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Adam gähnte. Eigentlich war er viel zu müde, um hier mit Wiktor und Marian in der Bar zu sitzen, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war - was zugegebenermaßen in letzter Zeit eher selten vorkam - hätte er zu Hause auch nicht geschlafen.
"Ich geh mal kurz eine rauchen", unterbrach er das Gespräch, dem er sowieso schon seit ein paar Minuten nicht mehr gefolgt war. Ohne eine Antwort abzuwarten, stand er auf, zog seine Jacke über und ging in Richtung Ausgang. Vielleicht würde die kühle Nachtluft ihn wieder etwas wacher werden lassen.
Als er durch die Tür nach draußen trat, tastete Adam in seiner Jackentasche nach der Zigarettenschachtel. Aus dem Augenwinkel sah er, dass bereits jemand neben der Tür an der Wand lehnte und rauchte.
Er zog die Schachtel heraus und öffnete sie. Ein paar Zigaretten waren noch drin, aber das Feuerzeug fehlte - war wahrscheinlich herausgerutscht. Adam fuhr mit der Hand zurück in die Tasche, doch die war leer. Auch in der anderen Tasche fand er nur ein Taschentuch und einen zerknitterten Kassenzettel vom letzten Einkauf.
"Scheiße!", fluchte er.
"Kann ich dir helfen?"
Adam blickte auf und direkt in neugierig leuchtende blaue Augen. Der junge Mann, der eben noch an der Mauer gelehnt hatte, stand nun direkt neben ihm. Anscheinend war Adam so mit dem Suchen beschäftigt gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie der andere näher gekommen war. Wie von selbst glitt Adams Blick über sein Gegenüber: braune Locken, die blauen Augen waren dunkel geschminkt. Das Hemd unter der dunklen Lederjacke war ein Stück zu weit geöffnet, um noch als zufällig durchzugehen. Adams Blick kehrte zum Gesicht des Fremden zurück, der jetzt fragend eine Augenbraue anhob.
"Hast du mal Feuer?", war das erste, was Adam hervorbrachte.
Der Mann lächelte.
"Klar."
Er bewegte die Hand mit seiner Zigarette in Adams Blickfeld.
Ein Feuerzeug wäre Adam lieber gewesen, aber was sollte es. Eine Zigarette würde es auch tun. Hauptsache, er konnte endlich rauchen.
Eilig zog er eine Zigarette aus der Schachtel und nahm sie zwischen die Lippen. Dann wollte er nach der brennenden Zigarette seines Gegenübers greifen, aber der zog die Hand zurück und nahm einen Zug.
Mit der Zigarette im Mund lehnte er sich Adam entgegen. Adam war wie versteinert. Was sollte das jetzt werden? Der wollte doch nicht etwa…?
Das Gesicht kam immer näher und Adam spürte eine nervöse Hitze in sich aufsteigen.
Als sich die Spitzen ihrer Zigaretten berührten, atmete Adam reflexartig ein und musste prompt husten. Peinlich! Das war ihm schon seit Jahren nicht mehr passiert.
Lachend trat der andere Mann einen Schritt zurück.
"Tschuldigung", sagte Adam beschämt.
Er blickte auf seine Zigarette hinab, die nicht einmal richtig glomm. Wieso hatte er dann überhaupt gehustet?
"Neuer Versuch?", fragte der andere.
Erstaunt sah Adam ihn an. Er wollte ihm nochmal näher kommen, obwohl Adam ihm mehr oder weniger direkt ins Gesicht gehustet hatte?
"OK", stimmte er zu.
Adam atmete tief durch und steckte die Zigarette wieder zwischen die Lippen.
Diesmal legte der andere ihm eine Hand auf die Schulter, als er wieder nah an Adam herantrat und sich ihm entgegenlehnte. Adam bildete sich ein, die Wärme der fremden Hand durch seine Jacke spüren zu können. Er zog bewusst an der Zigarette, die dieses Mal auch ordnungsgemäß zu glühen begann. Endlich! Zufrieden stieß er den Rauch mit geschlossenen Augen wieder aus.
Nur am Rande bekam er mit, wie die Hand von seiner Schulter seine Brust hinab fuhr und dann verschwand. Sofort vermisste er die Berührung und öffnete die Augen wieder.
Fast erwartete er, sich alles nur eingebildet zu haben, aber vor ihm stand immer noch der junge, äußerst attraktive Mann, der ihn jetzt nachdenklich betrachtete.
Abwartend sah Adam ihn an, doch schon nach kürzester Zeit hielt er die Stille nicht mehr aus und bedankte sich stockend.
Der andere nickte.
"Harten Tag gehabt?", fragte er.
"Seh ich so fertig aus?"
"So war das nicht gemeint. Du siehst müde aus… aber das heißt ja nicht, dass mir nicht gefällt, was ich sehe."
Er zwinkerte Adam zu.
"Vincent", stellte er sich dann vor.
"Adam."
"Und Adam, was machst du an einem Samstagabend in einer Bar, wenn du ganz offensichtlich lieber im Bett liegen würdest?"
'Ja, am liebsten mit dir!', schoss es Adam durch den Kopf.
Laut sagte er: "Meine Kollegen haben mich mitgeschleppt."
"Schade."
