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"Ach, hallo Anna," sagte Wilsberg beiläufig und lehnte sich dabei mit dem Arm auf das Regal, vor dem er stand und in dem er bis gerade eben noch gekramt hatte. Er wollte damit wohl cool aussehen.
Overbeck, der sowohl cool, als auch ein guter Ermittler war, fand, dass ihm weder die Coolness, noch die Beiläufigkeit gut gelungen war. Cool war Wilsberg sowieso nicht (Antiquar, bah!), und zudem hatte Overbeck sehr gut gesehen, dass Wilsberg zuvor in den bunten Seilen gekramt hatte und das nun sehr offensichtlich verstecken wollte. War es ein Zufall, dass Wilsberg genau dann in einem Partyzubehör-Laden nach bunten Seilen suchte, als Overbeck und Hautkommissarin Springer in einem Fall ermitteln, in dem das Mordopfer mit genau solchen Seilen erwürgt wurde, in denen Wilsberg gerade noch seine Finger hatte? Overbeck kannte Wilsberg schon lange genug, um zu wissen, dass Zufälle nichts war, was bei Wilsberg vorkam.
Frau Springer hatte zwar bereits beim ersten Bemerken von Wilsberg die Augen verengt, aber erst jetzt sah Overbeck ihren Blick auch zu der Waren wandern, die ihn verriet.
"Du ermittelst doch nicht etwas in meinem Fall?," fragte sie ihn forsch und stellte damit mal wieder die falsche Frage. Aber das kannte Overbeck ja. Frau Springer war, was Wilsberg angeht, durch ihre Freundschaft — oder was auch immer das zwischen ihnen war — schon immer ein wenig verblendet gewesen. Sie wollte seine kriminellen Machenschaften einfach nicht einsehen.
Overbeck hingegen, er wusste, dass Wilsberg nicht bloß ermittelte. Nein, er war sich sicher, dass Wilsbergs Finger tiefer in diesem Fall mit drinsteckten. Er würde nur einen Weg finden müssen, diesmal auch Frau Springer davon zu überzeugen.
"Welcher Fall?," hatte Wilsberg die Dreistigkeit ganz unschuldig zu fragen. Er war gut, dieser Wilsberg. Wenn Overbeck es nicht besser wüsste und alle Anzeichen bereits vorher gelesen hätte, hätte er Wilsberg tatsächlich selbst auch abgekauft, dass dieser gar nicht wusste, wovon Frau Springer sprach.
Aber zumindest hierbei waren er und sie sich einig, denn Frau Springer fragte prompt: "Ach, jetzt komm mir doch nicht so. Wir wissen doch beide, dass du nicht bloß aus Zufall," das betonte sie ganz besonders, "im gleichen Laden einkaufst, in dem Oberbeck und ich ermitteln."
"Das magst du mir vielleicht nicht glauben," antwortete Wilsberg, immer noch so gespielt lässig wie vorher, "aber ab und zu passieren doch mal Zufälle."
"Nicht bei dir, Georg."
"Tja," er zuckte mit den Schultern, "aber diesmal ist es tatsächlich so."
"Wir werden seh’n, Georg, wir werden seh’n." Mit diesen Worten wandte Frau Springer sich von Wilsberg ab.
Overbeck machte sich daran, ihr zu folgen, aber zuerst zeigte er noch mit seinem Zeige- und Mittelfinger auf seine eigenen Augen, dann auf Wilsbergs. "Sie mögen Frau Springer täuschen, aber ich weiß, dass sie in unseren Mord verwickelt sind, und ich werde herausfinden, wie."
"Machen Sie sich auf eine Enttäuschung gefasst," widersprach Wilsberg, weil er immer widersprechen musste. Overbeck wusste es besser, als dass er ihm Glauben schenken würde.
Sosehr Frau Springer seine Theorien auch abtat, Overbeck hatte Recht! Das war der Beweis! Genau dort, durch das Fenster, durch dass Overbeck dank des Fernglases so einen guten Blick aus dem Observierungsfahrzeug hatte, sah er wie kein anderer als Wilsberg mit Springers Tatverdächtigen sprach.
