Actions

Work Header

Von Primadonnen und Picknicken

Summary:

Chris verbringt einen freien Tag mit Edgar

Notes:

Geschrieben: 2005
Spoiler: Nach der Badewannenszene
Irgendwie hat es mich irritiert, dass Chris und Edgar am Ende des Films so vertraut miteinander umgegangen sind. Das hat irgendwie nicht gepasst, da musste sich doch etwas ereignet haben. Und das habe ich jetzt verbrochen. Fluffig und angenehm. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, die beiden zu schreiben.
Dank: An Birgitt fürs Beta und Antares für den letzten Feinschliff

Work Text:

Edgar Sänger schaltete den Fön aus. Seine Haare waren zwar noch nicht trocken, aber er hatte gehört, dass die Haustür ins Schloss gefallen war.

Auch wenn er Chris eben in die Situation reingedrängt hatte, indem er sich einfach zu ihm in die Wanne gesetzt hatte, so glaubte Edgar nicht, dass Chris einfach abhauen würde.

Trotz allem öffnete Edgar die Badezimmertür und lugte neugierig in den Flur. Chris stand mit einem ziemlich fragenden Gesichtsaudruck vor der Eingangstür.

Mehr als eine Jeanshose hatte er immer noch nicht an, dafür hielt er jetzt aber einen Blumenstrauß in der Hand. Aber er hatte wohl gehört, wie Edgar die Tür geöffnet hatte, denn er drehte sich um.

„Die da“, Chris deutete auf die Blumen, „sind von Marco. Ich soll dir ausrichten, dass ihm deine Mutti eindeutig zu maskulin ist. Weißt du, was er damit meint?“

Edgar wusste es. Er wusste es zu gut. Doch er antwortete nicht, sondern sprintete in die Küche und riss das Fenster auf. Er konnte Marco noch unten im Hof sehen. Allein durch die Art, wie er sich bewegte, wusste Edgar, dass Marco sehr sauer war. Doch er wollte ihn nicht einfach so gehen lassen.

„MARCO! NUN WARTE DOCH MAL! DAS IST ALLES NUR EIN MISSVERSTÄNDNIS!“

Ein hochgestreckter Mittelfinger und ein abwehrendes Kopfschütteln waren die einzige Antwort, dann war Marco weg. Er hatte es noch nicht einmal für nötig gehalten, sich umzudrehen.

‚Dann halt nicht!' Mit einem Seufzer stützte Edgar seine Hände aufs Fensterbrett. Da hatte er sich ja was Schönes eingebrockt. Er wusste genau, warum er Marco angelogen hatte, schließlich benahm der sich ja regelmäßig wie eine Primadonna und neigte zu Eifersuchtsanfällen. Wenn er nicht so ein guter Liebhaber wäre…

„Kannst du mir denn sagen, was das für ein Missverständnis ist?“

Und da war schon wieder sein anderes Problem – nein, Chris Schwenk war mehr noch als ein Problem: Er war Bulle und Hetero.

„Das war Marco.“

„Ich weiß. Auch wenn du den Namen gerade durch ganz Frankfurt gebrüllt hast und ich ihn deswegen nicht verstehen konnte, er hatte es mir vorhin schon gesagt.“

Wieso hatte er diesen Kerl nur in seine Wohnung aufgenommen, schlimmer noch, wie hatte er sich nur in ihn vergucken können? Und dabei war die Lage, wie Edgar im Bad wieder einmal hatte feststellen müssen, absolut aussichtslos.

Chris schien ihn zwar zu mögen, sogar so sehr, dass er bereit war, bei einigen Sachen, wie zum Beispiel gerade im Bad, über seinen eigenen Schatten zu springen, aber mehr nicht.

„Marco ist ein guter Kumpel von mir, wir kennen uns seit Jahren. Aber leider meint er, Besitzansprüche auf mich erheben zu können, die er definitiv nicht hat. Ich wollte keinen Stress und deswegen hab' ich dich zu meiner Mutter gemacht. Er kann sie nämlich nicht ausstehen und macht dann immer einen ganz großen Bogen um meine Wohnung. Und jetzt ist er sauer. Reicht das?“

Es herrschte Stille. Auch wenn Edgar immer noch aus dem Fenster schaute, vermutete er, dass Chris' Gesicht wahrscheinlich von einer leichten Röte überzogen war. Wieso nur musste Chris so hetero sein?

„Es reicht! Dann bin ich dir doch mehr im Weg, als ich gedacht habe. Vielleicht habe ich morgen mehr Glück bei der Wohnungssuche und du bist mich los.“

„Musst du nicht arbeiten?“

„Nee, hab' ne Freischicht. Dafür hatte ich doch am Wochenende Dienst. Ich hab' mir von Samstag einige Angebote aus der Zeitung rausgesucht und die wollte ich heute Abend anrufen.“

„Die Arbeit kannst du dir sparen. Wenn du die noch nicht am Samstag angerufen hast, dann sind die Wohnungen weg. Du musst fix sein, um hier 'ne halbwegs anständige Unterkunft zu bekommen.“

Dabei drehte Edgar sich um und schaute Chris an. Der war wohl auf der Suche nach einer Vase für den Blumenstrauß. Jedenfalls war er dabei, sämtliche Schränke zu öffnen und zu schließen. Edgar bezweifelte, dass Chris eine Vase finden würde. So was gab es in seinem Haushalt nicht. Auch Chris schien das einzusehen und nahm als Ersatz einen Krug, den er mit Wasser füllte.

Er sortierte die Blumen hinein und stellte sie auf den Tisch.

Das leise Geräusch riss Edgar aus seinen Träumereien. Er war einfach versunken, als er Chris beobachtet hatte, und ihm wurde bewusst, wie sehr er dabei war sich in Chris zu verlieben. „Und was soll ich jetzt machen? Ich kann doch nicht ewig bei dir wohnen und wenn du jetzt schon Stress mit diesem Marco hast…“

Edgar bemerkte die Betonung, die Chris auf das Wort ‚Marco' legte, und ihm war klar, dass das erste Zusammentreffen der beiden bestimmt keine Liebe auf den ersten Blick gewesen war. Ganz im Gegenteil.

