Work Text:
Wieder einmal fanden sie sich auf diesem verfluchten Feldweg wieder, um die Passanten zu befragen, ob sie ihr Opfer gekannt hatten. Was das genau bringen sollte, wusste Leo nicht, da sie genauso gut ihre Datenbank beanspruchen konnten, aber Adam hatte nur etwas von „so ‘nem Gefühl“ genuschelt und auch wenn Leo es nur ungern zu gab, lag das Gefühl seines Partners in der Vergangenheit bereits oft richtig.
Also standen sie jetzt hier, mehrere Meter entfernt voneinander, ihre physische Entfernung ein seltsamer Spiegel der derzeitigen Entfernung in ihrer Beziehung und fragten die verschiedensten Gestalten, die tatsächlich häufig frequent hier entlangspazierten, wanderten oder radelten, ob sie ihr Opfer gekannt haben.
Immerhin war heute ein angenehm lauer Frühlingstag, da konnte es ihnen Leo nicht verdenken und vielleicht war es auch ganz gut, dass sie selbst mal von ihren Schreibtischen wegkamen. Er wünschte sich bloß, sie müssten nicht auf diesem verdammten Feldweg stehen. Als die SpuSi ihre Leiche in der Nähe entdeckt hatte, fühlte er sich seltsam beobachtet. Warum mussten sie auch immer wieder bei irgendwelchen Wäldern enden, wenngleich das nicht ihr Wald war, fühlte er sich ganz und gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass ihr Opfer durch diesen Wald gejagt worden war.
Gerade wollte er die nächste Passantin abfangen um ihr das Foto ihres Opfers unter die Nase zu halten, als er neben sich Chaos ausbrechen hörte. Er war gerade weit genug entfernt um noch ein „… soll die Schwuchtel doch sehen, wie sie zurechtkommt.“, zu vernehmen.
Instinktiv fand sein Blick Adam, der gerade einen Mann und dessen vermeintliches Kind auseinander zu halten versuchte. Ebenso instinktiv rannte er zu ihnen hin, zog den schmächtigen Jugendlichen zu sich, und stellte sich schützend zwischen ihn und seinen Vater. Der Junge konnte kaum 15 sein. So wie sie damals. Abermals fühlte er sich an Adams und seine Vergangenheit erinnert.
Scheiße. Leo drehte sich der Magen um, und Adams Blick nach zu urteilen, ging es ihm nicht sonderlich besser. Noch vor ein paar Monaten währen bestimmt auch schon Fäuste geflogen, so begnügte sein Partner sich aber damit, dem Jugendlichen schützend eine Hand auf die Schulter zu legen. Dieser zuckte jedoch instinktiv weg, und Leo konnte es ihm nicht verdenken, denn wenn er daran dachte, wie Adam damals drauf war, konnte er erahnen, was in dem jungen Kopf vor sich ging.
Leo räusperte sich: „Ich würde Sie jetzt bitten zu gehen.“, sagte er in Richtung des Vaters.
Häusliche Gewalt war zwar nicht unbedingt ihr Aufgabenbereich – vor allem, wenn die Personen noch lebten – aber sie konnten ein hilfloses Kind doch wohl schlecht alleine lassen, er hoffte nur, dass der Vater keinen weiteren Aufstand veranstaltete. Adam und er konnten sich nicht schon wieder mit ihren Vorgesetzten streiten.
Zu seiner Erleichterung schoss der ihm nur einen eiskalten Blick entgegen und verzerrte seinen Mund zu einer dünnen Linie.
„Ich kann auch gerne meine Kollegen rufen, wenn Sie Geleitschutz brauchen“, setzte Leo nach.
Der Kopf des Mannes drehte sich wieder zu dem Jungen, bevor er ihm regelrecht ein „du brauchst dich gar nicht mehr Zuhause Blicken lassen, außer du willst sehen, was du davon hast.“, entgegen spuckte. Leo machte einen weiteren Schritt auf seinen Kollegen und den deutlich eingeschüchterten Jungen zu, ganz so, als wollte er eine Barriere um die Beiden bilden. Doch zu ihrem Glück zuckte der Mann ihnen nur einmal kurz provozierend entgegen, ehe er sich abwandte und mit zügigem Schritt in die andere Richtung davonlief. Leo Atmete auf, hatte gar nicht wirklich gemerkt, dass er die Luft angehalten hatte und drehte sich vollständig zu den Beiden.
„Alles okay bei euch?“
Der Junge nickte nur stumm also suchte Leo Adams Blick; dieser schien jedoch immer noch mit sich zu ringen. Diese Situation war bestimmt viel zu persönlich für seinen besten Freund. Er konnte sich denken, dass Adam das zu sehr an den Alten erinnerte.
Bevor er sich in Adams und letztendlich auch seiner Vergangenheit verlor, berief er sich darauf, dass sie immer noch auf der Arbeit wahren und er zumindest den Anschein an etwas Professionalität wahren sollte.