Und die Gestik und Mimik der beiden sprach Bände! Keiner der beiden war gut gelaunt, sie schienen beide unzufrieden. Overbeck wäre das wohl auch an der Stelle der Frau, wenn Wilsberg einfach so an seinem Arbeitsplatz auftauchen würde, nachdem er gerade erst durch die Polizei zum Mord an seiner besten Freundin befragt worden wäre.
Und an Wilsbergs Stelle musste es wohl ähnlich bedrückend sein, wenn man herausgefunden hatte, dass in dem Mord, in dem man verwickelt war, von den beiden besten Beamten der Münster Polizei ermittelt wurde. Da hatte Wilsberg aber wirklich Pech gehabt. Overbeck konnte es gar nicht warten, Frau Springer davon zu erzählen.
Aber erstmal musste er noch seine Observierungsschicht hier beenden. Er sah dabei zu wie Springers Tatverdächtige den Bienenstich aus der Auslange nahm, das Messer an verschiedenen Stellen ansetzte, bevor Wilsberg abwinkte und sie ihm die gesamte restliche Menge des Kuchens einpackte.
Nun zeigte Wilsberg noch auf die Schwarzwälder Kirschtorte. Auch die nahm er ganz mit! Sehr verdächtig! Was wollte Wilsberg denn mit so viel Kuchen?
Overbeck wusste, da musste noch mehr dahinterstecken.
"Du sollst doch nicht mehr in meinen Ermittlungen herumpfuschen," hörte er Frau Springers aufgebrachte Stimme aus ihrem Büro, "du bringst dich damit immer nur in Schwierigkeiten."
"Ich ermittle doch gar nicht in -," fing Wilsberg an, aber sie schnitt ihm das Wort ab.
"Deine Ausreden interessieren mich nicht." Sie seufzte. "Alles, was ich möchte, ist, dass du dich von meinen Verdächtigen fernhältst und Overbeck keine weiteren Anlässe gibst, dich zu verdächtigen. Denn wusstest du das? Overbeck hält dich für schuldig. Wenn nicht für den Haupt-, dann doch für einen Mittäter."
"Aber das ist doch absurd."
"Das wäre es, wenn Overbeck dich nicht an jedem unserer Ermittlungsorte gesehen hätte."
Es entstand eine Pause, in der Overbeck damit rechnete, dass Wilsberg nun endlich gestehen würde.
"Ach, hat es dir auch mal die Sprache verschlagen?," fragte Frau Springer sarkastisch.
"Nein, aber die Hirngespinste deiner Ermittler sind nicht mein Problem."
Frau Springer lachte. "Dann sorg dafür, dass es auch Hirngespinste bleiben. Und jetzt geh und lass die Profis ermitteln."
Overbeck konnte seinen Ohren kaum trauen. Da ließ Frau Springer ihn einfach wieder davonkommen! Wo er doch so nah gewesen war zu gestehen!
Die Tür, vor der Overbeck gestanden habe, ging auf und er sah sich Wilsberg gegenüber stehen.
"Sie werden sich noch ziemlich dumm vorkommen, wenn sie diesen Fall gelöst haben," meinte Wilsberg und ging dann an ihm vorbei.
Overbeck sah hoch und traf Frau Springers Blick.
"Was Wilsberg tut, ist verdächtig, aber nicht kriminell," sagte sie. Overbeck biss sich auf die Zunge. Frau Springer war nun mal von ihrer Sympathie für den Mann geblendet. Da mussten schon handfeste Beweise her.
Und die hatte er nun. Endlich würde Overbecks Moment sein, in dem er Frau Springer endlich beweisen würde, was für einer Wilsberg wirklich war. Natürlich hatte er ihr verschwiegen, dass das Vereinsheim, vor der sie gerade standen, nicht von Springers Tatverdächtigen gemietet worden war, sondern von Wilsberg. Aber das wäre alles egal, wenn sie ihn bloß auf frischer Tat ertappen würden.
a hörte er auch schon einen Schuss aus dem Inneren der Hütte, so zog er sofort die Waffe. Die Tür war geöffnet — ein Anfängerfehler — und er raste hinein, Frau Springer hinterher.