Vielleicht war Chris ja auch ein wenig eifersüchtig auf Marco. Aber diese Hoffnung verbannte er direkt in den hintersten Winkel seines Gehirns. Chris war hetero und ein Bulle. Er sollte zusehen, dass er ihn so schnell wie möglich aus seiner Wohnung bekam, bevor alles im Chaos endete.

„Lass mal. Ist schon gut so. Marco soll auch mal merken, dass ich wirklich nicht sein Eigentum bin. In ein paar Tagen kommt er wieder an und dann ist alles in Ordnung. Aber da du morgen nichts vor hast: Hast du Lust, mit mir Kajak zu fahren?“

Verdammt! Da wollte er ihn los werden und dann musste er ihm dieses Angebot machen. Doch gleichzeitig amüsierte sich Edgar über Chris' überraschten Blick.

„Eigentlich wollte Marco mitkommen, aber das kann ich jetzt wohl knicken“, setzte Edgar noch erklärend hinzu. Auch wenn er Marco nicht gefragt hatte: Chris sollte nicht das Gefühl haben, dass er auf ein Date mit ihm aus war. Nach der Szene im Bad rechnete Edgar auch nicht mit einer Zusage. Eigentlich wollte er auch gar keine, denn das bedeutete noch mehr Anstrengung, seine Finger wirklich von Chris zu lassen.

„Kajak ist doch mit so kleinen Booten, mit denen man durch Flüsse paddelt? Hast du nicht so ein Ruder über dein Bett hängen?“

„Da hängt ein Paddel, ein Ruder wäre zu groß, um es aufzuhängen. Eine Sportgruppe der Uni Frankfurt hat die Sinn in ein wahres Paradies verwandelt. Man hat da alle Schwierigkeiten, die man sich nur wünschen kann.“

„Gibt es da auch einfache Strecken?“

Chris hörte sich interessiert an. Und sämtliche guten Vorsätze gingen bei Edgar den sprichwörtlichen Bach runter und er fing an, Chris noch weiter zu ködern.

„Ja, gibt es auch. Und wenn du willst, dann können wir mit dem roten Flitzer fahren. Mein Kajak lass ich dann hier und wir leihen uns zwei. Ich kenn' da eine nette Strecke, für die wir etwa fünf Stunden bräuchten.“

„Dann würde ich mal wieder aus der Stadt kommen und etwas Sport treiben. So lange du mir ‚von den Bömmeln' bleibst…“

Doch im Gegensatz zu den Worten klang Chris eigentlich humorvoll. Edgar hatte den Eindruck, dass Chris sich ein wenig über die Diskussion im Bad lustig machen wollte. Das konnte Edgar auch. Chris sollte nur nicht glauben, dass er in dieser Sache das letzte Wort hatte.

„Wieso sollte ich was anderes tun? Ich steh' nur auf Sexspielchen, bei denen mein Partner mitspielt. Aber das habe ich dir, glaub' ich, schon mal gesagt.“

Ja, er hatte es wieder geschafft. Chris schwamm wieder in Verlegenheit.

„Verdammt, Edgar!“

Jetzt war es an der Zeit für einen Themenwechsel, bevor es Chris zu ungemütlich wurde. Edgar liebte es, mit Chris diese kleinen Spielchen zu spielen, besonders, da Chris meistens der Verlierer war. So abgebrüht und machohaft er auch tat, um sich mit einem Schwulen anzulegen, musste Chris noch eine ganze Menge lernen.

„Vielleicht sollten wir was zu trinken mitnehmen? So eine Tour ist ziemlich anstrengend und ich habe keine Lust, in irgendwelchen Restaurants Unsummen dafür auszugeben.“

Schließlich hatte Edgar in den letzten Wochen kaum Aufträge reinbekommen und war ziemlich pleite. Um über die Runden zu kommen, überlegte er, ob er nicht doch mal wieder einen geklauten Wagen frisieren sollte – auch wenn ein Bulle gerade in seinem Gästezimmer pennte.

Chris hatte zwar den letzten Einkauf bezahlt und wollte sich auch an der Miete beteiligen, doch in nicht allzu ferner Zukunft war die nächste Rate für die Hebebühne fällig und das Geld musste er unbedingt zusammen bekommen.

Als Antwort zuckte Chris mit den Schultern.

„Wir sollten mal in den Vorratsschrank schauen, was wir noch da haben. Entweder Wasser oder Saft.“

Aus dem ‚wir' wurde Chris, der nachschaute, weil er direkt neben dem Schrank stand und wahrscheinlich dankbar für die Ablenkung war. Doch besonders viel gab der Schrank nicht her. Schließlich war es die letzten Tage sehr warm gewesen. Gerade mal eine Flasche Saft und eine Flasche Sprudel hatten noch überlebt.

Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, Chris zu diesem Ausflug einzuladen, doch Edgar wollte keinen Rückzieher machen - trotz Ebbe im Portemonnaie.

„Gut, dann muss ich noch einkaufen. Brauchen wir sonst noch was?“

Im Stillen hoffte Edgar, dass Chris nichts mehr brauchte. Wenn er die Spritkosten und den Bootsverleih richtig kalkulierte, dann blieben ihm nur noch zwanzig Mark, mit denen er die nächsten Tage über die Runden kommen musste, und neuen Stoff musste er sich auch noch besorgen.

Nein, das ließ er besser. Wenn er schon in der Werkstatt illegal würde, sollte er in der Wohnung sauber bleiben. Denn wenn das rauskäme, hätte Chris mehr Ärger am Hals, als gut für ihn wäre. Wieso hatte er sich bloß einen Bullen eingefangen?

Hier zeigte sich wieder, dass Chris der perfekte Hausmann war, denn er zückte aus seiner Hosentasche ein Notizblatt.

