hätte Jason schon gewusst, dass ihm der Abstecher in den Wald nicht erlaubt sein würde. Das war auch der Moment, wo ihm wieder Roses Worte einfielen.

Ganz zu schweigen davon, dass seine königliche Hoheit, der König, und sein Bruder, Prinz Richard, ihn behüten, wie Hunde ihr Junges.

Sah ganz so aus, als hätte die Frau das richtig erkannt.
„Vielen Dank für deine Dienste“, lächelte der Prinz ihn an. Er wirkte freundlich, nicht arrogant und war somit alles, was sich Tim niemals bei einem Adeligen hatte vorstellen können. Es sah ganz so aus, als hätte er die falsche Erziehung genossen.
Er versuchte das Lächeln zu erwidern, aber der Schock der Nacht hielt an und es war wohl schief. „Ich bin nur froh, dass ich helfen konnte.“
Seine Stimme klang leise, hohl. Richard kommentierte es nicht, sondern wechselte das Thema.
„Jetzt wo Jason für den Mittag nichts geplant hat und ich den Mittag frei habe, kann er mir nicht mehr ausweichen“, rieb sich der Mann gierig die Hände, „Richte ihm doch bitte aus, dass ich ihn dazu einlade, seine Mahlzeit in meinen Gemächern einzunehmen.“
Tim würde gerne alles außer das erledigen.
Rose räusperte sich. Tim sprang hoch, Richard reagierte gar nicht. Natürlich hatte der Ritter die Frau bemerkt.
„Ich möchte nicht stören, Mylord, aber ich soll Tim von seiner Hoheit, Prinz Jason, ausrichten, dass seine Dienste bis zum Mittag nicht gebraucht werden. Er legt sich noch einmal hin, um die Kopfschmerzen zu kurieren.“
Wow. Und was sollte Tim jetzt tun? Er konnte unmöglich Jason wecken, nur um ihm die Nachricht von Richard zu übergeben. Genauso konnte er aber nicht einfach den Wunsch von Richard übergehen.
Zu seinem unglaublichen Glück war der Prinz – wie bereits erwähnt – freundlich und schien das Problem zu erkennen.
„Weck ihm zum Mittagessen und bring ihn meine Gemächer. Das Essen wird bereit stehen und er hat somit keine Möglichkeit, wieder zu verschwinden.“
Der Mann schien regelrecht erfreut.
Tim nickte und unterdrückte die eigenen Kopfschmerzen. Wie war das sein Leben geworden? Um die Füße von königlichen Hoheiten herumtanzen, damit er nicht draufstieg und gehängt wurde?
Richard ging davon und Rose grinste ihn an.
„Herzlichen Glückwunsch! Du hast schon am zweiten Tag einige Stunden frei. Weißt du schon, wie du sie verbringen wirst?“
Er überlegte kurz und nickte dann: „Ich hab eine Freundin, die mir die Stadt zeigen wollte. Ich schau wohl mal vorbei und frag sie, ob sie Zeit hat.“
Die Frau vor ihm nickte und hob bedeutungsschwer ihren Wäschekorb hoch. „Ich hab leider zu tun. Aber dir viel Spaß.“

 

Und denn hatte Tim, denn Barbara war gerade auf den Weg zum Markt, um Essen für sich und ihren Vater einzukaufen und mehr als erfreut, dass er sie begleiten würde.
„Gotham kann groß wirken“, meinte sie fröhlich, „Aber man lebt sich schnell ein. Auch wenn man als Angestellter der Krone nicht so oft in die mittlere und untere Stadt kommt, wie man möchte.“
„Gotham wirkt nicht groß“, protestierte Tim spaßeshalber, aber deswegen nicht weniger ehrlich, „Es wirkt gigantisch! Wie findest du dich hier nur zurecht?“
Sie bogen gerade um die zehnte Ecke von kleinen Seitengassen und Tim hatte jegliche Orientierung verloren, wo er sich im Wald niemals verirrt hätte.
Die Rothaarige lachte nur: „Ich lebe hier mein Leben lang. Für Anfänger wie dich, ist die Hauptstraße wohl der einzige sichere Leitfaden.“
Tim musste lächeln. Er hatte noch nicht viel Zeit mit der Frau verbracht, aber sie war genauso wie in seiner Vorstellung. Und diese Vorstellung war nur aus Jims Briefen an seine Eltern entstanden. Nicht, dass seine Eltern jemals geahnt hatten, dass er sie las.
Wörter wie selbstbewusst, schön, stark und gutmütig hatten Barbara beschrieben und jetzt erkannte Tim, dass ihr Vater nicht übertrieben, sondern eher untertrieben hatte. Überall wo sie Leute trafen, waren diese respektvoll zu der Frau und nicht bei Wenigen schwang sogar Dankbarkeit mit.
„Der Ruf meines Vaters“, erklärte sie ihm, aber Tim hatte die Vermutung, dass es eine Lüge war, da ihr die Aufmerksamkeit peinlich war. Er war sich sogar ziemlich sicher, dass die Leute Barbara als ihre eigenen Person sahen und nicht als die Tochter von jemanden.
Tim hatte man nie als den Sohn von jemanden angesehen, aber das hatte andere Gründe.
„Ist alles in Ordnung?“, riss ihn Barbaras Stimme aus seinen Gedanken.
Er setzte ein Lächeln auf, das niemanden überzeugen konnte und nickte.
Die Frau tat ihm den Gefallen und ließ die Lüge durchgehen.
Alles in allem waren es also schöne Stunden und Tim schaffte es sogar pünktlich zum zwölften Glockenschlag in die Gemächer des Prinzen.

 

Jason musste nicht geweckt werden.
Wie bei ihrer ersten Begegnung saß er am Tisch und sah erwartungsvoll auf.
Seine Stirn runzelte sich bei Tims Anblick.
„Hast du erneut mein Essen vergessen?“
Tim schüttelte seinen Kopf und verbeugte sich: „Ihr Bruder hat sich die Freiheit genommen, an seinen Tisch für sie mit zu decken.“
Resignation stand in Jasons Blick, aber er erhob sich nichtdestotrotz und begab sich zur Tür, wo er wartete.
Und wartete.
Tim braucht lange, um zu kapieren, dass er dem Prinzen die Tür öffnen musste.
Die Tür!
Er tat es zähneknirschend, während ihn Jason unschuldig anlächelte. Sei beide wussten sehr gut, dass der andere Mann durchaus noch eine Türklinke betätigen konnte. Das war ein reines Machtspiel.
Der kurze Gang hinunter zu den Gemächern des Kronprinzen war leer bis auf das Geschwisterpaar Rose und Jericho.
Tim schenkte ihnen ein Lächeln, das keiner der beiden erwiderte. Sie schienen zu sehr auf den Prinzen konzentriert, als ihn wirklich wahrzunehmen.
Gerade als Tim sie begrüßen wollte, fiel Jericho in sich zusammen.
„Jericho!“, rief Rose aus und fing ihn auf, während Tim zu ihm eilte.
Seine Brust senkte und hob sich noch, also lebte er noch. Das war schon einmal gut.
„Bringt ihm zum Hofheiler“, meinte Jason bestimmt, „Ich hab ein Gespräch mit meinen Bruder vor mir.“
Tim schaute überrascht auf. Er hatte eigentlich angenommen, dass der Prinz alles tun würde, um dem Gespräch zu entgehen.
Rose riss ihn aus seinen Gedanken.
„Pack mit an!“
Obwohl er sich einen Arm um die Schulter schlang, hatte Tim das Gefühl, dass Rose das meiste Gewicht trug.
Ein Blick zu ihr bestätigte, dass sie nicht so wie er außer Atem war, als sie bei Alfred ankamen. Allerdings zeigte die Frau auch keine Anzeichen von Sorge, sondern wirkte beinahe ... selbstzufrieden.
Tims Adern gefroren zu Eis und er ließ Jericho eher unsanft auf das Krankenbett fallen. Er bekam Alfreds Fragen gar nicht mehr mit, denn seine Füße bewegten sich schon wie von alleine.
Rose wollte nach ihm greifen, doch Alfred bombardierte sie mit Fragen und schien nicht bereit, sie gehen zu lassen.
Und Tim rannte. Er wusste nicht, wo er die Kraft hernahm, aber irgendwie schaffte er es ohne Pause an die Tür des Kronprinzen.
Er keuchte und Wally, der davorstand, sah ihn überrascht an.
„Welche Laus ist den dir über die Leber gelaufen?“
Tim konnte nur den Kopf schütteln und nach der Türklinke greifen.
Der Ritter versperrte ihm den Weg.
„Sorry, Kleiner, aber Dick möchte nicht gestört werden. Was für ein Ablenkungsmanöver sich Jason auch ausgedacht hat, es wird nicht funktionieren. Das lasse ich nicht zu.“
Tim verstand gar nichts mehr, er wusste nur, dass er in diesem Raum musste.
„Es ist wichtig!“
Wally schüttelte den Kopf: „Es kann warten.“
„Nein“, fauchte Tim und verstand selber nicht, woher seine Wut kam, „kann es nicht. Jason versucht Richard umzubringen!“
Der Ritter erstarrte und sah ihn an, als wäre er verrückt geworden.
„Bitte!“, flehte Tim schon fast, „Es ist derselbe Zauber wie bei Sir Roy.“
Das Wort ‚Zauber‘ war alles, was der Ritter gebraucht hatte und schon öffnete er selber die Tür.
Richard sah überrascht auf.
„Achtung!“, schrie Tim, denn er sah genau, wie Jason das Messer anhob, um es seinen Bruder in die Brust zu stechen.
Die Welt verlangsamte sich, als Dick herumfuhr, das Messer entdeckte und Jasons Handgelenk packte. Es sah schmerzhaft aus, ein Schrei ertönte und die Waffe traf den Boden, als die Welt wieder ihr normales Tempo erreichte.
Jason wurde blass und sah sich blinzelnd um.
„Dick?“, fragte er und Tim sah ihm an, dass er den Tränen nahe war, „Was wollte ich gerade tun?“
Der Angesprochene stieß ihn von sich, als hätte er sich verbrannt. Tim hatte in seinen Leben noch nie einen solchen Schmerz des Verrates in den Augen einer Person gesehen.
Jason trat einen Schritt vor und Richard trat zurück.
„Dick?“, fragte Jason gefährlich gebrochen, „Geht es dir gut?“
Und dann passierte etwas, mit dem Tim nie gerechnet hätte. Der starke, stolze und arrogante Prinz weinte.
Der Anblick der Tränen war das, was Tim aus seiner Starre riss.
„Es war ein Zauber!“, meinte er, „Wie bei Sir Roy.“
Doch wer dafür verantwortlich war, kam ihm nicht über die Lippen. Er vermutete, dass Jericho in seinen Körper zurück geflohen war und er gab den Geschwistern wissentlich Zeit zu entkommen. Weil sie so waren wie er. Auch wenn sie gerade versucht hatten, einen Mord wie Brudermord aussehen zu lassen. Auch wenn sie etwas Schlimmes getan hatten. Sie waren wie er und er konnte sich nicht ausliefern.
Prinz Richard schlug ergeben seine Augen nieder und winkte Wally zu Jason.
„Ihr beiden kennt die Prozedur. Jason, du musst leider Roy in den Kerkern Gesellschaft leisten.“
Jason ließ sich ohne Widerstand eine Hand auf die Schulter legen und zur Tür geleiten.
„Ich werde Bruce Bericht erstatten“, meinte Richard.
Kurz passierte nichts, als sich Jason die Tränen wegwischte, dann ging der Kronprinz zu seinem kleinen Bruder.
„Es war nicht deine Schuld“, meinte er bedeutungsschwer und nickte Wally zu. Richard schien die Worte hervorwürgen zu müssen und wenn man Jasons Blick trauen konnte, dann glaubte er sie auch nicht.
Sie alle ließen Tim zurück und er fragte sich, ob er die versuchten Mörder wirklich beschützen hätte sollen.