"Ach, da seid ihr ja," sagte Wilsberg als er sie beide sah, viel zu ruhig für jemanden, der gerade überführt wurde, "habt ihr meine Nachricht also doch bekommen."
"Welche Nachricht?," fragte Overbeck verwirrt.
"Du weißt wie man Nachrichten schreibt?," fragte Ekki daraufhin. Erst jetzt merkte Overbeck, dass Wilsberg nicht alleine in dem Raum saß. Gegenüber von ihm saß Ekki und daneben diese junge Anwältin.
"Quatsch," sagte Wilsberg, "das hat Alex für mich gemacht."
Overbeck ließ den Blick durch den Raum schweifen. Wilsberg hatte eine Sektflasche in der Hand, der Korken abgenommen, zwischen den dreien auf dem Tisch standen ein Bienenstich und eine Schwarzwälder Kirschtorte, die Wände waren mit Ballons geschmückt, die mit bunten Seilen festgeknotet waren, wo auch immer sich Möglichkeiten boten. Ecki und Alex Holtkamp waren etwas eleganter gekleidet, so wie für eine Geburtstagsfeier oder —
"Findest du nicht, dass eine Einladung zu einer Weihnachtsfeier ein wenig früher als am selben Tag verschickt werden sollte?," fragte Frau Springer von hinten.
"Ich wusste nicht früher, dass ich Gäste haben würde," antwortete Wilsberg.
"Und da hat er sich einfach mal gedacht," warf Ekki augenverdrehend ein, "dass er alle seine anderen Freunde spontan zum Arbeiten einspannen muss."
"Ach, arbeiten." Wilsberg winkte ab. "Jetzt stell dich doch mal nicht so an. Ein paar Luftballons aufzupusten, ist doch nicht gleich Arbeit."
In diesem Moment schienen Frau Springer die gleichen Sachen ins Auge gefallen zu sein wie Overbeck kurz zuvor. Die Ballons an den bunten Seilen, die Kuchen, die entkorkte Sektflasche, die einen Knall hervorrufen könnte… Sie drehte sich im Raum und zeigte um sich:
"Sind das die Besorgungen, die du bei unseren Verdächtigen getätigt hast?"
Ekki sah Wilsberg entrüstet an. "Du bist doch nicht etwa ermitteln gewesen, während ich hier die Luftballons für dich aufgepustet habe!"
"Ach quatsch, das ist alles bloß ein Misverständnis."
Ekki entrüstete sich: "Das erzählst du hier den falschen Menschen. Wir kennen dich zu gut."
Frau Springer seufzte. "Nehmen sie die Waffe runter," sagte sie zu Overbeck. "Wilsberg war nicht an dem Mord beteiligt, er hat sich nur dumm angestellt." Sie zog einen Stuhl zurück, und schob den Teller, der davor bereitstand nach vorne. "So wie immer." Sie sagte das mit einem vorwurfsvollen Blick, der aber trotz allem ein Lächeln enthielt."Für Sie auch ein Stück?," wandte Wilsberg sich an Overbeck, während er Frau Springer etwas vom Bienenstich auf den Teller schob.
Overbeck steckte die Waffe wieder ein, und nahm die Sonnenbrille von den Augen. Er zuckte mit den Achseln und konnte sich beim Gedanken an den Kuchen ein Lächeln dann doch nicht verkneifen. "Da kann man doch nicht nein sagen." Er setzte sich dazu. "Ein Stück Schwarzwälder Kirsch, bitte."
Overbeck schob sich gerade das letzte Stück in den Mund, als Frau Springers Handy einen Ton von sich gab. Sie lachte, als sie es aufnahm und letztlich gelesen hatte, was man ihr gesendet hatte.
"Die Konditorin hat gestanden," wandte sie sich an Overbeck, "und Wilsberg hat sie zum ersten Mal gesehen als er heute früh bei ihr Kuchen gekauft hat."
Schnell schluckte Overbeck den Kuchen hinunter, damit er antworten konnte. "Aber Behinderung der Justiz war es trotzdem."
"Jaja," sagte Wilsberg, "nimm noch ein Stück Kuchen."