„Ich hab' schon einen Einkaufszettel fertig. Wenn ich mich beeile, dann schaff' ich es heute Abend noch, alles einzukaufen. Was hältst du davon, wenn ich auch noch was zu essen organisiere? Ich zahle sowohl den Einkauf als auch den Sprit, klar? Und du musst mir auch noch sagen, wie viel ich dir noch als Miete zahlen muss.“

Edgar schluckte seinen Stolz und seine persönliche Eitelkeit runter, denn am liebsten würde er Chris sagen, dass er nichts zu zahlen brauchte.

„Essen hört sich gut an. Auch wenn ich wohl vergeblich hoffe, dass du an ein romantisches Picknick im Grünen gedacht hast. Und das mit der Miete: Wenn du die nächsten Wochen die Lebensmittel ranschaffst, dann sind wir quitt. Schließlich schläfst du ja nur auf einer Matratze und putzt auch schon.“

Er hatte es wieder geschafft, Chris war schon wieder verlegen. Doch er überspielte es in flapsigem Tonfall.

„Das wird meine Bank freuen. Ich bekomme jetzt schon Bauchschmerzen, wenn ich dran denke, dass ich dort antanzen muss, um einen Kredit für ein neues Auto zu bekommen.“

Dann war wenigstens Chris noch kreditwürdig. Wenn Edgar an den Hai dachte, bei dem er sich das Geld für die Hebebühne geliehen hatte... Ja, er würde nachher Marcos Onkel anrufen und ihm sagen, dass er ihm einen Wagen bringen sollte.

Chris wartete nicht auf eine Antwort, sondern verließ die Küche.

Nachdenklich betrachtete Edgar die Blumen, die auf dem Tisch standen. Er fragte sich, ob er gerade vollkommen durchdrehte oder Hormonprobleme hatte - schließlich hatte er sich gerade wie ein frisch verliebter Teenager benommen. Und doch: Er freute sich auf den nächsten Tag. Auch wenn er jetzt ein Telefonat vor sich hatte, von dem sein Bulle keinesfalls erfahren durfte.

 

Am nächsten Morgen klingelte Edgars Wecker um sieben und mit einem seltsamen Kribbeln im Magen stand er auf. Auch wenn er es schon lange nicht mehr gespürt hatte: Er wusste, dass er einfach nur nervös war. Da er den ganzen Tag allein mit Chris unterwegs sein würde, hatte er Angst, dass ihm die Situation aus dem Ruder laufen und Chris ihn sauer und frustriert stehen lassen würde.

Auch wenn das die einfachste Möglichkeit war, Chris los zu werden und wieder ein normales Leben zu führen, gab Edgar die Hoffnung nicht auf, dass er Chris vielleicht doch noch in sein Bett bekommen würde. Was er einmal mit einem besoffenen Chris geschafft hatte, müsste er doch auch mit einen nüchternen Chris schaffen. Nur wie, das wusste Edgar immer noch nicht.

Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass der Tag, genau so sonnig zu werden versprach, wie es die Wettervorhersage angekündigt hatte. Da es schon länger nicht mehr geregnet hatte, würde der Pegel sehr niedrig sein. Langweilig für Edgar, aber ideal, um einen Anfänger mitzunehmen.

Bevor Edgar duschte, klopfte er kurz an Chris' Tür und weckte ihn. Doch der drehte sich nur mit einem Brummen um und zog die Decke über den Kopf.

Edgar beschloss, ihn nach dem Duschen noch einmal zu wecken, notfalls mit einem kalten Waschlappen.

 

Doch das war gar nicht nötig. Als Edgar aus der Dusche kam, stand Chris schon in der Küche und kochte Kaffee.

„Morgen, Chris! Schon wach?“

Chris schaute hoch.

„Morgen, Ed…gar. Ja, danke fürs Wecken. Sollen wir noch Kaffee mitnehmen oder reicht der Saft?“

Dabei schenkte er Edgar eine Tasse ein und reichte sie rüber. Ein gepackter Rucksack stand auch schon auf den Tisch.

„Wenn du hier eine Thermoskanne findest, dann kannst du gerne welchen mitnehmen. Aber ich mag meinen Kaffee nur, wenn er auch heiß ist. Hast du dir Ersatzklamotten und Handtücher eingepackt?“

„Du meinst, dass wir nicht trocken unten ankommen werden? Danke für den Tipp, hätt' ich glatt vergessen.“

Heiß war der Kaffee und wesentlich stärker als Edgar ihn normalerweise trank. Er suchte im Kühlschrank, ob noch Milch da war. Vergebens.

Auch wenn Chris einen Einkaufszettel gemacht hatte, was er selbst nicht brauchte, vergaß er.

Als Edgar sich wieder umdrehte, um sich bei Chris darüber zu beschweren, war dieser schon ins Bad verschwunden. Kopfschüttelnd schüttete Edgar den Kaffee in der Spüle aus und ging in sein Zimmer, um sich anzuziehen. Er hatte gestern lange überlegt, was er anziehen sollte, und hatte sich dafür entschieden, Jeans und Shirt zu tragen. Nichts zu Auffälliges, was Chris in Verlegenheit bringen würde. Auch wenn es ihn noch so sehr reizte, heute wollte er Chris nicht mit der Nase darauf stoßen, dass er schwul war. Vielleicht schaffte er es so, die Festung 'Chris Schwenk' zu stürmen.

 

Zwanzig Minuten später fuhren sie los. Sie nahmen den roten Flitzer und dieses Mal hatte Chris die roten Kennzeichen höchstpersönlich angebracht. Dafür hatte er auch darauf bestanden zu fahren, womit Edgar gar keine Probleme hatte. Ganz im Gegenteil. Er genoss die Fahrt. Denn Chris fuhr nicht wie eine gesenkte Sau, sondern sehr vernünftig. Auf der Autobahn fuhr er nicht schneller als 120. Kurz nachdem sie in Bad Soden von der Autobahn runter fuhren, da bedauerte Edgar es fast schon, dass sie nicht die ganze Strecke über die Landstraße gefahren waren, denn Chris schien in den Serpentinen richtig aufzublühen. Und Edgar musste höllisch aufpassen, dass er Chris immer rechtzeitig Bescheid sagte, wann er abbiegen mussten.