 

Die Zweifel und auch die Angst davor, dass sein Schweigen in näherer Zukunft negativ ausgelegen werden könnte, brachten ihn dazu, Prinz Richard hinterher zu rennen. Dieser schenkte ihn kaum einen Blick.
„Gibt es noch etwas, das ich über den Angriff wissen muss?“
Tim nickte einfach nur.
„Dann wirst du gleich dem König persönlich Bericht erstatten. Ich habe gerade keine Geduld für Etikette.“
Tim schluckte. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was der andere durchmachte. Innerhalb von zwei Tagen hatten zwei ihm nahestehende Personen versucht, ihm das Leben zu nehmen. Erfolglos, ja, aber das Gefühl des Verrates musste dennoch entstanden sein, bevor die Lösung der Magie auftauchte.
Die Wachen vor dem Speisesaal der Königsfamilie sahen sie komisch an, ließen sie aber kommentarlos passieren.
König Bruce hob verwundert den Kopf.
„Dick? Ich dachte, dass du heute mit Jason speist?“
Das Gruselige war, dass der König Tim durchaus wahrnahm und sich wunderte, aber ihn nicht verbal hinterfragte.
„Was ist passiert?“, wollte er stattdessen mit finsterer Miene wissen.
Dick holte einmal tief Luft: „Jason hat versucht mit umzubringen, wurde aber durch Tim davon abgehalten, als dieser in mein Zimmer stürmte. Tim meinte, es sei derselbe Zauber wie bei Roy gewesen. Und da wir hier von Jay reden, glaube ich ihm. Er befindet sich nun im Kerker.“
Der letzte Satz war hervorgewürgt. Dick sah beinahe schuldig aus.
Das Gesicht des Königs schien um einige Tage zu altern. Sein Blick wandte sich an Tim.
„Es scheint so, als wüsstest du mehr.“
Das war sie. Eine Aufforderung zum Sprechen und wenn sie noch so subtil versteckt war.
Tim verbeugte sich: „Ich habe keine Beweise. Es war hauptsächlich ein Gefühl.“
Und somit erzählte er ihnen, was im Gang vorgefallen war und wie ihn Roses Verhalten davon überzeugt hatte, dass etwas nicht stimmte.
„Wie gesagt, my lord, habe ich keine Beweise“, schloss Tim ab, „Aber es kam mir der Gedanke, dass irgendetwas oder irgendjemand Sir Roy besessen haben musste und in dem Moment schien es Sinn zu machen. Immerhin kommt niemand näher an den Kronprinzen heran, als seine eigene Familie.“
Die beiden Männer schauten ihn wortlos an und Tim wünschte sich fast schon, dass er ihre Gedanken lesen könnte.
„Dick. Lass doch bitte Rose und Jericho verhaften und in den Thronsaal bewegen. Es soll darauf geachtet werden, dass kein Augenkontakt entsteht. Ich werde der Weile die jetzigen Gefangenen zu den Ereignissen befragen.“
Dick rannte ohne eine Verbeugung raus.
„Tim“, klang der König beinahe sanft, „Das war gute Arbeit von deiner Seite aus. Würdest du mich bitte in den Kerker begleiten, um festzustellen, ob die Aussagen der beiden mit deinen Erinnerungen übereinstimmen? Immerhin warst du ebenfalls anwesend.“
Tim verbeugte sich: „Wie Ihr wünscht, my lord.“

 

Entgegen seiner Erwartungen besuchten sie erst Sir Roy. Die Zellen waren alle dank einer schweren Eisentür undurchsichtig, aber als sie in das Gefängnis des Ritters traten, stellte Tim fest, dass sie geräumig genug waren, um sich die die Beine zu vertreten, ohne über das schwach gepolsterte Bett zu stolpern.
„Mein König“, verbeugte sich der Ritter. Er schien nervös. Tim konnte es ihm nicht verübeln. Er wäre auch nervös, hätte er versucht Dick umzubringen.
„Es tut mir leid, dass Ihr so lange warten musstet“, meinte König Bruce ohne besonders schuldbewusst zu klinge, „Nun bin ich aber bereit, die Ereignisse aus eurem Mund zu hören.“
„Wie Ihr befehlt“, nickte der Ritter. „Ich war wie jeden Tag beim Training, als ich plötzlich – bitte verzeiht, wenn es komisch klingt, aber ich kann es nicht besser beschreiben – einschlief. Es war, als würde ich zurücktreten und jemand anderes meinen Körper steuern. Ich sah, wie Jason auf Dick zuging und ich fühlte wie sich mein Arm hob, um den Kopf meines Prinzen anzufixieren. Es fühlte sich wie ein Traum an und erst als der Pfeil sein Ziel verfehlte, war ich wieder wach und musste feststellen, dass ich beinahe meinen Prinzen das Leben gekostet hätte.“
Er klang schuldig.
Der König schaute zu Tim. Er nickte. Es war genau so geschehen. Roy hatte auf Richard gezielt und – zum Glück – verfehlt.
„Bevor ihr in diesen Tagtraum abgedriftet seid, was habt ihr das als letztes gesehen?“
Roy blinzelte bei der Frage aber gab sich sichtlich Mühe die Ereignisse zu rekonstruieren.
„Einige Diener haben gelacht, als sie die Wäsche aufhingen und mein Blick ging automatisch zu ihnen.“
„Haben sich Ihre Augen mit denen von Jericho gekreuzt?“
Sir Roy runzelte die Stirn: „Mit dem Blonden? Es könnte sein. Ich bin mir nicht sicher, Mylord.“
Der König nickte.
„Sie können die Zelle verlassen und ich fordere Sie dazu auf, die nächsten vierundzwanzig Stunden in ihren Gemächern zu verbleiben. Kommen Sie diesem Wunsch nicht nach, muss ich davon ausgehen, dass kein einziges Wort wahr war und Sie sich gegen das Königreich und gegen meine Familie gestellt haben. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?“
Der Mann knirschte mit den Zähnen, nickte aber.
„Ich habe verstanden. Vielen Dank, mein König.“

 

Die Zelle von Jason sah genauso aus wie die vom Ritter. Tim hätte es auch gewundert, wenn jemand besonders schöne Zellen für diesen Fall entworfen hätte. Eingesperrte Prinzen bekamen keine Extrawurst.
Der Blick des Prinzen schreckte sofort auf, als sie eintraten und senkte sich wieder, als er den König traf.
„Du hast sicherlich nicht gedacht, dass du mich jemals wieder in der Zelle besuchen müsstest?“, scherzte der Prinz humorlos.
Der König lachte auch nicht.
„Ich würde Dick niemals – niemals! – willentlich Schaden zuführen.“
Die Ernsthaftigkeit und Loyalität, die in diesem Satz mitschwangen, hätten noch den größten Skeptiker umstimmen können.
„Ich weiß“, meinte der König sanft, „Ich muss dennoch wissen, was passiert ist.“
Der Junge schluckte. „Ich weiß es nicht. Ich hab geträumt, dass ich mit Dick zu Mittag esse. Er hat versucht, etwas Wichtiges anzusprechen und ich habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, ihn das Messer in den Rücken zu rammen. Als er mich daran hinderte, musste ich plötzlich feststellen, dass ich gar nicht träumte, sondern alles real war. Aber es fühlte sich nicht real an, denn ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, ihn zu verletzen. Niemals!“
Tim schluckte hart. Es war schwer mitanzusehen, wie der Prinz Angst davor hatte, dass man ihm nicht glauben würde.
Wieder blickte der König über seine Schulter und wieder nickte Tim.
„Ich glaube dir, Jay“, klang der König müde und liebevoll zugleich, „Aber du musst mir dennoch sagen, was passierte, bevor du in den Raum eingetaucht bist.“
Wie schon beim Ritter zuvor, musste der Gefragte angestrengt nachdenken.
„Tim und ich sind zwei Bediensteten auf dem Gang begegnet. Rose und Jericho. Die Geschwister.“
Wow. Niemals wäre Tim auf die Idee gekommen, dass Jason die Namen der Beiden kannte.
„Irgendetwas Ungewönliches?“
„Sie sind meinem Blick nicht ausgewichen, wie es die Diener sonst immer tun“, musste der Prinz gar nicht lange nachdenken.
Der König nickte. „Du hast Hausarrest, solange bis ich es aufhebe.“
Der Prinz protestierte nicht.
„Die Vermutung liegt nahe, dass diese beiden dich verzaubert haben. Dementsprechend wirst du sie sofort den Wachen melden, sollten sie sich dir nähern. Tim ist der Einzige, der dein Zimmer betreten und verlassen wird.“
Tim verbeugte sich.
„Ihr dürft gehen.“
Und so wurde Tim wieder zum Schatten seines Prinzen.