„Hast du irgendjemand, bei dem du unterkommen kannst? Sollen wir jemand für dich anrufen?“
Zum ersten Mal bekam er auch eine Antwort, wenngleich sie kurz angebunden war: „Meine Tante, ich könnte sie anrufen.“
Leo nickte schlicht und ging in Richtung ihres Dienstwagens, Adam hatte immer einen Vorrat an Gummizeugs und während er normalerweise nicht sonderlich glücklich darüber war – er sollte sich echt besser ernähren – kam ihm das gerade nur gelegen. Zügig sperrte er den Wagen auf, fischte eine PET-Flasche Wasser aus dem Hinterraum und öffnete das Handschuhfach, um eine Süßkrampackung herauszuholen. Dann ging er wieder zu den zweien, der Teenie hantierter inzwischen mit seinem Smartphone und schien eine Nachricht zu tippen.
„Hier.“, sagte er und hielt dem Jungen die Flasche hin, der sie dankbar nach wenigen Sekunden des Zögerns nahm. Dann riss er die Tüte auf und streckte sie ihm ebenfalls entgegen, zu seiner Überraschung griff Adam zuerst danach und schenkte Leo ein müdes Lächeln. Ihm gefiel gar nicht, wie distanziert die Miene seines Freundes wirkte.
„Sie kommt mich holen, sie meint, dass sie in zehn Minuten hier ist“
„Gut.“
Der Junge biss sich auf die Lippe: „Ihr müsst nicht mit mir warten, ihr habt bestimmt einen Job zu erledigen.
Die Hand seines Partners fand erneut die Schulter des Jungen und er drückte sie beruhigend: „Ach was, wir wollten sowieso gerade Pause machen, da können wir Gesellschaft brauchen.“, die steinerne Maske, die Leo inzwischen nur zu gut kannte, schmückte wieder sein Gesicht, jedoch schenkte er dem Jungen ein aufmunterndes Lächeln.
Andere, besonders die Kollegen und Kolleginnen aus den anderen Abteilungen konnten denken, was sie wollten, aber Adam war ein guter Kommissar, wenn es darauf ankam. Wärme breitete sich in Leos Magengegend aus, als er darüber nachdachte, wie mitfühlend sein bester Freund doch sein konnte, wenn er wollte.
„Willst du dich setzten? Wir können gern im Wagen Platz nehmen.“
„Nee, passt schon, ich kann grad nicht … danke.“
Abermals nickte Leo, er konnte es dem Jungen nicht verdenken, vermutlich steckte ihm die Furcht immer noch in den Gliedern. Er selbst spürte die Unruhe der Auseinandersetzung noch in sich nachhallen. Das war auch definitiv eine Situation, die er mit seiner Therapeutin besprechen sollte. Seit seinem Unfall im Bunker hatte er sich bereitschlagen lassen, mindestens einmal im Monat ihr Büro aufzusuchen und über alles zu reden, was ihm so auf dem Herzen lag. Überraschenderweise, wobei er sich das auch hätte denken können, tat ihm das doch ganz gut. Auch Adam hatte er nahegelegt, sich in Therapie zu begeben, dieser hatte sich jedoch wie erwartet geweigert und Leo hatte es bisher auf sich beruhen lassen. Vielleicht war nun doch der Zeitpunkt das ganze nochmal vorzubringen. Ihre Beziehung würde eventuell auch davon profitieren, und wenn ihn das gerade schon sehr an ihre Vergangenheit erinnert hatte, dann Adam bestimmt umso mehr. Das konnte doch nicht gut sein.
Ehe er sich erneut weiter in seinen Gedanken verstricken konnte, war die Tante des Jungen endlich bei ihnen angekommen und schloss ihn sofort in den Arm. Leo seufzte. Wenigstens eine Person, die ihm augenscheinlich Halt geben konnte. Nach ein paar üblichen Floskeln - jedoch nicht bevor Adam dem Jugendlichen seine Visitenkarte zustecken konnte – verabschiedeten sie sich. Erneut wurde er von dem warmen Gefühl der Zuneigung für Adam übermannt und er lächelte leise in sich hinein.
Sobald die Beiden außer Sicht waren, schlug Adams Stimmung jedoch sichtlich um und er fing an mit einem schnellen Stechschritt davonzulaufen. Überrumpelt blickte Leo ihm einige Sekunden hinterher, bevor er Adam hinterherlief.
Natürlich tat er das.
„Schürk, was soll das?“
Immer noch laufend wandte der sich zu ihm um, so als ob er gerade gar nicht mehr stehen bleiben konnte, auch wenn er wollte. Wie ein gehetztes Tier.
„Hör auf davon zu laufen und sag mir, was los ist! Verdammt nochmal!“
Adams Miene verfinsterte sich.
„Was los ist? Was los ist?“
„Ja Mensch, ich kann dir doch nicht hinter den Kopf gucken! Und gerade war doch alles wieder in Ordnung?!“
Leo war sich nur unterschwellig bewusst, wie dumm sie auf Außenstehende wirken mussten; zwei erwachsene Männer, die sich am helllichten Tag hinterherliefen und beinahe anschrien. Gerade war es ihm aber herzlich egal, damit konnte er sich auch noch auseinandersetzen, wenn er sich im Abschlussbericht rechtfertigen musste.