 

Um kurz vor halb zehn standen sie bei Martin vor der Tür. Für Martin war der Kajakverleih nur ein Nebenerwerb, der es ihm möglich machte, als Landwirt zu überleben. Deswegen mussten sie auch warten, bis die Kühe auf die Weide getrieben wurden, bevor sie los konnten. Als Entschädigung bekamen sie Kaffee und selbstgebackenes Brot. Auch wenn Edgar die letzte Zeit Chris' Kochkünste genossen hatte, das ofenwarme Brot toppte alles, was er seit langem gegessen hatte. Dementsprechend langte er auch zu. Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, dass sich auch Chris eine zweite Scheibe nahm.

Dementsprechend träge waren sie, als es dann endlich losgehen sollte. Da sie die leichte Strecke nehmen wollten, brachte Martin sie mit seinem Trecker mehrere Kilometer flussaufwärts. Aussteigen wollten sie dann wieder in Obersinn und die Kajaks bis zum Hof tragen.

Inzwischen waren die Temperaturen schon wieder auf über dreißig Grad gestiegen. Chris wollte sich direkt in das nasse Vergnügen stürzen, aber Edgar sperrte sich. Wenn er schon einen Anfänger mitnahm, dann musste der erst einige Trockenübungen hinter sich bringen, bevor er ins Wasser ging.

Edgar hatte sich dagegen entschieden, mit Chris in einem Zweier-Kajak die Sinn runterzufahren. Es würde seinem Zweck mehr entgegen kommen, wenn jeder für sich war. Wie schon gesagt, er wollte vor der Festung ‚Chris Schwenk' sehr schwere Geschütze auffahren.

Leicht murrend, aber mit einem Grinsen im Gesicht, startete Chris seine ersten Übungen. Aber nachdem die ohne Probleme klappten, bestand er darauf, im Wasser weiterzumachen. Edgar wusste genau, dass das nicht gut gehen konnte, akzeptierte es aber. Er half Chris, vernünftig ins Wasser zu kommen, und folgte ihm. Den Rucksack mit den Getränken und dem Mittagessen hatte Edgar bei sich verstaut.

Einige Meter ging es bei Chris auch gut, doch dann geriet das Kajak durch eine unvorsichtige Bewegung in bedrohliche Seitenlage und es drohte zu kentern. Edgar war schnell an Chris' Seite und stütze ihn, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Auch wenn die Strecke, die sie befuhren, eher ein seicht plätschernder Bach als ein Wildwasser war, Edgar blieb direkt neben Chris, bis er ein Gefühl fürs Kajakfahren bekommen hatte. Dabei musste er hin und wieder stützend eingreifen.

So ging das etwa eine halbe Stunde, bis Chris den Dreh raus hatte und dann brauchte Edgar nicht mehr zu helfen, was dieser sehr bedauerte. Es war ein angenehmes Gefühl gewesen, Chris berühren zu können, ohne dass dieser gleich üble Hintergedanken vermutete. Es war einfach ein lockeres und unverkrampftes Zusammensein. Aber er tröstete sich mit dem Gedanken, dass die nächste Stromschnelle eher früher als später kommen würde.

Sie brauchten aber eine ganze Weile, um sie zu erreichen, denn sie ließen sich mehr treiben als selber zu paddeln. Wäre Edgar alleine unterwegs gewesen, dann hätte er die Strecke mit schnellen, kraftvollen Stößen in wenigen Minuten zurückgelegt, um zur nächsten Stromschnelle zu kommen. Aber mit Chris machte es ihm nichts aus, sich auch mal ganz langsam und gemütlich fortzubewegen. So hatte er immer wieder die Möglichkeit, ihn von der Seite zu beobachten.

Auch wenn Chris immer noch mit dem Paddel kämpfte und vollkommen durchnässt war, so schien ihm die Angelegenheit viel Spaß zu machen, denn er wirkte auf Edgar fröhlich und ausgelassen, fast schon lausbubenhaft. Und als Chris dann auch noch meinte, Edgar nassspritzen zu müssen, entbrannte eine wilde Wasserschlacht, die Edgar gewann.

Doch dann kamen die ersten Stromschnellen. Für Edgar waren das eigentlich nur einige Steine, die im Weg lagen. Das Gefälle war kaum der Rede wert und durchaus anfängertauglich. Doch Edgar ging auf Nummer Sicher, denn er hatte keine Lust, eine unangenehme Überraschung zu erleben und textete Chris mit seinen Anweisungen zu.

„Chris, ich fahr' jetzt vor. Du wartest hier oben, bis ich durch bin, schaust dir an, wie ich das mache, und folgst mir erst, wenn ich dir ein Zeichen gebe. Es ist zwar nicht wirklich gefährlich, aber wenn du aus Dummheit mit deinem Kopf gegen einen Stein rasselst, dann hab' ich ein Problem. Alles klar?“

„Aye, aye, Sir!“

Als Chris sogar versuchte zu salutieren und dabei beinahe kenterte, musste sich Edgar das Grinsen verkneifen. Er grinste immer noch, als er elegant die Stromschnellen hinunterglitt. Unten angekommen bremste er das Kajak ab und schaute zu Chris. Der hielt sich außerhalb der Strömung und hielt sein Kajak mit einigen gezielten Bewegungen auf der Stelle.

Erst als Edgar winkte, näherte er sich vorsichtig der Stromschnelle. Er behielt auch einen kühlen Kopf und kam heil unten an. Sehr zu Edgars Erleichterung.

Bei den nächsten Gefällen hielten sie es ähnlich. Edgar vorneweg und Chris anschließend hinterher. Jedes Mal wurde Chris sicherer und wurde doch nicht übermütig.