 

„Woher wusstest du es?“, kam die Frage vom Prinzen, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war.
Tim sah gespielt verwirrt auf. Er wusste genau, was der andere Junge meinte, würde es aber niemals zu geben.
„Dass ich unter einen Zauber stand.“
Tim seufzte: „Ihr seid - verzeiht mir die Ehrlichkeit - ein offenkundiges Arschloch, mein Prinz. Allerdings halte ich euch nicht für kaltblütig genug, euren eigenen Bruder umzubringen.“
Die Mundwinkel des Prinzen hatten kurz bei der Beleidigung gezückt, aber jetzt wirkte er nur noch trostlos. Tim hoffte fast schon, dass man ihn gleich in den Kerker für üble Nachrede werfen würde. Dann könnte er zumindest diesem Gespräch entkommen.
„Du wusstest es noch, bevor du den Versuch mit eigenen Augen erlebt hast. Genauso wie du auch von meinem Alptraum wusstest.“
Tim schluckte. Ihm gefiel nicht, worauf es hinauslief.
„Meine Instinkte sind sehr ausgeprägt, mein Prinz.“
So wie Jason aussah, glaubte er ihm kein Wort.
„Ich bin mir nicht sicher, was ihr hören wollt“, gab Tim kleinlaut zu. Er wollte nur hier weg. Es wurde in diesem Raum so heiß, dass er sich einbildet, die Flammen des Scheiterhaufens zu spüren.
Jason müsste mehrmals zum Sprechen ansetzen. Als seine Antwort endlich hervorkam, war es eine Frage, mit so viel Hoffnung gestellt, dass Tim die Verzweiflung dahinter auf der Zunge schmecken konnte.
„Hast du Magie?“
Und Tim - dümmer, naiver und hoffnungsloser Tim - nickte.
„Ja, mein Prinz.“
Und das schlimmste war, dass es fast schon stolz über seine Lippen kam.
„Ja, ich habe Magie.“

 

Teil III

 

Erst als die Worte draußen waren, wurde Tim bewusst, was er in diesem Moment getan hatte. Er hatte dem Prinzen von Gotham gebeichtet, dass er das heiligste Gebot von seinem Land gebrochen hatte.
Es war, als wäre die Luft aus Eisen und würde ihn nicht nur die Kehle zuschnüren, sondern ihn auch auf seine Knie drücken.
Sein Blick verschwamm, während er unterwürfig zu Boden glitt. Jeglicher Kampf würde nichts bringen. Es half nur noch verhandeln.
„Es tut mir leid. Es tut mir leid. Ich flehe euch an, lasst mich gehen. Ich kann jetzt aufbrechen und nie nach Gotham zurückkehren. Für das Leben, dass ich Ihrem Bruder gerettet habe, lasst mein Leben verschont.“
In sein Flehen vertieft bekam er erst mit, dass der Prinz an ihn getreten war, als Arme ihn in eine Umarmung an eine seidene Brust drückten.
Tim erstarrte. Nie hätte er das Wort "zärtlich" mit dem Prinzen in Verbindung gebracht, aber genau das traf jetzt zu. Und anstatt bizarr zu wirken, ... passte es perfekt zu ihm. Als wäre diese Seite an ihm schon immer da gewesen, nur getarnt.
„Danke“, flüsterte Jason in sein Ohr. Er klang nicht den Tränen nahe, sondern als würde er weinen. „Ich war so lange alleine. Ich danke dir.“
Wurde ihm gerade für seine Ehrlichkeit oder seine Existenz gedankt?
Es war eigentlich auch egal. Sie saßen sich in den Armen liegend auf den Boden und weinten. Ein Prinz und sein Diener weinten. Der Standesunterschied spielte keine Rolle mehr. Sie waren beide Brüder der Magie.

 

Als sie sich schlussendlich voneinander trennten, verwies der Prinz auf die Stühle vor dem Kamin.
„Komm, du musst mir unbedingt alles über dich erzählen und was dich mit diesem Geheimnis auf den Schultern nach Gotham getrieben hat.“
Tim lächelte und setzte sich: „Aber nur, wenn Ihr mir dafür Eure Geschichte erzählt, Hoheit.“
Jason verzog den Mund: „Diese Förmlichkeiten wirken ziemlich unangebracht, wenn man bedenkt, dass wir beide gerade noch geweint haben. Willst du mich nicht lieber einfach Jason nennen? Jay ist auch in Ordnung.“
Tim klappte der Mund auf.
„Oder auch nicht“, kam es sofort und Tim konnte sehen, wie dem Prinzen das Blut in den Kopf schoss.
„In der Zweisamkeit sollte nichts dagegensprechen“, überlegte Tim laut, „allerdings möchte ich ungern vom König wegen Beleidigung der Krone in den Kerker geworfen werden.“
Jason winkte ab: „Das würde Bruce nie machen, aber ich verstehe woher du kommst. Also Jay jetzt und später Prinz?“
Tim nickte bestätigend und probierte es gleich aus: „Das würde mir gefallen, Jay.“
Und der Prinz lächelte. Ehrlich und unbefangen.


„Warum bist du nach Gotham gekommen?“
Tim schaute jetzt doch überrascht auf. Das war die erste Frage, die Jason stellte. Vermutlich um den Anfang von dem Gespräch zu bilden.
„Nicht um der Königsfamilie zu schaden, sollte dich das beunruhigt haben.“
Hastig schüttelte Jason den Kopf: „Nein. Das ist mir noch nicht einmal in den Sinn gekommen. Es ist nur so, dass Gotham kein sicherer Ort für Leute wie di… uns ist.“
Tim nickte. Da hatte er recht und irgendwie war es niedlich, wenn auch traurig, dass der Prinz noch lernen musste, sich in die Zauberer-Gemeinschaft mit einzubeziehen.
Dennoch war es kein leichtes Thema für Tim, weswegen er einen trockenen Mund bekam.
„Meine Eltern fanden heraus, dass ich Magie besaß, als ich noch sehr klein war. Also mieden sie mich und hielten mich von der Außenwelt fern.“
Jason sah bedrückt aus. Als würde ihn diese Geschichte persönlich betreffen. Vielleicht tat sie es auch. Immerhin durfte auch er sich immer verstecken vor seiner wahren Natur.
„Als dann das Angebot kam, dass mich von ihnen wegbringen würde, wohl verstaut und ohne Nachteile für sich, ergriffen sie es sofort. Noch im selben Jahr fing ich die Zaubererausbildung im Königreich von Ra’s al Ghul, Grelot, an.“
Jasons Augen funkelten: „Dort ist Magie nicht verboten, richtig?“
Tim nickte, aber sein Blick war finster. „Nein, ist es nicht. Aber es ist keine schöne Magie, die dort gelernt wird. Alles dort ist … düster. Das ist das passendste Wort.“
„Also ist Magie doch was schlechtes?“ Der Prinz klang enttäuscht und verbittert.
Tim konnte nicht anders, als seine Hand zu ergreifen.
„Nein. Nein, ist es nicht. Magie ist so fantastisch, dass Grelot eine Beleidigung für ihre Schönheit ist. Alles, was dort gelehrt wird, ist Hass und Kampf und Blut. Es ist furchtbar dort.“
Jason sah ihn mit großen Augen an und Tim wusste, dass er es nicht verstand. Nicht verstand, wie ein Land mit Magie furchtbar sein sollte.
„Seht her“, bat Tim.
Ein Zauber. Er sprach einen Zauber und schon formte sich das Feuer im Kamin zu einem Baum.
Jason lächelte glücklich und begeistert wie ein kleines Kind. Er wirkte wahrlich unbefangen.
„Das ist Magie, wie sie sich richtig anfühlt“, erklärte Tim.
Einen Zauber. Einen furchtbar unnatürlichen Zauber. Tim wurde schon schlecht, als er ihn nur dachte.
Das Feuer wurde grün und nahm seine ursprüngliche Form ein.
Tim konnte regelrecht sehen, wie sich Verständnis auf seinem Gesicht ausbreitete.
„Mach das weg“, kam es schwach über seine Lippen und Tim tat es ohne zu zögern.
„Und das war Magie, wie sie in Grelot gelernt wird.“
Jason saß bleich und zitternd auf dem Stuhl neben ihn.
Nach kurzem Schweigen ergriff er endlich das Wort.
„Talia al Ghul hat mir einen Platz in Grelot angeboten. Ich denke schon seit Wochen darüber nach und hatte mich dazu entschlossen, es anzunehmen. Um hier wegzukommen. … Jetzt geht das nicht mehr. Nicht, wenn die Magie so aussieht.“
Tim wollte Fragen stellen. Woher kannte er die Prinzessin? Was hatte sie im Gegenzug verlangt? Und noch tausend weitere. Aber das war jetzt nicht wichtig.
Also fuhr er mit seiner Geschichte fort.
„Ich gehe jetzt nicht auf die Einzelheiten ein, aber ich musste um mein Leben fürchten. Also ging ich in das einzige Land, dass Leute aus Grelot wie die Pest meiden. Gotham.“
Jason nickte, als würde das Sinn machen und seine Augen sagten klar und deutlich, dass er noch Fragen hatte. Doch er stellte sie nicht. Vermutlich, weil er ahnte, dass Tim nicht ohne Grund das Thema umschifft hatte. Er wollte nicht darüber sprechen.

