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Fandom:
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Characters:
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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2023-07-26
Words:
476
Chapters:
1/1
Kudos:
3
Bookmarks:
1
Hits:
43

Unfair

Summary:

Mia ist Schülerin eines Gymnasiums, sitzt vor ihrer Englischklausur und trauert um Frau Lorenz.

Work Text:

Mia seufzte leise, als sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte und auf die Klausur vor ihr starrte. Eigentlich war sie nicht schwer – keine ihrer Klausuren fand sie schwer und besonders nicht Englisch, aber nach Frau Lorenz’ Tod war alles ganz anders und jede Bewegung, jeder Satz und jeder Tag fühlten sich unendlich schwer an, als würde er sie nach unten drücken und festhalten.

Irgendwas in ihrem Gehirn schrie sie an, endlich mit Schreiben anzufangen. Bald würde die Aufsicht merken, dass sie immer noch nicht angefangen hatte, würde sich vielleicht Sorgen machen, sie vielleicht beiseite nehmen. Aber sie konnte nicht schreiben. Sie konnte ihre Hand nicht bewegen, um anzufangen und sie konnte ihren Körper nicht dazu bewegen, auf Toilette zu gehen und so zu tun, als wäre ihr schlecht geworden und als müsste sie nach hause.

Sie konnte nicht einmal weinen, trotz dessen, dass sie sich gerade ihren Durchschnitt herunterzog, trotz dessen, dass sie wusste, dass Frau Lorenz enttäuscht davon wäre, sie jetzt so zu sehen, sie aufgeben zu sehen.

Das einzige, was sie konnte, war auf diese Arbeit zu starren und darüber nachzudenken, ob Frau Lorenz wohl Cli-Fi mochte. Wahrscheinlich schon, dachte sie. Dystopie klang wie etwas, was Lorenz interessieren könnte, so besessen wie sie von der Idee von Genmanipulation für Kinder ohne Krankheiten und Designerbabys war und sie mochte es, über große, komplizierte Situationen und ihre Folgen nachzudenken.

Eigentlich sollte sie überhaupt nicht über Lorenz nachdenken, sondern darüber, wie man den Text über Cli-Fi zusammenfassen kann, welche Meinungen der Autor vertritt und mit welchen Mitteln er diese zum Tragen bringt, aber egal, wie oft sie das im Unterricht gemacht hatte, egal, wie einfach es ihr normalerweise fiel, heute schien es unendlich schwer und anstrengend und die wachsamen Augen des Prüfers halfen ihr da auch nicht weiter.

Sie schüttelte stumm den Kopf.

So kurz vor dem Ziel und sie brachte es nicht einmal über sich, einen Ausweg zu finden, damit sie einen Nachschreibetermin bekam.

Wahrscheinlich, weil sie eigentlich gar keinen wollte. So viel mehr Zeit würde er ihr auch nicht geben, um sich wieder in den Griff zu kriegen und dann müsste sie sich nochmal zu dieser verdammten Klausur aufraffen und noch einmal hier sitzen.

Sie war nicht die einzige, die Lorenz’ Tod aus der Bahn geworfen hatte, aber sie glaubte, sie war diejenige, die es am meisten getroffen hatte. Nach all der Zeit, die sie mit ihr verbracht hatte, so viele Stunden, in der sie ihr freiwillig geholfen hatte, mit ihr Späße gemacht, Diskussionen geführt und Rätsel gelöst.

Sie vermisste sie. Alles an ihr.

Es war so scheiße unfair.

Es war immer unfair, wenn jemand starb, aber diesmal besonders.

Lorenz hatte es nicht verdient. Und besonders nicht so jung.

Besonders nicht jetzt – so kurz vor Mias Abitur, bei dem sie doch so gern dabei sein wollte.

Einfach unfair, dachte Mia, und fing an zu schreiben.