Sie waren über zwei Stunden unterwegs, als Edgar merkte, dass Chris müde wurde. Und das, wo als nächstes eine Stromschnelle vor ihnen lag, die diese Bezeichnung wirklich verdiente. Sie paddelten gerade an einer Obstwiese vorbei, die zum Pausieren einlud.

„Chris!“ Edgar deutete nach links. „Wäre das nicht der ideale Platz für 'ne Pause?“

Chris' Blick folgte dem ausgestreckten Arm.

„Nett ist es ja. Und man scheint auch einfach ans Ufer zu kommen. Aber eigentlich lass ich mich richtig gemütlich treiben und hab noch gar keine Lust.“

„Hinter der nächsten Biegung sind Stromschnellen. Echte Stromschnellen, nich' so'n Kinderkram wie bisher. Wir machen besser jetzt Halt. Und außerdem habe ich Durst.“

„Im Gegensatz zu mir hast du ja auch kein Wasser geschluckt.“ Chris stockte einen Moment und dann gab er sich geschlagen. „Okay, hast mich überredet.“

Damit lenkte Chris sein Kajak auch schon zur seichten Stelle, die sich zum Anlegen geradezu anbot.

Edgar blieb hinter ihm und verfolgte gespannt das Schauspiel, wie Chris versuchte, ohne Hilfe aus dem Kajak zu kommen. Es endete mit einer Landung im Wasser und sah so komisch aus, dass er nicht anders konnte und laut loslachte.

Chris fand das wohl gar nicht lustig, denn nachdem er sein Boot vorm Abtreiben gerettet hatte, ging er auf Edgar zu. Dieser ahnte schon, dass er auch im Wasser landen sollte. Eigentlich hatte er auch nichts dagegen, denn eine Abkühlung konnte er bei Chris' Anblick gut gebrauchen, aber da waren noch die Lebensmittel.

„Ich hab ja nichts dagegen, wenn du mich auch untertauchen willst, aber können wir erst das Essen in Sicherheit bringen?“

Dabei kramte er den Rucksack hervor und drückte ihn Chris in die Hand. Statt zum Ufer zu gehen und Edgar Zeit zu geben, sich in Sicherheit zu bringen, schmiss Chris die Tasche aufs Trockene. Edgar hoffte nur, dass Chris nichts Zerbrechliches eingepackt hatte, denn das konnte so eine Landung nicht überstehen.

Edgar hatte keine Chance. Obwohl er sich heldenhaft wehrte, war Chris im Vorteil und drehte das Kajak um, und Edgar landete im Wasser.

Wenn Chris es herausforderte, dann war er es selbst schuld. Edgar schubste sein Kajak auf den Kiesstreifen und drehte sich zu Chris um. Und dann lieferten sie sich ein wildes Gerangel, bei dem sie versuchten, sich gegenseitig unterzutauchen.

Dabei war Edgar der Unterlegene. Nicht, weil er körperlich schwächer war, sondern weil er schon nach dem ersten Vollkontakt verhindern musste, dass dieses Spiel eine sexuelle Komponente bekam. Er wusste, dass Chris da nicht mitspielen würde. Und weil er die ganze Zeit verzweifelt an seinen fetten, stinkenden Nachbarn – der eine Etage tiefer wohnte – dachte, war er halt abgelenkt.

So kam es, dass Edgar wesentlich mehr Wasser schluckte als Chris, und nach einer Weile hatte er genug. Als er gerade wieder einmal unter Wasser war, tauchte er zur Seite und kam erst wieder hoch, als er weit genug weg war. Dann hob er seine Hände.

„Halt! Es reicht! Ich ergebe mich.“

Innerlich verbuchte er es als eins zu null für Chris.

Vorsichtig näherte Edgar sich dem Ufer. Die Steine waren glitschig und er musste aufpassen, nicht auszurutschen. Doch Chris wollte nicht einfach aufgeben.

„Was? Du hast jetzt schon genug? Dabei habe ich noch nicht mal angefangen! Das kommt davon, wenn man mich auslacht.“

„Mein lieber Chris, meine Rache für das ganze Wasser, das ich gerade geschluckt habe, wird kommen. Aber erst nachdem ich was anderes getrunken habe. Und Hunger habe ich auch. Na los, komm essen und die nassen Klamotten will ich auch loswerden.“

„Ahh, du meinst, dass wir hier nackt rumlaufen.“

Chris hörte sich nicht glücklich an.

„Glaubst du wirklich, dass hier jemand ist, der dir was weggucken könnte? Ich habe jedenfalls schon alles gesehen und du hast nichts verloren.“

Inzwischen war Edgar am Ufer angekommen und hatte den Rucksack geöffnet. Die Flaschen waren heil geblieben. Er nahm eine der Apfelschorlen und wollte gerade trinken, als Chris antwortete.

„Nichts außer meiner Jungfräulichkeit?“

‚Oh Scheiße. Geht das schon wieder los?'

Edgar zwang sich dazu, ganz ruhig zu bleiben und zu trinken. Erst als die Flasche halb leer war, drehte er sich zu Chris. Dieser wirkte nicht wirklich ernst, sondern schien nur austesten zu wollen, wie weit er gehen konnte. Jedenfalls lächelte Chris.

„Wenn ich dich wirklich entjungfert habe, dann konntest du am nächsten Morgen noch erstaunlich gut sitzen.“

Damit stand es unentschieden, denn Chris stand mit leicht geöffnetem Mund vor Edgar und fand keine Antwort. Innerlich musste Edgar grinsen, aber er verkniff sich jeden weiteren Kommentar.

Stattdessen drückte er Chris die andere Flasche in die Hand und zog sich aus. Ihm war egal, was Chris jetzt dachte, denn die nassen Sachen fühlten sich auf der Haut einfach nur unangenehm an. Die Kleidung legte er auf die Wiese zum Trocknen.

Dann nahm Edgar den Rucksack und setzte sich unter einen der Obstbäume. Er hatte keine Lust, einen Sonnenbrand zu bekommen.