 

Bevor auch nur einen von ihnen eine neue Frage stellen konnte, schlug die Tür auf und der Kronprinz stürmte herein. Tim schaute zurück zum Feuer, um sicher zu gehen, dass der Zauber nicht mehr wirkte. Eine Minute früher und Tim hätte ein glattes Todesurteil erlitten.
Doch Dick schien ihn gar nicht wahrzunehmen. Er hatte nur Augen für seinen kleinen Bruder, den er auch sofort auf die Füße und an seine Brust zog.
„Wir haben sie“, murmelte er wie ein Mantra, „Sie können dir nichts mehr tun. Wir haben sie.“
Jason entspannte sich in den Armen seines Bruders, aber den Blick, den er Tim zuwarf, war beinahe gepeinigt.
„Warum haben sie es getan?“
Das war eine gute Frage. Eine, die sich Tim auch schon gestellt hatte. Was brachte einen dazu, den Kronprinzen anzugreifen und das auch noch mit so feigen Mitteln.
„Sie sind die Kinder von Slade Wilson. Bruce hat vor einigen Jahren Wilsons Erstgeborenen hingerichtet und die beiden haben beschlossen, dass man das am besten rächt, indem man ihm auch seinen Erstgeborenen stielt.“
Dick zog Jason noch näher an sich, aber seine Stimme klang entfernt. Er gab einen Bericht ab und versteckte seine Emotionen. Ganz Soldat und nicht Mensch.
„Was geschieht jetzt mit ihnen?“, fragte Jason als nächstes und seine Augen schlossen sich. Er konnte Tim nicht ansehen und dieser verstand es. Zumindest Jericho war magisch und für solche Menschen gab es nur eine Strafe.
„Ihre Hinrichtung ist morgen“, meinte Dick. In seiner Stimme schwang plötzlich Wut mit. „Bruce hätte sie einfach sofort umbringen sollen, dafür, was sie dir angetan haben.“
„Sie haben versucht dich umzubringen!“, erinnerte Jason. Er klang baff und Tim sah ihm die Angst an. Die Angst davor, dass die beiden nur sterben würden, weil er involviert war. Tim fühlte sich ähnlich schuldig. Hätte er mit Bruce doch niemals seine Theorie geteilt!
„Sie haben dich benutzt wie ein Werkzeug“, fauchte Dick, „Ich habe für einen kurzen Moment die Welt nicht mehr verstanden, weil ich dachte, dass du meinen Tod willst und ich werde mich dafür immer hassen. Genauso wie du den Gedanken niemals ertragen wirst, dass du beinahe meine Todesklinge geführt hättest.“
Jason drückte sich etwas von seinem Bruder weg, um ihm in die Augen sehen zu können: „Du musst dich nicht hassen, für etwas, was im Effekt passiert ist. Sobald klar war, was passiert ist, hast du mich sofort zurück an deine Seite gelassen. Du musst dich für absolut gar nichts schuldig fühlen!“
Da war sie wieder. Diese Überzeugungskraft eines Prinzen. Tim bezweifelte wirklich, dass irgendjemand dieser Wahrhaftigkeit widersprechen könnte.
Dick beugte sich vor und gab seinen Bruder einen Kuss auf die Stirn: „Ich liebe dich, kleiner Bruder.“
„Ich dich auch“, nickte Jason.
Die beiden lösten sich voneinander und Dick drehte sich zu Tim um, um ihn ebenfalls in eine knochenbrechende Umarmung zu ziehen.
„Danke. Danke. Ich weiß nicht, wie ich dir danken kann.“
„Jetzt sind wir quitt“, meinte Tim lächelnd, als er aus der Umarmung entlassen wurde, „Sie haben mir mein Leben gerettet und ich habe die Schuld beglichen. Wenn überhaupt, stehe ich noch in Ihrer Schuld, für diese Arbeit.“
Dick winkte sofort ab: „Nein. Du hast meiner Familie einen Dienst erwiesen und sobald du etwas brauchst, was es auch ist, möchte ich, dass du zu mir kommst. Ich schulde dir einen Gefallen, einen großen und ich bin bereit ihn zu zahlen.“
Tim lächelte und bedankte sich mit einer Verbeugung.
Dick fuhr sich durch die Haare.
„Der Zimmerarrest ist immer noch nicht aufgehoben. Es ist lächerlich, aber Bruce möchte dich in deinem Zimmer wissen, solange bis die Hinrichtung vollendet ist. Tim ist der Einzige, der ein- und ausgehen darf. Er wird dir dein Abendessen bringen. Ansonsten haben nur Bruce und ich Zugang, aber wir werden nach dieser Situation zu viel zu tun haben. Das tut mir leid.“
Jason seufzte: „Wir werden unser Essen ein anderes Mal beenden.“
Dick lächelte und verabschiedete sich.
Tim sah zu Jason und sah seinen eigenen Schmerz reflektiert. Morgen würde wieder magisches Blut in Gotham vergossen werden.

 

Teil IV

 

Am nächsten Tag war Tim aufgeregt, ließ es sich aber nicht anmerken.
Die Wachen vor Jasons Tür ließen ihn mit einem gierigen Blick auf das Frühstückstablett passieren.
Jason saß am Fensterbrett und schaute aus dem Fenster. Sein Gesicht war aschefahl und wenn Tim raten dürfte, hatte der Mann kein Auge zugemacht.
„Guten Morgen", flötete Tim, während er das Tablett abstellte und sich eine Erdbeere schnappte.
Jason schaute müde auf: „Der Vollstrecker schärft schon das Schwert und der Richtblock steht bereit."
Tim grinste ihn an: „Jetzt fehlen nur noch die Verurteilten."
Der Prinz starrte ihn an, als ob er den Verstand verloren hätte.
Bevor er was sagen konnte, stürmte der König rein. Seine Schultern sackten vor Erleichterung nach unten, als er Jason sah.
„Verlasst nicht den Raum!", befahl er.
„Was ist geschehen?", fragte Jason verwirrt.
Die Miene des Königs war eiskalt: „Jemand hat die Gefangenen befreit.“
Er verließ den Raum und die Tür fiel uns Schloss.
Jason starrte Tim ungläubig an, woraufhin er nur mit den Schultern zuckte.
„Sieht so aus, als würde keine Hinrichtung stattfinden. Und vielleicht konnte der Verräter mit den Geflohenen aushandeln, dass sie nie wieder nach Gotham zurückkehren dürfen."
Jason zog ihn in eine Umarmung und Tim erlaubte es.
„Das war verdammt dumm und gefährlich", würde ihn ins Ohr gemurmelt, „und ich bin dir unglaublich dankbar."
„Wir mit magischem Blut müssen zusammenhalten", antwortete Tim ehrlich. Er hatte es mehr für die Geschwister als für Jason getan.
Jason löste die Umarmung: „Dann sollten wir das Frühstück teilen. Denn wie du weißt, frühstücke ich nicht."
Tim grinste: „Was für ein Zufall, dass ich Erdbeeren am liebsten habe."

 

„Darf ich fragen, worüber dein Bruder mit dir reden wollte?“, füllte Tim die Stille mit einer Frage, die ihn schon länger auf der Zunge brannte.
Was sollte er machen, er hatte nun einmal ein neugieriges Gemüt.
Jason seufzte: „Dick und ich sind nicht die leiblichen Kinder von Bruce.“
Tim schaute überrascht auf: „Und dennoch ist Dick Thronfolger?“
Jason zuckte mit den Schultern: „Du hast ihn kennengelernt. Die Leute lieben ihn. Er kam mit einer Zirkustruppe nach Gotham, ist ein Fremder gewesen, und dennoch akzeptierten ihn die Lords und Ladys, als klar war, dass Bruce ihn als Thronfolger anvisierte.“
Tim runzelte die Stirn: „Das wusste ich nicht. Aber was hat das mit meiner Frage zu tun?“
Jasons Miene würde zu einem bitteren Lächeln: „Ich würde in Gotham geboren. An der Stadtmauer, wo Verbrechen und Armut noch groß sind. Obwohl ich von hier Stämme, werde ich für die Lords und Ladys nur die Straßenratte bleiben.“
Tim wusste nicht, was er sagen sollte. Denn es machte Sinn. Seine Eltern hätten weder Dick noch Jason akzeptiert, aber hätten sie sich entscheiden müssen, hätten sie wohl auch lieber Dick als neuen König genommen.
„Dick möchte mich ständig davon überzeugen, dass meine Herkunft niemanden interessiert. Wir haben ja auch Ritter aus dem gewöhnlichen Volk!“, Jason lachte auf, „Dick sieht die Welt nur so, wie sie sein sollte. Ansonsten würde ihm auffallen, dass ein Unterschied zwischen Straßenratte und Dorftrampel besteht.“
Tim sah scharf auf: „Du solltest nicht so von dir selber sprechen.“
Jason zuckte mit den Schultern: „Ich sage nur, wie die Leute es sehen. Und Dick will das nicht akzeptieren. Wenn ich ihm sagen würde, was die Leute hinter seinen Rücken über mich sagen, dann würden Köpfe rollen.“
„Warum sagst du es ihm dann nicht?“, fragte Tim, obwohl er die Antwort schon kannte. Dieser Mann vor ihm hatte ihn für die Befreiung seiner Angreifer gedankt. Das war ein Mann mit weichem Herzen.
„Mir ist ein friedliches Gotham lieber.“
Frieden. Wenn es nach den al Ghuls gehen würde, dann würde nur Krieg herrschen.