Verwirrt zogen sich Adams Augenbrauen zusammen.
"Was ist daran jetzt schade?"
"Wenn du alleine gewesen wärst, hätte ich dich vielleicht auf einen Drink einladen können."
Vincent klimperte mit den Wimpern. Flirtete er etwa gerade mit ihm, fragte sich Adam. Er entschied, es darauf ankommen zu lassen.
"Vielleicht hätte ich zugestimmt."
Jetzt breitete sich ein Lächeln auf Vincents Lippen aus. Er drückte die Zigarette aus, trat wieder dichter an Adam heran und fuhr mit dem Zeigefinger die Nähte von Adams Jacke nach.
Von seiner Müdigkeit merkte Adam spätestens jetzt nichts mehr, viel zu fokussiert war seine gesamte Aufmerksamkeit auf Vincent. Er nahm einen letzten tiefen Zug von seiner Zigarette, bevor auch er diese ausdrückte.
Vincent sah ihn mit schräg gelegtem Kopf an, schien Adams Reaktion auf die Annäherung einzuschätzen. Seine Hand wanderte zum Reißverschluss der Jacke. Ganz langsam zog er ihn ein Stück weiter auf.
"Meine Kollegen kommen auch ohne mich klar", platzte es aus Adam heraus.
Im nächsten Moment hätte er sich am liebsten selbst gegen die Stirn geschlagen. Wie verzweifelt konnte man eigentlich klingen? Andererseits: Wie oft interessierte sich schon jemand wie Vincent für ihn?
Vincent lachte, lehnte sich Adam wieder entgegen. Im nächsten Moment fühlte Adam, wie eine Hand unter seine nun geöffnete Jacke fuhr. Nah an Adams Ohr flüsterte Vincent: "Na dann! Musst du dich noch abmelden oder sollen wir hier verschwinden?"
Seine Lippen streiften mit jedem Wort Adams Wange.
Impulsiv schloss Adam seine Arme um Vincent, um ihn noch näher an sich zu ziehen. Er drehte sie beide herum, sodass er Vincent mit dem Rücken gegen die Hauswand schieben konnte. Vincent atmete beim Kontakt mit der Wand heftig aus. Sein Atem streifte Adams Unterkiefer.
Adam vergrub eine Hand in Vincents Haar und übte einen sanften Zug aus, bis Vincent den Kopf nach hinten gegen die Wand sinken ließ. Seine nun entblößte Kehle lud Adam geradezu dazu ein, seine Lippen darauf zu pressen. Er verlor sich in der Erkundung von Vincents Hals, was dieser mit einem zustimmenden Brummen quittierte. Vincents Hände strichen derweil ziellos über Adams Oberkörper, fuhren über seine Brust, den Rücken, bis sie schlussendlich auf seinem Hintern zum Liegen kamen. Plötzlich verstärkte Vincent seinen Griff und schob gleichzeitig ein Bein zwischen Adams Oberschenkel.
Adam versuchte, ein Stöhnen zu unterdrücken. Sie waren hier schließlich immer noch in der Öffentlichkeit. Es konnte also jederzeit jemand vorbeikommen, womöglich sogar jemand, den er kannte. Als diese Erkenntnis sein vernebeltes Gehirn erreichte, trat er abrupt einen Schritt zurück.
Mit großen Augen sah Vincent ihn an, die Haare zerzaust, der Hals gerötet durch die Bekanntschaft mit Adams Bart.
'Super, Adam! Jetzt hast du's versaut, bevor es überhaupt richtig angefangen hat', schimpfte Adam mit sich selbst.
"Was ist?", fragte Vincent.
Adam wedelte in einer die Umgebung umfassenden Geste mit der Hand. Wie sollte er erklären, dass es keineswegs an Vincent lag, sondern eher daran, wo sie sich befanden?
Verstehen blitzte in Vincents Blick auf.
"Oh!"
Adam grinste verlegen, zuckte mit den Schultern. Vincent legte ihm eine Hand auf den Unterarm.
"Kein Problem, dein Geheimnis ist bei mir sicher."
"Danke."
Adam fuhr sich mit der Hand durchs Haar, dann zog er sein Handy aus der Hosentasche.
'Ich geh nach Hause. Bin müde. Wir sehen uns Montag', schrieb er an Wiktor.
Anschließend fasste er nach Vincents Hand und zog leicht daran.
"Komm! Ich wohn nicht weit weg."
Bereitwillig ließ sich Vincent mitziehen.
-
Der nächste Morgen begann anders und deutlich früher, als Adam sich seinen Sonntag vorgestellt hatte.
Wiktors Anruf wegen einer Leiche weckte ihn aus seinem so seltenen, unruhigen und wenig erholsamen Schlaf. Das Bett neben ihm war, wie zu erwarten war, leer, was ihn trotzdem ein wenig enttäuschte. Vincent war wohl noch in der Nacht gegangen. Alles in allem keine guten Voraussetzungen, um seine Laune davon abzuhalten, ins Bodenlose zu sinken.
Was dem ganzen die Krone aufsetzte, war Vincent, auf den er vor der Wohnungstür des Toten traf, der aber zumindest vor den Kollegen so tat, als wäre der letzte Abend nie passiert. Na das konnte ja heiter werden!