Von Chris kam kein Ton. Er schien mit sich selbst zu kämpfen und nach kurzem Zögern zog er sich ebenfalls aus und setzte sich zu Edgar unter den Baum.

Einige Minuten schwiegen sie.

Es war warm, die Vögel zwitscherten und der Bach gab ein leises Plätschern von sich. In Edgars Kopf spielten sich schon wieder erotische Szenen ab. Natürlich spielte Chris die Hauptrolle. Im Gegensatz zu dem Chris, der gerade neben ihm saß, war der Chris seiner Träume mehr als nur willig. Aber solche Gedanken waren gar nicht gut, denn Edgar spürte, wie sich in der Leistengegend etwas zu regen begann. Genervt schlug er mit seinem Kopf gegen den Baum. Es tat zwar weh, aber beruhigte auch.

„Tut mir leid.“

Edgar blickte erstaunt zur Seite. Was wollte Chris?

„Weswegen?“

„Wenn ich Marco nicht vergrault hätte, dann wärst du jetzt mit ihm hier und dann würde der Nachmittag mehr nach deinen Vorstellungen laufen.“

Ja, Marco hätte genörgelt, dass das Paddeln zu anstrengend wäre, wäre unvorsichtig gewesen und hätte bestimmt keine ausgelassene Wasserschlacht veranstaltet. Dafür hätten sie zwar auf der Wiese fantastischen Sex gehabt, aber Edgar fragte sich gerade ernsthaft, ob es diesen Stress wert war.

„Tut er doch!“

„Naja, wäre ich mit einer Frau unterwegs, dann wüsste ich, was ich auf dieser Wiese anstellen würde.“

„Du kannst es gerne mit mir ausprobieren.“

„Ja, das hättet du wohl gerne. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet.“

Edgar hatte die Erfahrung gemacht, dass Chris sehr penetrant sein konnte, wenn er etwas herausbekommen wollte. Im Verhör wollte er diesem Bullen nicht begegnen.

„Doch, habe ich. Bisher ist der Tag doch einfach klasse. Ich muss nicht immer Sex haben, um rundum zufrieden zu sein. Deine nette Gesellschaft reicht mir vollkommen.“

„Flirtest du mit mir?“

Edgar drehte sich zur Seite. Chris wirkte nicht angefressen oder sauer, sondern einfach nur neugierig und gar nicht verklemmt, weil sie nackt waren.

„Irgendwie muss ich dich ja von meinen Qualitäten überzeugen. Die habe ich nämlich nicht nur im Bett. Und wenn du wieder ein Auto hast, dann wird es von mir auch topp gewartet. Ich bau' dir sogar alle möglichen Extras ein.“

„Auch einen Turbo?“

„Ohne Turbo ist ein Auto nicht lebensfähig. Das gehört zur Grundausstattung!“

Warum Chris jetzt anfing zu lachen, war Edgar ein Rätsel. Es dauerte, bis dieser sich wieder beruhigt und an den Baumgelehnt hatte.

„Uschi hat mich wegen ihres Turbos verlassen.“

Jetzt wurde es Edgar zu bunt. In Rätsel zu sprechen, war normalerweise sein Job und Chris war derjenige, der nichts verstand.

„Kannst du mir mal erklären, was du meinst?“

Dabei fing Edgar an, im Rucksack zu kramen, denn langsam bekam er wirklich Hunger. Neben mehreren Flaschen mit Apfelschorle hatte Chris Bananen, Trockenobst und verschiedene Sandwichs eingepackt. Die Bananen sahen ziemlich zermatscht aus.

„Nun, Uschi hat mich aus ihrer Wohnung geschmissen, weil ich in mein Auto einen Turbo eingebaut hatte. Sie hat mich vor die Wahl gestellt: ‚Ich oder der Turbo!'“

„Dann hast du die Sauftour ihretwegen veranstaltet?“

Es war nicht wirklich eine Frage.

„Auch, aber wesentlich mehr hat mich das Anabolikamonstrum geschockt, das an dem Abend bei ihr aus der Dusche gestiegen ist. Und sie kommentierte das mit ‚Das ist mein Turbo.' Und schmiss mir meine Sachen vor die Füße. Und da soll man keine Komplexe bekommen.“

„Ach, komm nicht schon wieder damit an. Du hast wirklich keinen Grund, Komplexe zu bekommen. Ehrlich.“

„Ja, wenigstens auf dich scheine ich eine gewisse Wirkung zu haben.“

„Stimmt. Weißt du, bei der Muskelmasse von dem Typen frag ich mich, was der einschmeißt. Und dass dann im Bett nichts mehr läuft, ist ja allgemein bekannt.“

Edgar holte die Sandwichs raus und schaute nach, womit sie belegt waren.

„Danke, das baut mich auf. Und…“ Chris zögerte einen Moment. „Das mit dem Turbo ist eigentlich ein unschlagbares Argument für dich.“

Irgendwie hatte Edgar den Eindruck, dass Chris anfing; über eine mögliche Beziehung nachzudenken. Die ‚Festung' war wohl doch erstürmbar. Doch er wollte nicht, dass Chris dieses Thema zerredete.

„Käse oder Schinken?“

„Komm mir nicht schon wieder so an: Wir waren gerade bei einem ganz anderen Thema.“

Da war Chris wohl anderer Meinung.

„'kay, ich nehme dann das mit Schinken. Und wegen dem Turbo: Da gibt es nichts zu diskutieren, du musst dir darüber klar werden, was du willst. Nicht mehr und nicht weniger. Aber lass mich nicht ewig warten.“

„Und was ist mit Marco?“

Jetzt wollte Chris aber auch alles wissen und Edgar beschloss, ihm einige Informationsbrocken hinzuwerfen.

„Marco ist gut für 'ne Runde im Bett, aber ich will bestimmt keine Beziehung mit ihm, dafür ist er zu nervig. Was willst du jetzt essen?“

Endlich schien Chris zu kapieren, dass Edgar wirklich nicht über das Thema reden wollte.