 

Tim gab ehrlich zu, dass er danach aufmerksamer lauschte, was andere Leute zu erzählen hatten. Die Diener kannten jeden noch so kleinen Tratsch, aber er merkte ihnen an, dass sie vorsichtig waren, was sie vor ihm sagten.
Die feine Gesellschaft kümmerte sich nicht darum, ob ein Diener mithörte.
„Wie lange möchte der König noch diesen Gossenabschaum an seinen Tisch begrüßen?“, fragte ein Lord unglaublich einen Freund. Das war der Moment wo Tim „ohne böse Absicht“ Kontrolle über den transportierten Wasserkrug verlor und ihn über den Adeligen ergoss.
Wie es sich gehörte, war Tim bestürzt über seine eigene Ungeschicklichkeit und entschuldigte sich mit tiefer Verbeugung, die sein selbstzufriedenes Grinsen versteckte.
Als er aufsah war der Lord rot vor Wut im Gesicht.
„Ich werde dafür sorgen, dass du noch heute rausfliegst. Wer hat dich angestellt, Bursche?“
Bevor Tim antworten konnte, antwortete eine Stimme hinter ihm: „Das wäre dann wohl meine Wenigkeit.“
Tim schellte zu Prinz Richard herum, welcher entwaffnend lächelte.
„Er ist noch ziemlich neu, aber besitzt eine große Arbeitsmoral. Zudem ist er der erste Diener, mit dem mein kleiner Bruder zurechtkommt. Da kann man ihm schon einmal einen kleinen Ausrutscher verzeihen, nicht wahr, Lord Maroni?“
Der Mann verzog seinen Mund: „Natürlich. Dann entschuldigt mich bitte, aber ich werde mich umkleiden.“
Dick nickte und die beiden Männer traten den schnellen Rückzug an.
„Danke“, murmelte Tim.
Dick sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an: „Von deiner Tollpatschigkeit habe ich bisher nichts mitbekommen, woran liegt das?“
Tim zuckte mit den Schultern: „Bisher hat auch niemand den Prinzen als Gossenabschaum bezeichnet.“
Dicks Blick wurde so finster, dass selbst die Sonne an Kraft zu verlieren schien, denn Tim fröstelte es.
„Leute wie Maroni würden einen guten Menschen nicht einmal erkennen, wenn er direkt vor ihnen steht, solange seine Abstammung unter seiner fehlgeleiteten Würde liegt.“
Einen guten Menschen, ja das traf auf Jason zu. Am liebsten hätte Tim das geteilt, was Jason ihm anvertraut hatte, aber genau deswegen schwieg er. Worte, die man im Vertrauen sprach, mussten auch vertraulich behandelt werden.
Dick seufzte schwer: „So sehr ich deinen Beschützerinstinkt schütze und am liebsten unterstützen würde, solltest du dich zurückhalten. Es gibt auch Adelige, die nicht um Erlaubnis bitten, bevor sich die Sache selbst in die Hand nehmen. Du könntest ernsthaft verletzt werden, wenn du nicht vorsichtig bist.“
Tim war nicht dumm. Er wusste genau, mit wem er so etwas abziehen konnte, aber er nickte nur, bedankte sich erneut und ging davon.

 

Eine Woche nach seinem Verrat kam es Tim so vor, als hätte er niemals zwei gefährlich Magier aus dem Kerker befreit.
Er wurde schmerzhaft daran erinnert, als der König in Jasons Gemach eintrat und darum bat, Tim später alleine sprechen zu dürfen.
Tim spannte ich sofort an und Jason ging es ähnlich.
„Alles, was du ihm sagst, kannst du vor mir besprechen. Ansonsten werde ich automatisch annehmen, dass es um mich geht“, funkelte der Prinz seinen Ziehvater herausfordernd an.
Bruce seufzte: „Da es um Tims Eltern geht, geht es nur Tim etwas an.“
Jasons Blick verfinsterte sich, während Tim sich, wenn möglich, noch mehr anspannte.
„Was ist mit meinen Eltern?“
Bruce sah komisch unsicher von den zwei Jungs hin und her.
„Ich habe keine Geheimnisse, Mylord“, meinte Tim, „Ihr könnt frei vor dem Prinzen sprechen.“
Bruce nickte und holte tief Luft: „Es wurde mir von Barbara zugetragen, dass deine Eltern Earl und Lady Drake sind.“
Tim nickte: „Das ist korrekt.“
„Es wundert mich nur, dass sie dich nicht in ihrem Brief erwähnten, mit dem sie ihre baldige Ankunft in Gotham deklariert hatten.“
Tim schluckte. Seine Eltern kamen hierher. Nach Gotham. Und natürlich entwickelte der König Zweifel daran, wen er da in die Nähe seines Sohnes gelassen hatte.
„Hast du Ihnen von Tim erzählt?“, fragte Jason besorgt.
Der König runzelte die Stirn: „Ich wollte dies erst einmal mit Tim besprechen.“
Jason atmete erleichtert aus.
„Was genau geht hier vor?“, wollte Bruce wissen.
Tim entschied sich für die Wahrheit - ohne Magieerwähnungen, weswegen er dem König direkt in die Augen blickte.
„Ihr, Mylord, habt ein großes Herz, dass zwei Kinder aufgezogen hat und liebt, obwohl sie nicht mit Blut mit euch verbunden sind. Meine Eltern dagegen haben nicht einmal genug Liebe für ihren eigenen Sohn im Herzen.“
Jason blickte ihn unglücklich an, während der König entsetzt einen Schritt zurückwich.
„Haben sie die Hand gegen dich erhoben?“
Tim schüttelte den Kopf: „Nein, aber sie haben mir mehr als nur deutlich zu verstehen gegeben, dass Abschaum wie ich nichts in ihrem Haus zu suchen hat.“
Bruce nickte. Traute sich offensichtlich nicht, nachzufragen.
„Kannst du den Besuch nicht absagen?“, fragte Jason.
Tim sah ihn ungläubig an. Allein die Vorstellung, dass man seine Eltern wegen ihm abweisen würde, war lächerlich.
König Bruce verzog unköniglich den Mund: „Ich fürchte nicht. Aber was haltet ihr davon, wenn ihr zusammen mit Dick einen Ausritt unternimmt. Dann musst du deinen Eltern nicht begegnen, Tim.“
Und das war die beste Lösung, oder? Denn im schlimmsten Fall würden sie ausplaudern, dass er über Magie verfügte und das dürfte er nicht riskieren.
Er musste realistisch bleiben, Jake und Janet Drake würden eher sterben, bevor sie ihn jemals lieben würden.
Also nickte er: „Das ist sehr freundlich von euch, Mylord.“
Der Mann sah zufrieden aus.
„Dann ist es beschlossene Sache. In drei Tagen unternimmt ihr einen schönen Ausflug.“
Und obwohl der Auslöser dafür deprimierend war, musste Tim gestehen, dass er sich schon darauf freute. Wenn Jasons Grinsen irgendetwas aussagte, dann ging es ihm wohl ähnlich.

 

 

Den Tag des Ausritts würde Tim wohl niemals vergessen. Es war der Tag, an dem sich eine alte Prophezeiung erfüllte und brannte sich so mit unaufhaltsam in seinen Kopf.
Er war so lange angespannt gewesen, bis sie den Wald erreicht hatten. Dann endlich hatte sich Tim entspannt, denn seine Eltern würden ihn hier niemals finden.
Die Prinzen sagten nicht, aber anscheinend sah man ihm seine Erleichterung an, denn ihr brüderliches Gezänke würde automatisch freundlicher.
Tatsächlich ritten sie auch nicht weit. Nur bis zu einer Lichtung in der Nähe eines Baches.
„Sonst hatte Bruce uns nie ohne Wachen gehen lassen“, meinte Dick entschuldigend.
Tim hatte abgewinkt. Er war kein großer Fan vom Reiten und er hatte gesehen, was die Köchin in den Picknickkorb gepackt hatte. Es war eine frühe Pause eindeutig wert.
Tim wusste noch, wie sie über belangloses Zeug gelacht hatten, aber die Details waren ihm alle entfallen.
Bis zu dem Moment wo sich Jason hinlegte und tatsächlich einschlief.
„Die letzten Tagen müssen ihn ganz schön mitgenommen haben“, seufzte Dick und kämpfte sichtlich gegen den Drang an, seinen kleinen Bruder die Haare aus dem Gesicht zu streicheln.
„Du bist ein guter Bruder“, kam es von Tim. Er versuchte sich nicht seinen Neid anmerken zu lassen, denn wenn er ehrlich war, dann hatte er schon immer eine Person in seinen Leben haben wollen, die ihn bedingungslos liebte.
„Ich glaube, er sieht dich als kleinen Bruder an“, erwiderte Dick als könnte er Gedanken lesen. Wahrscheinlicher war, dass Tim seine Emotionen nicht so gut im Schach hatte, wie gedacht.
„Und wenn ich ehrlich bin, dann tue ich das auch“, redete der Prinz unbekümmert weiter, aber Tim erstarrte.
Er konnte nicht anders, als den Mann ungläubig anzusehen.
„Dass meint Ihr nicht ernst.“
Dick lächelte ihn an. Keine Lüge stand in seinem Gesicht.
„Du hast mein Leben gerettet, dich mit meinen Bruder angefreundet und einem Lord eine Dusche für seine Ehre verpasst. Du bist brilliant und mitfühlend. Ich könnte mich glücklich schätzen, dürfte ich dich meinen Bruder nennen. Zudem solltest du mich wirklich Dick nennen.“
Tim wusste nicht was er sagen sollte. Es war sowieso besser zu schweigen, denn hätte er den Mund aufgemacht, hätte er die Tränen nicht mehr verbergen können.
Es würde ihm später ein Wunder sein, wie der glücklichste Moment seines Lebens so nah an der schlimmsten Katastrophe Gothams liegen konnte.
Jason drehte sich im Schlaf um und zog all die Aufmerksamkeit auf sich.
Sein Gesicht war gepeinigt in Stirnfalten verzogen.
„Ael koropus", murmelte er leise vor sich hin und Tim sprang sofort auf, um ihn zu wecken.
Eine Hand um sein Handgelenk verhinderte sein Vorhaben.
„Was...?“, er brachte die Frage nicht zu Ende. Die Miene des Prinzen war ausdruckslos, was auf den sonst so ausdrucksstarken Gesicht unnatürlich und erschreckend wirkte. Tims Herz rutschte ihm in die Hose.
Dick sah ihn gar nicht an, sein Blick war starr auf Jason gerichtet.
„Ephma gadil“, murmelte der Junge weiter. Nichts ahnend von der Gefahr in der er schwebte.
Tim erkannte einen Zauberspruch, wenn er ihn hörte und er hatte keinen Zweifel daran, dass es Dick genauso ging. Selbst wenn nicht, spätestens nachdem der Zauber Wirkung zeigte, hätte er seinen Beweis.
„Dick?“, versuchte es Tim drängend, „Er hat einen Albtraum. Lasst mich ihn wecken!“
Dicks Griff verstärkte sich nur leicht.
„Nein. Ich muss es wissen.“
Diese Aussage ... es klang beinahe so, als wollte er einen Beweis für seine Theorie. Und das machte Sinn, oder? Die Brüder standen sich so nahe. Dick musste schon lange Vermutungen bezüglich der Albträume gehegt haben.
„Iffmair!“, schrie Jason und fuhr hoch und das Gras um ihn herum vertrocknete.
Endlich ließ Dick Jason los, was Tim sofort nutzte, um sich beschützend vor den jüngeren Bruder zu stellen.
„Es ist nicht so, wie es aussieht!“, meinte er entschieden.
Ein Blick hinter seine Schulter, verriet ihm, dass Jason die Situation erfasst und in Schock gefallen war.
„Jason ist also kein Zauberer?“, fragte Dick ungläubig schnaubend.
„Nein“, entkam es Jason, „Ich habe es nie gelernt. Es passiert einfach.“
Tim hätte ihn am liebsten angefahren, dafür, dass er die Wahrheit zugab, aber vermutlich hatte seine Lüge nie eine Chance gehabt.
Dick sah ihn tieftraurig an: „Seit wann?“
„Schon immer.“
Dick machte ein Geräusch, dass Tim nur von sterbenden Vögeln kannte.
„Und nie hast du etwas gesagt? Noch nicht Mal, als wir dich bei uns aufgenommen haben? Wir hätten dir helfen können.“
„Ihr hättet mich auch umbringen können“, fauchte Jason wütend, „Mit dieser Angst habe ich jahrelang gelebt, bevor ich mir sicher war, dass ich es gut genug verbergen konnte“
Dicks Herz musste gerade gebrochen sein, wenn man seinen Augen vertrauen konnte.
„Du musst dich so alleine gefühlt haben.“
Jason nickte.
Dick sah plötzlich scharf zu Tim: „Du wusstest davon?“
„Er wird nichts sagen“, meinte Jason beschwichtigend, „Er kann ein Geheimnis für sich behalten. Du kannst ihn einfach laufen lassen.“
Dick runzelte die Stirn: „Was genau, denkst du, dass ich machen werde?“
Jason runzelte die Stirn: „Du bist der Kronprinz und seit Zucco verabscheust du Magie. Du wirst deine Pflicht tun, und mich zur Strecke bringen. Was ist das für eine Frage.“
Dick zog sein Schwert und rammte es in den Boden.
„Ich bin in erster Linie dein Bruder. Scheiß auf das Gesetz, Gotham und die Krone, wenn es bedeutet, dass ich dich an meiner Seite behalte!“
Irgendwie endete das alles in einer Gruppeumarmung.
Und drei Stunden später trafen die ersten Boten ein, dass eine Armee aus Grelot zog, zum Kampf bereit und für einen Krieg gerüstet.
Jasons Prophezeiung hatte sich erfüllt.