„Wenn du das Schinkensandwich nimmst, dann bleibt für mich ja nur der Käse übrig. Aber eine Banane nehm' ich auch noch.“

„Wirklich?“

Gleichzeitig holte Edgar die Überreste aus der Tasche. Sie sahen nicht mehr appetitlich aus.

„Dann halt nicht.“ Chris war überzeugt.

Beim Essen kamen keine weiteren Diskussionen auf und als Edgar sich anschließend wieder gegen den Baum lehnte, döste er sogar ein.

 

Die Sonne war schon ein ganzes Stück weitergewandert, als Edgar wieder aufwachte. Gücklicherweise waren sie immer noch im Schatten. Edgar hatte tief und fest geschlafen. Er wollte sich strecken, spürte aber, dass etwas Schweres an seiner Schulter lehnte. Es war Chris, der auch eingedöst war und ihn als Kissenersatz für seinen Kopf benutzte.

Es waren diese kleinen Vertrauensbeweise, die Edgar so anrührten, aber er wollte mehr. Einige Sekunden schaute er so auf den selig schlummernden Chris hinab und gab sich seinen Träumereien hin, bis ihm klar wurde, dass er sich schlimmer verhielt als jeder pubertierende Teenager.

Es war zwar wirklich nicht nett, aber Edgar nahm beim Aufstehen keine Rücksicht auf Chris. Der stieß mit dem Kopf recht unsanft gegen den Baum und mit einem empörten Brummen wurde er wach.

„Hey! Was soll das? Was habe ich dir getan?“

Dabei rieb sich Chris den Hinterkopf.

Dass die Frage lauten sollte, was er nicht getan hatte, verriet ihm Edgar nicht.

„Schau mal, wo die Sonne schon ist. Wir müssen mehrere Stunden geschlafen haben!“

„Ja, und? Ich hab' frei und brauch' mich nicht zu hetzen. Und da wir im Schatten waren, hat selbst meine empfindlichste Stelle keinen Sonnenbrand abbekommen.“

Edgar schluckte den nächsten Kommentar hinunter. Es wäre zu fies und zu gemein gewesen und hätte wieder einmal bewiesen, dass Chris nicht halb so versaut war, wie dieser immer dachte.

„Schön für dich. Aber als du gestern Abend einkaufen warst, hat mich noch ein Kunde angerufen, der mir heute seinen Alfa rüberbringen will, damit ich ihn frisiere. Und da ich die Kohle brauche, kann ich doch nicht so frei machen wie ich möchte.“

„Und warum hast du mir das nicht direkt gesagt? Schade, dann müssen wir wirklich los.“

Auch Chris streckte sich und stand dann auf.

Um nicht in Versuchung zu geraten, war Edgar schon vorgegangen und sammelte seine Kleidung ein. Nur die Jeans war noch nicht ganz trocken. Er zog sich an und ging dann zu den Kajaks. Chris folgte nur eine Minute später.

Die restliche Strecke legten sie ohne Probleme zurück. Chris hatte den Dreh wirklich raus und meisterte die Stromschnellen, ohne umzukippen oder anderweitig in Gefahr zu geraten. Für Edgar war es eine sehr angenehme Wandertour und Chris war für ihn weit mehr als nur eine nette Begleitung. Dazu hatte er auch noch den Eindruck, dass Chris anfing, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er ganz eventuell doch mal eine Beziehung mit einem Mann haben könnte. Chris hatte das vorsichtige, fast schon reservierte Verhalten der letzten Tage komplett abgelegt und schien auch nichts mehr dagegen zu haben, dass Edgar ihn hin und wieder kameradschaftlich berührte.

Als die ersten Häuser von Obersinn auftauchten, wirkte Chris fast schon enttäuscht.

„Edgar?“

„Was ist?“

Sie trieben gemütlich nebeneinander her und tauchten nur gelegentlich ihre Paddel ein, um nicht zu nah ans Ufer zu geraten. Edgar schätzte, dass jeder weitere Anstrengung auch zu viel für Chris wäre, denn der sah ziemlich fertig aus. Die letzte Stromschnelle hatte wohl seine ganze Kraft gefordert.

„Können wir uns nicht einfach weiter treiben lassen und hier irgendwo übernachten? Und morgen paddeln wir dann weiter. Ich habe nicht die geringste Lust, morgen wieder zu arbeiten.“

„Schön wär's.“

Edgar seufzte, damit hatte Chris es auf den Punkt getroffen. Doch Edgar sprach weiter, bevor Chris etwas sagen konnte.

„Auch wenn ich es liebe, an den Autos zu basteln, mich hält bei dem Wetter nur wenig in Frankfurt.“

„Mich wundert's, dass du einfach so mitten in der Woche einen Tag frei machen kannst.“

Und wenn Edgar an den Hai dachte, der Geld von ihm wollte, da wunderte er sich mindestens genau so sehr. Aber was wollte er machen, wenn geschäftlich nichts los war?

„Mit dem letzten Auftrag war ich gestern Mittag fertig, und der Alfa kommt ja erst heute Abend, deswegen passte es. Es ist halt Sommerflaute, bei dem Wetter sind Unfallreparaturen selten und die meisten lassen ihre Autos im Frühjahr frisieren. Aber wenn ich dann die Bude voll habe, dann schau ich nicht auf meine Arbeitsstunden. Dann ist so ein Tag wie heute der Ausgleich dafür.“

„Als Selbstständiger hast du es schon gut.“

Edgar meinte, fast schon ein wenig Neid aus Chris Stimme zu hören, und wiegelte direkt ab.

„Nicht wirklich, manchmal frage ich mich, wofür ich das mache. Viel übrig bleibt für mich jedenfalls nicht.“

„Dann kannst du ja froh sein, einen Untermieter zu haben, der einkaufen geht.“

„Wenn sich dieser Untermieter auch entschließen könnte, vom Gästezimmer in mein Schlafzimmer umzuziehen, dann wäre ich restlos zufrieden.“

„Wieso habe ich nur mit so einem Kommentar gerechnet? Edgar, du wirst langsam vorhersehbar.“

Gleichzeitig bekam Edgar auch noch einen Schwall Wasser ab. Kopfschüttelnd brachte er sich aus der Gefahrenzone. Dank Chris hatte er heute mehr als genug Wasser abbekommen. Doch er wollte das nicht einfach so auf sich sitzen lassen.