Tim hatte seinen früheren Meister komplett den Rücken zu gewandt und Dick hatte sich für seinen Bruder und nicht für Gotham entschieden.

Nur in was für einer Welt musste man leben, damit das Krieg bedeutete?

 

Teil V

 

Tim und Jason saßen angespannt im Zimmer des Prinzen.
Der Kriegsrat war einberufen worden und sie beide waren nicht erwünscht.
„Scheiße", fluchte Jason und ließ sein Gesicht in die aufgestützten Arme fallen, „Das ist alles meine Schuld, oder?“
Tim stutze: „Das musst du mir erklären.“
Der Prinz sprang auf und ging hin und her. Er stand unter Strom und musste es irgendwie loswerden.
„Wäre ich einfach zu Talia gegangen, würden wir jetzt keinen Krieg in Aussicht haben.“
„Nein“, meinte Tim sofort, „Der König ist kein guter Mensch. Er ist machtgierig ... und böse. Wenn einer Schuld ist, dann er. Und er hätte diesen Zug auch ohne dich unternommen."
Jason sah hoffnungsverloren zu ihm.
„Das wird den Krieg nicht verhindern.“
Tim nickte zustimmend und mit eisener Miene: „Nein, aber Gotham ist stark. Wir werden gewinnen.“
Jason ließ sich in seinen Sessel zurückfallen, als hätte ihn jede Ernergie verlassen.
„Aber zu welchem Preis?“
Und Tim wusste, dass er an seine Familie und seine Freunde dachte. Vielleicht sogar an sein Volk.
Tim überkam auch die Hoffnungslosigkeit, wenn er daran dachte, dass Dick oder Wally oder Roy nicht vom Schlachtfeld zurückkehren würden.
„Das liegt nicht mehr in unserer Hand“, konnte Tim nur sagen.
„Irgendetwas müssen wir doch tun können!“, widersprach Jason mit einem Faustschlag auf der Armlehne.
Tim konnte nur mit den Schultern zucken: „Ich wüsste nicht was.“


An diesem Abend kam Dick zu ihnen ins Gemach. Er sah besorgt aus und schloss sie sofort in eine Umarmung. Tim wusste, dass Dick Trost suchte, aber es fühlte sich dennoch warm an.
„Alles wird gut“, murmelte der Mann in ihre Ohren.
Sowohl Jason als auch Tim wussten, dass dies nicht stimmen konnte. Aber sie brachten es nichts übers Herz, Dick einen Lügner zu nennen.
Das letzte was ihr großer Bruder jetzt bräuchte, war, dass er ihnen erklären musste, wie schlecht es um sie stand.
Ein Krieg zog auf und das war noch nie was Gutes gewesen.

 

 

Tim blieb bei Jason im Zimmer. Keiner von ihnen wollte allein sein und so schliefen sie nebeneinander in dem großen Bett.
„Ich wünschte, Dick wäre hier“, flüsterte Jason, als würde er ein Geheimnis verraten, „Wir haben früher oft zusammen geschlafen. Haben uns heimlich in den Innenhof geschlichen und die Sterne betrachtet. Aber irgendwann wurden die Pflichten des Thronprinzen zu wichtig, als dass er dafür noch Zeit erübrigen konnte und ich wurde als seine rechte Hand trainiert.“
„Das muss hart gewesen sein“, meinte Tim.
Jason zuckte mit den Schultern: „Ich habe Glück, dass jemand wie ich diese Chance bekommen hat und nicht im Kerker gelandet ist.“
„Jemand wie du? Ein Arschloch“, fragte Tim Scherzes halber, weil die Stimmung zu bedrückend wurde. Er wusste allerdings, dass Jason nicht von seinem Verhalten sprach.
Der Prinz tat ihm den Gefallen und lachte auf.
„Nein. Ein Dieb“, gestand er ehrlich, „So habe ich den König kennengelernt. Hab versucht ihm den Lederbeutel mit den Geldmünzen von seinem Gürtel zu stehlen. Und Bruce, der Idiot, bemerkt es und entscheidet, dass er mir ein besseres Zuhause geben kann als die Straßen Gothams. Normalerweise hätte er mich in die Kerker werfen müssen, aber stattdessen gab er mir ein Zuhause und eine Familie. Ein Idiot, oder?“
Pure Liebe und Zuneigung waren in seiner Stimme und Tim lächelte.
„Ich wünschte wirklich, dass ich unter solcher Güte aufgewachsen wäre.“
„Ich auch“, meinte Jason, „Du hättest Liebe von deinen Eltern erhalten sollen.“
Tim war sprachlos wie großherzig Jason war, den er anfangs nur als großkotzigen Prinzen kennenlernen durfte.
„Warum hat der König von Grelot ein so großes Interesse an mir?“, wechselte der Junge unvermittelt das Gesprächsthema.
Tim biss sich auf die Lippe. Sollte er darauf ehrlich antworten? Es war nicht so, als wäre er noch auf Ra’s Seite, aber gleichzeitig wusste er nicht, wie Jason auf die Neuigkeiten reagieren würde.
„Du bist ein Seher“, machte sich seine Zunge selbstständig.
„Ich weiß“, meinte Jason, als wäre es keine besonders aufregende Sache.
Tim seufzte. Das hatte er befürchtet. Jason wusste nichts über die Welt der Magie und das war … traurig. Es war wirklich traurig, dass der Junge diesen Teil seines Lebens immer hatte meiden müssen. Sich selbst verleugnen musste.
„Seher sind sehr selten“, meinte Tim also ehrlich.
Jason erwiderte lange Zeit darauf nichts. Kurz dachte Tim sogar, dass er eingeschlafen sei.
Doch schlussendlich kam die Stimme wieder aus der Dunkelheit: „Also ein Ausgestoßener hier, wie auch bei deinen Leuten.“
Er klang so niedergeschmettert, dass Tims Herz es dem seinen gleichtat.
„Nein“, konnte er nur bestimmt erwidern, „Seher sind bei unseren Leuten hoch angesehen. Sie sind Führungspersönlichkeiten und Beschützer der Schwachen. Einen Seher auf seiner Seite zu haben, seine Prophezeiungen in dem eigenen Ohr zu speichern, das ist etwas, wovon ein jeder nur träumen kann. … Und Ra’s hätte dies bei einem Krieg geholfen.“
Jason klang verwirrt, als er das Wort ergriff: „Ich sehe nur hin und wieder etwas. Eine Prophezeiung habe ich noch nie ausgesprochen.“
„Doch natürlich“, meinte Tim, „Als du geträumt hast und ich in dein Zimmer gestürzt kam. Da hattest du doch eine verkündet.“
„Nein, hab ich nicht.“
„Doch!“
„Ich kann mich aber nicht daran erinnern!“
Tim schwieg entsetzt: „Kannst du nicht?“
„Nein“, bestätigte Jason erzwungen ruhiger, „Was habe ich gesagt?“
Und Tim wurde schlecht, denn er hatte, kaum dass der Krieg angekündigt worden war, die Bedeutung der Prophezeiung entziffert. Würde sich Jason schuldig fühlen, wenn er ihm jetzt davon berichtete?
„Tim?“, fragte Jason leicht unruhig, „Was habe ich gesagt?“
Und wann hatten sie sich beide aufgesetzt? Wann hatten sich Tims Muskeln verspannt?
Tim atmete einmal tief durch und entschloss sich kurzerhand zu zittieren.
„Wenn sich Diener gegen Meister und Prinz gegen Krone wendet, dann wird die Zeit kommen, wo der Krieg beginnt und der Frieden endet.“
„Und das war alles?“
„Häh?“ Tim hätte mit jeder Frage außer dieser gerechnet.
„War das alles?“, klang Jason genervt.
„Ja“, bestätigte Tim nicht weniger verwirrt, was kein Wunder war, wenn man die Frage nur wiederholte, anstatt sie zu erklären, „Wieso fragst du?“
Jason zuckte mit den Schultern: „Fühlt sich noch nicht fertig an.“
„Dann ist sie es vielleicht auch nicht?“, war sich Tim nicht sicher, was er dazu sagen sollte. So gut kannte er sich mit Sehern auch nicht aus. Er war noch nie einen begegnet und war auch selber keiner.

 

Tim war kurz davor wieder einzuschlafen, als Jason ihn noch einmal anstieß.
„Jason!“, beschwerte er sich – zugegebenermaßen – quengelig, „Ich war fast eingeschlafen.“
„Heul leise“, zeigte der Prinz kein Mitgefühl, „Das ist wichtig. Ich bin die Prophezeiung durchgegangen und es macht keinen Sinn. Klar, Dick hat sich ganz klar auf unsere Seite und nicht die von Bruce geschlagen, aber was hat es mit dem ersten Teil auf sich? Du hast dich nie gegen mich gewendet.“
Tim fluchte innerlich. Er wollte nicht über seine Vergangenheit reden. Er hatte es noch nie gewollt, aber es war wohl logisch, dass Jason endlich antworten wollte.
„Ich habe doch erzählt, dass meine Eltern mich nach Grelot schickten?“
„Ja. Was hat das damit zu tun?“
Tim seufzte: „Lass mich einfach erzählen, bitte. Es ist schon schwer genug ohne Zwischenfragen.“
„Okay.“
Tim holte noch einmal tief Luft: „Ra’s al Ghul, der König von Grelot, hat irgendwie – und ich weiß nicht wie – von meiner Existenz erfahren. Daraufhin gab er meinen Eltern Geld, auf dass ich sein Schüler werde. Und das war ich, aber wenn ich ehrlich bin, war ich genauso gut auch ein Diener. Unterricht in Magie gegen Arbeit als sein Kammerdiener. Was ich nicht wusste, war, dass er mich für eine Aufgabe ausgebildet hat: Gothams innerstes auszuspionieren, indem ich mich als Diener einschleuse.“
Jason zog scharf die Luft ein, sagte aber nichts. Tränen prickelten in Tims Augen, als er weitersprach.
„Als Ra’s al Ghul mir dann davon berichtete, wollte ich ablehnen. Ich wusste, dass wenn ich ihm helfe, das den Untergang von Gotham bedeuten würde. Ich hatte zwar keine guten Erinnerungen an mein Zuhause, aber es war besser als Grelot gewesen. Also stimmte ich ihm zu, machte alles mit James Gordon aus und ging nach Gotham mit der festen Absicht Grelot und Ra’s al Ghul – meinem alten Meister – den Rücken zu kehren. Und so ist es auch passiert. Du kannst dir kaum meinen Schreck vorstellen, als ich eine Rolle als dein Diener ehrhalten habe.“
Schweigen kehrte in der Dunkelheit an, aber endlich schlossen sich Finger um Tims zitternde Hand und drückten sie beruhigend.
„Danke, dass du das mit mir geteilt hast“, meinte Jason heiser, „Das muss schwer für dich gewesen sein, aber ich verspreche dir, dass du an meiner Seite sicher bist. Ich bin genauso loyal zu dir wie du zu mir.“
Tim lächelte und schlussendlich schliefen sie mit verschränkten Fingern ein.

 

Tim wusste nicht woran es genau lag. Vielleicht lag es daran, dass Jason den ersten Teil der Prophezeiung als erfüllt ansah oder möglicherweise hatte es auch einfach ihr Gespräch ausgelöst, aber Tim wachte auf.
Tim wachte auf, weil Jason ihn anstieß. Doch als Tim zu ihm rüber sah, war der Mann immer noch am Schlafen. Die Magie in Tims Körper warnte ihn vor, was gleich passieren würde.
Also hielt er den Atem an und wartete auf den zweiten Teil der Prophezeiung.

„Der König trägt die Macht,
seine Kinder jedoch die Last.
Folgt Wahrheit in des Kriegesnot
oder doch der kalte Tod?“

Jason schlug die Augen auf.
„Kannst du dich erinnern?“, wollte Tim wissen.
Jason sah ihn nur verständnislos an und nickte dann.
„Weißt du, was zu tun ist?“
Jason hatte auch Dick retten können, war es zu viel gewagt, darauf zu hoffen, dass er ein ganzes Königreich retten könnte?
„Ja“, hauchte Jason.
Tim wurde kalt: „Wirst du es tun?“
Das sollte nicht einmal eine Option sein, oder? Aber leider hatte Tim eine ziemlich gute Vorstellung davon, was die Prophezeiung bedeutete und er wusste auch, wie sehr sich Jason davor fürchtete.
Jason sah ihn ängstlich an: „Wirst du an meiner Seite sein?“
Tim mühte sich ein Lächeln ab: „Was für eine Frage. Natürlich. Genauso wie Dick.“
Auch wenn Tim nicht gewollt hätte, er steckte zu tief in dieser Brüderlichkeit drinnen. Er würde alles für Jason tun. Es war gefährlich, aber komischerweise war es auch gut. Tim liebte eine Person, die ihn auch liebte. Dieses Vertrauen sollte einem Angst machen, denn nur dann war einem bewusst, wie wertvoll und zerbrechlich es war.
Jason atmete tief durch: „Dann sollten wir wohl mal den König aus dem Bett werfen.“

 

Teil VI

 

Sie gingen zuerst zu Dick.
Sir Wallace stand vor der Tür Wache und hob überrascht die Augenbraue, als die beiden plötzlich vor ihm standen.
„Er ist gerade erst schlafen gegangen“, meinte der Ritter, „Er hat sich den Schlaf verdient. Ist es wichtig?“
Jason streckte seine Brust raus: „Ich schätze deine Sorge um meinen Bruder, aber wäre es nicht wichtig, würde ich wohl kaum mitten in der Nacht in meinem Nachtgewand auf dem Gang stehen und mit euch über Eintritt verhandeln.“
Wow. Es überraschte Tim immer wieder, wie Jason ein komplettes und arrogantes Arschloch sein konnte.
Wally sah es wohl ähnlich, den er verzog verächtlich den Mund.
„Tut mir leid, eure Majestät. Treten nur ein.“ Der Titel war mit so viel Sarkasmus ausgesprochen, dass Tim wusste, dass auch Wally einen langen Tag hatte. Ansonsten würde er sicherlich nie so mit einem Mitglied der Königsfamilie reden.
Tim warf dem Ritter einen entschuldigenden Blick zu, aber Jason öffnete nur die Tür und huschte in das dunkle Zimmer.
Gerade als Tim hinter ihnen die Tür schloss, richtete sich auch schon Dick im Bett auf.
„Wer ist da?“
Er klang nicht ängstlich, sondern einfach nur verwirrt. Was verständlich war, wenn man die Uhrzeit bedachte.
„Ich bin es nur“, antworte Jason, „Tim ist auch hier.“
Dick seufzte: „Ich liebe euch, aber bitte habt einen guten Grund dafür, dass ihr mich geweckt habt.“
Er klang erschöpft, aber Tim konnte sich nicht darauf konzentrieren.
Ich liebe euch.
Euch.
Dick liebte ihn.
Es erfüllte Tim mit so viel Glück, dass er kurzzeitig vergaß zu Atmen. Seine Brüder liebten ihn und solange er bei ihnen bleiben würde, wäre sein Leben erfüllt.
„Anscheinend spucke ich Prophezeiungen aus“, meinte Jason hastig, „Und wenn wir Bruce von meiner Magie erzählen, könnten wir den Krieg verhindern. Vermutlich. Bist du an meiner Seite?“
Dick war schon nach der ersten Hälfte aus dem Bett gesprungen und zog seinen kleinen Bruder nun in eine feste Umarmung.
„Immer“, meinte er fest, „Wohin dich dein Weg auch führt, egal wie steil oder flach er auch sein mag, ich werde ihn mit dir gehen.“
Jason lachte auf und es klang leicht feucht, aber Tim würde sich davor hüten auch nur die Vermutung zu denken, dass der Prinz weinen könnte. Besagter Prinz würde ihn dafür sicherlich den Kopf abreißen.
„Bruce wird nicht gut darauf reagieren.“
Dick widersprach nicht.
„Was ist eigentlich sein Problem mit Magie?“
Die Prinzen sahen ihn an, als wäre er verrückt. Toll gemacht Tim, du musstest ja unbedingt fragen. Kannst du deine Zunge nicht einmal in Zaun halten.
„Bruces Eltern wurden von einem Hexer vor seinen Augen ermordet. Daraufhin hat er den Thron mit zehn bestiegen und ein Magieverbot über das gesamte Königreich verhängt“, antwortete Dick traurig.
Tim verzog den Mund: „Ihr habt recht. Ihm wird das nicht gefallen.“

 