„Ach ja? Wart' mal ab, was ich mir noch alles einfallen lasse, um dich rumzukriegen.“

„Wenn die Ideen genau so gut sind wie der heutig Tag, habe ich nichts dagegen. Aber mach dir nicht zu viele Hoffnungen, dass du mich auch wirklich in dein Bett bekommst.“

Edgars einzige Antworte war ein Lachen, worauf er von Chris einen misstrauischen Blick zugeworfen bekam.

Dann kam aber auch schon die Anlegestelle in Sicht.

„Da vorne müssen wir hin. Martin hat ein Stückchen weiter einen Schuppen, in dem er die Kajaks aufbewahrt, und dann müssen wir noch zum Hof laufen.“

Gleichzeitig lenkte Edgar sein Kajak ans Ufer.

„Du willst also wirklich nach Hause und nicht weiterrudern?“

Auch wenn es Chris nicht wirklich ernst meinte, schließlich lenkte er auch ans Ufer, hartnäckig war er ja.

„Glaubst du wirklich, du kommst heute noch einen Kilometer weiter? Besonders wo es gleich einen engen Strömungskanal gibt? Du schaffst es doch noch nicht mal mehr, das Paddel vernünftig zu halten, so k.o. bist du. Und dann, selbst wenn wir der Sinn folgen, die fließt auch nur in den Main und dann landen wir wieder in Frankfurt.“

Jetzt war es Edgar, der Chris mit einer Ladung Wasser bedachte.

„Danke, dass du mich aus meinen Träumen gerissen hast, und für die kalte Dusche. Die habe ich wirklich gebraucht, als ob ich nicht schon nass genug wäre. Und wenn ich jetzt aussteige, dann lande ich garantiert wieder im Wasser.“

„Ich halte dein Kajak, dann passiert das nicht, komm, hier kommen wir am besten raus.“

Mit einem leisen Knirschen liefen die beiden Boote auf Grund. Edgar griff zu Chris' Kajak rüber und stabilisierte es, so dass dieser ohne Probleme aussteigen konnte. Anschließend half Chris Edgar beim Aussteigen.

Als sie die Kajaks zum Schuppen schleppten, taten sie es in einträchtigem Schweigen.

Zehn Minuten später waren sie bei Martin auf dem Hof. Dort hatten sie auch die Möglichkeit, sich zu duschen und umzuziehen.

Anschließend tranken sie noch einen Kaffee und machten sich dann auf den Heimweg. Jetzt bestand Edgar darauf, dass Chris nicht fuhr, denn dieser sah aus, als ob er jeden Moment einschlafen würde. Das war auch der Grund, warum sie kaum redeten, Edgar hatte es beim Kaffeetrinken definitiv keinen Spaß gemacht, Chris zu ärgern, wenn dieser einfach nur in seine Kaffeetasse starrte und gar nicht mitbekam, was Edgar erzählte.

Kaum waren sie auf der Autobahn, da war Chris auch schon eingeschlafen.

Er wachte auch nicht auf, als sie in Frankfurt ankamen. Und an einer roten Ampel hatte Edgar einen Moment Muße, Chris zu betrachten. Er fand es faszinierend, dass Chris, der im wachen Zustand immer einen zynischen Ausdruck hatte, im Schlaf friedlich, fast schon sensibel wirkte. Dabei gab sich Edgar keiner Illusion hin: Wenn Chris wach war, dann konnte er riesengroßes Arschloch sein. Aber wie mochte es sein, wenn Chris sich nachts – diesmal allerdings nüchtern - in seinen Arm schmiegte? Wie, wenn Chris ihn berührte?

Ein ungeduldiges Hupen weckte Edgar aus seinem Tagtraum. Er hatte Erbarmen und fuhr auch los. Von Chris war nur ein ungnädiges Brummen zu hören, aber ein Blick zur Seite brachte Edgar die Sicherheit, dass Chris immer noch döste.

Auch als Edgar den Wagen im Hinterhof eingeparkt hatte, hatte Chris die Augen immer noch geschlossen. Jetzt musste Edgar ihn wieder wecken, doch er nahm sich vor, es zärtlicher zu tun als am Nachmittag. Er drehte sich zur Seite und stubste Chris an seiner Schulter. Einmal, zweimal, dreimal. Bis dieser endlich reagierte und verschlafen seine Augen öffnete.

Diesen Moment nutzte Edgar, und er beugte sich vor und küsste Chris auf die Stirn. Nicht lange und auch nichts anstößig, einfach Ausdruck seiner Zuneigung. Und Chris unendlich überrascher Gesichtsaudruck belohnte Edgar.

„Das ist meine Rache dafür, dass ich heute deinetwegen soviel Wasser geschluckt habe. Und jetzt komm mit hoch. Ich hab' Hunger. Kochst du oder soll ich kochen?“

Es schien einen Augenblick zu dauern, bis Chris verstand, was Edgar gesagt hatte, dann schüttelte er den Kopf.

„Du bist verrückt. Aber ich koche. Deinen Fraß kann man ja nicht essen. Und außerdem musst du doch noch in die Werkstatt.“

Ja, das musste er. Doch bevor Edgar die Halle aufschloss, beobachtete er Chris, wie er ausstieg und zur Haustür ging.

Bevor er ihm folgte, erinnerte er sich an das Sprichwort aus der Szene, dass jeder Hetero irgendwie schwul wäre, es nur noch nicht wissen würde.

Er würde alles tun, damit Chris es erfahren würde.

Aber als nächstes würde er sich mit Marco versöhnen. Er war gespannt, was sein Bulle dazu sagen würde.