Als nächstes standen sie zu Dritt vor Hal, der dieses Mal alleine vor Bruces Tür Wache hielt.
Er warf einen Blick auf sie, bevor er den Weg frei machte.
Dick dankte ihn, Jason ignorierte ihn und Tim lächelte ihn kurz an.
Sie alle drei freuten sich nicht auf das, was jetzt kommen würde.
Allerdings mussten sie den König nicht wecken, denn er saß an seinen Schreibtisch und schaute überrascht auf, als sie eintraten.
„Ist etwas passiert?“, legte er sofort die Feder weg und sah alarmiert aus.
Dick schüttelte den Kopf: „Nein, keine Sorge.“
„Wir müssen nur reden“, meinte Jason entschlossen.
Tim konnte nicht anders, als den Jungen zu bewundern. Er musste eine fürchterliche Angst vor Bruces Reaktion haben und dennoch stand er hier und stellte sich dem Gespräch wie ein Mann, denn er konnte sein Königreich nicht im Stich lassen. Ein Königreich, dass ihn für seine Magie hassen würde, verteidigte er hier wie ein wahrer Krieger. Tim hoffte nur, dass seine Präsenz zumindest ein bisschen half.
Bruce sah von Dick, zu Jason und dann zu Tim. Was immer er auf ihren Gesichtern sah, ließ ihn nicken.
„In Ordnung.“
Jason verspannte sich und Dick stellte sich fast ritterlich hinter ihn, um ihn wortwörtlich den Rück zu stärken. Tim tat es ihm gleich.
„Ich besitze Magie“, hauchte Jason schon fast, aber die Worte hatten denselben Effekt, als wenn sie geschrien worden wären.
Bruce zuckte zurück und Verständnislosigkeit lag in seinem Blick.
„Wieso sagst du so etwas?“, fragte er leicht verletzt, „Das ist nicht witzig, Jay.“
Jason knirschte mit den Zähnen. „Es soll auch nicht witzig sein, Dad. Es ist die Wahrheit. Ich habe Magie. Schon immer gehabt und ich kann es nicht ändern.“
Die Worte schufen anscheinend keine Klärung, denn Bruce sah nur hilfesuchend zu Dick.
„Es ist die Wahrheit“, bestätigte der Kronprinz, „Aber er es ist immer noch unser Jaybird. Mit und ohne Magie. Nicht wahr, Dad?“
Der König ließ sich in den Stuhl zurückfallen und sein Blick glitt zu der Krone, die auf dem Schreibtischt thronte.
„In Gotham ist Magie verboten und ich bin der König dieses Königreiches.“
„Ja“, bestätigte Jason fast schon herausfordernd, aber Tim hörte die Angst dahinter. „Aber du bist auch Bruce, der Vater von Dick und Jason.“
Tim schluckte. Es war grausam, aber wahr. König Bruce war beides, aber in diesem Moment musste er entscheiden, was ihm wichtiger war. Seine Krone oder seine Familie.
„Du wusstest davon?“, fragte er Dick beinahe tonlos.
„Erst seit kurzem“, gab Dick zu und er sah schuldig aus, „Hätte ich es früher gewusst, hätte ich dafür gesorgt, dass Jason nicht in ständiger Angst vor unserem Gesetz leben muss.“
Bruces Augen wurden weit.
Er sprang auf.
„Ich würde dich niemals verletzen!“, entrüstete er sich und sah in die Augen seines jüngsten Sohnes. Ehrlichkeit. Entschlossenheit.
Vermutlich war dieser Satz alles, was Jason jemals hatte hören wollen, denn er lächelte erleichtert.
„Was ist mit dem Gesetz?“, fragte Tim. Seine Zunge musste mal wieder einen bewegenden Moment ruinieren, aber um fair zu sein, standen sie auch kurz vor einem Krieg. Das war an sich schon nicht der passende Moment für einen bewegenden Familienmoment. Also, nur halb seine Schuld!
Bruce ließ sich seufzend auf seinen Stuhl fallen.
„Ich weiß es nicht“, gab er zu.
Dick lachte heiser auf: „Du kannst kein Gesetz behalten, dass einen deiner Söhne dazu zwingt, sich ständig zu verstellen.“
Tim drückte beruhigend Jasons Hand, als er sich verspannte.
Bruce sah die Bewegung und nahm ihn anscheinend zum ersten Mal richtig wahr, obwohl er gerade eben noch etwas gesagt hatte.
„Was macht Tim hier?“, fragte er mit großen Augen, „Er darf nichts von deiner Magie wis … Er weiß es schon längst. Du hast es ihm vor mir verraten?“
Er klang verletzt.
Jason schüttelte den Kopf: „Tim hat es von selbst herausgefunden und er ist mein Bruder, also natürlich bleibt er hier.“
Dick grinste: „Überraschung Bruce, wir haben dir noch einen Sohn adoptiert.“
Der König sah fertig mit der Welt aus.
Er seufzte erneut und riss sich dann zusammen. Setzte sich auf und überlegte.
„Gut. Dass ich von euch noch einen Sohn aufs Auge gedrückt bekomme, das kann ich akzeptieren. Jason hat Magie, das ist schon schwerer. Aber was machen wir jetzt? Grelot ist kurz vorm Angriff, Magie ist verboten und vor ein paar Tagen sind Gefangene geflohen, weswegen wir auch noch einen Verräter unter unseren Reihen haben.“
Tim hüstelte: „Letzteres könnte ich aufkläre. Das war ich und sie stellen kein Problem für uns da.“
Dick schaute ihn überrascht an: „Du hast die Leute freigelassen, die versucht haben, mich umzubringen?“
Tim verzog den Mund: „Erinnerst du dich, als du zu mir meintest, dass du mir einen Gefallen schuldest, weil ich dein Leben gerettet habe? Den würde ich jetzt gerne einlösen: Verzeih mir einfach. Dann bist du mir nichts mehr schuldig.“
Dicks Kinnlade fiel nach unten, aber fing sich schnell und zuckte dann mit den Schultern.
„Gut, was solls. Ich verzeihe dir. Das ist nicht das Verrückteste, was in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert ist.“
Bruce räusperte sich: „Soll ich jetzt auch einfach über den Hofverrat hinwegschauen?“
„Ja“, meinten die drei Brüder wie aus einem Mund.
Bruce hob ergeben die Hände: „Gut. Vermutlich soll ich auch darüber hinwegschauen, dass Tim wahrscheinlich auch ein Magier ist?“
„Ja“, meinten sie erneut wie aus einem Mund.
Bruce nickte: „Und wie lösen wir jetzt die anderen Probleme? Ein Krieg mit Grelot ist vermutlich unausweichlich. Und wenn ich jetzt das Magiegesetz ändere, dann wird es nur zu Unruhen innerhalb des Landes sorgen, was die Situation nur verschlimmert.“
„Nicht unbedingt.“
Tim war selbst überrascht, dass es ihm erst jetzt auffiel. Es hätte ihn einfallen müssen, sobald die Prophezeiung Jasons Lippen verließ.
„Ra’s al Ghul mag möglicherweise nach Macht suchen, aber das war nicht seine Propaganda. Der einzige Grund, warum seine Soldaten kämpfen, ist der, dass er Gotham von der magieunterdrückenden Krone befreien möchte. Ohne dieses Gesetz wird er den Angriff abbrechen müssen, wenn er nicht unglaubwürdig wirken möchte.“
Die anderen schienen über seine Worte nachzudenken.
Jason schüttelte schlussendlich den Kopf: „Aber dann wird Bruce wie ein rückgratloser Herrscher dastehen, der vor jedem Angriff kuscht. Das lockt nur weitere Feinde an.“
„Es sei denn…“, überlegte Bruce laut.
Das Trio sah ihn auffordernd an.
„Es sei denn, was?“, wollte Jason wissen.
„Es sei denn, ich gebe meine Krone an eine neue Herrschaft über. Neuer König, neue Regeln. So war es schon immer. Ein neuer König hätte zwar Probleme mit dem jetzigen Volk, aber es würde alle anderen Königreiche abschrecken und die Glaubhaftigkeit gegenüber Grelot verstärken.“
Jasons Augen leuchteten: „Zudem liebt das Volk Dick. Sie vertrauen ihm auch. Wenn er es für das Beste hält, dann wird sich ihm niemand in den Weg stellen.“
Tim nickte und auch Bruce wie Jason schienen begeistert von der Idee.
„Nein“, meinte Dick entschieden.
Alle drehten sich überrascht zu ihm.
„Nein, ich bin noch nicht bereit dafür, König zu werden.“
Panik stand in seinem Blick und Tim hatte Mitgefühl. Für die Last einer Krone war wohl niemand bereit, aber es kam jetzt auch so plötzlich, dass er unmöglich damit hatte rechnen können.
Bruce lächelte sanft, stand auf und hob die Krone vom Schreibtisch auf Dicks Kopf.
„Du wirst sie nie alleine tragen müssen. Es stehen dir zwei magische Berater und ein alter Königsvater zur Verfügung. Ganz zu schweigen von Alfred, Gordon und Barbara. Und lass mich gar nicht mit deiner Ritterschaft anfangen. Wir alle stehen hinter dir, Dick. Und gemeinsam werden wir dieses Königreich nicht nur retten, sondern verbessern.“
Tim nickte: „Gemeinsam.“
Jason grinste seinen Bruder an: „Egal wie steil dein Weg auch sein wird, ich bin immer an deiner Seite.“

 

 

 

Dieser Abend war der Beginn eines magischen Gothams.
Dieser Abend war der erste Tag im Leben von Prinz Timothy.
Dieser Abend war die Gründung von der Dreihaftigkeit, die über Gotham herrscht: König und Ritter Richard, erster Prophet Jason und erster Hofmagier Timothy. Die drei Prinzen, die herrschten, als wären sie einer.
Und natürlich gab es Aufschreie – Ra’s kochte vor Wut – aber beide Seiten waren froh, dass der Krieg ausfiel.
Und irgendwann hörte jeder auf sich zu beschweren, weil er feststellen musste, dass ein magisches Königreich einfach wunderschön war.
Tim war in seinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen, wie zu dem Zeitpunkt, als er frei Zaubern konnte, im Beisein seiner Familie und das Volk sich ohne eine einzige Ausnahme daran erfreute.
Dieses Gotham würde ewig wären!

Notes:

Meine Schwester: Die Story von Merlin BBC, aber mit der Batfamily.

Tja, und das ist dabei rausgekommen.

 

Gibt mir ruhig Bescheid, sollte ich einen Tag vergessen haben.

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