Als Adam den Mund endlich aufmachte, war seine Stimme etwas leiser und etwas zerbrechliches lag in ihrem Ton.
„Ich kann das alles nicht mehr.“
Die Situation eben war zwar nicht schön gewesen, aber sie hatten schon weitaus schlimmere Ausfälle und Auseinandersetzungen mitbekommen. Was hatte den blonden Mann also so sehr getriggert? Abermals hatte er den Drang Adam eine Therapie nahezulegen. So konnte das echt nicht weiter gehen und wie sollte er selbst seinem Freund helfen, wenn der nie mit ihm sprach? Klar hatten sie über die letzten Jahre einiges erlebt und auch gerade lief es nicht sonderlich rosig zwischen ihnen, aber er hoffte, dass Adam wusste, dass er trotzdem immer für ihn da sein würde. Gerade weil sie eben schon so viel gemeinsam durchgemacht hatten.
„Jetzt bleib doch mal stehen und— “
Doch Adam blieb nicht stehen, drehte sich sogar wieder um und lief weiter. Weg von Leo.
„Wir. Uns. Ich kann uns so wie jetzt nicht mehr, Leo.“, bekam er schlussendlich doch entgegengeworfen.
Ein Stich fuhr durch das Herz ebenjenes. Abrupt blieb er stehen, konnte einfach nicht anders. Wenn das bedeutete, dass Adam nicht mal mehr mit ihm befreundet sein wollte, dann …
„Was meinst du mit … uns“, sprach er, viel zu leise, als das Adam ihn über das Knirschen des Kieses hätte hören können, aber zu etwas Anderem war er gerade nicht fähig, zu sehr hämmerte nun sein Herz in der Brust und drohte, ihn von innen heraus zu zerreißen. Ja, sie hatten ihre Probleme und auch gerade lief es wirklich alles andere als gut zwischen ihnen, aber dennoch. In Leos Gedanken waren sie trotzdem beste Freunde, die sich letztendlich doch immer aufeinander verlassen konnten, wenn es darauf ankam. Außerdem wollte er Adam nicht noch einmal verlieren, nicht, nachdem es ihn das letzte Mal fast gebrochen hatte, und bisher hatten sie es doch immer wieder geschafft, sich zusammen zu reißen. Wenn er bei klarerem Verstand gewesen wäre, wäre ihm vielleicht auch aufgefallen, wie oft seine eigenen Gedanken sich heute schon im Kreis drehten. Immer wieder um Adam, den Mittelpunkt seiner Welt, seines Universums.
Mit zügigen Schritten holte er auf und griff nach Adam, bekam seinen Arm zu fassen und zog ihn zu sich.
Adam jedoch, riss sich los, natürlich tat er das.
„Lass mich.“
„Ich lass dich nicht nochmal gehen. Nicht einfach so.“
Das schien Adam nun doch aus dem Konzept zu bringen und für einen wahnsinnigen Moment sah er den Dunkelhaarigen einfach nur an, der gehetzte Ausdruck schien nun etwas Manisches an sich zu haben.
Erneut setzte Leo an, beschwichtigender nun: „Also, was meintest du. Bitte. Sprich mit mir.“
Adam starrte weiter. Leo blies laut Luft aus, ließ seinem besten Freund aber Zeit, wusste er doch, dass er unter normalen Umständen schon kein Mann großer Worte war und schon gar nicht, wenn es um seine Gefühle ging. Dafür hatte der Alte schon gesorgt. Also gab er ihm und sich Zeit.
Eine Minute verging, noch eine. Adams Kiefer arbeitete und sein Blick flirrte zwischen Leos Augen und der Umgebung hin und her. Schließlich schien er die Barrieren in seinem Kopf bezwungen zu haben.
„Können wir-?“, setzte er an und machte eine ruckartige Bewegung in Richtung des Weges, welcher sie weiter weg von ihrem Dienstwagen und den Spaziergängern bringen würde. Leo nickte dennoch, wenn es das war, was Adam zum Reden bewegte, sollte es ihm nur recht sein.
Schweigend setzte er sich in Bewegung und sah den anderen Mann von der Seite an, zu gerne wüsste er, was genau diesen Ausbruch ausgelöst hatte, aber das konnte er auch fragen, sobald sie, was auch immer gerade scheinbar zwischen ihnen stand, überwunden hatten. Hoffte er.
Darüber, dass sein Freund vielleicht wirklich nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, dachte er bewusst nicht nach.
„Also …?“, fragte er vorsichtig und Adam seufzte.
„Ich … ich hab Angst, dass du mich hassen wirst.“
Irritiert riss Leo die Augen auf, „what the fuck, Adam? Ich könnte dich niemals hassen.“
„Wart’s ab.“, höhnte sein Gegenüber, immer noch sichtlich nervös, und fuhr sich durch die Haare.
Abermals wartete Leo also darauf, dass er endlich eine Antwort bekam, inzwischen war er froh, dass sie sich in Bewegung gesetzt hatten, wenigstens konnte er so seine nervöse Energie in seine Schritte legen. Wären sie nämlich bei ihm Zuhause gewesen, wäre er unruhig hin und her getigert, und hätte umso größere Angst gehabt, dass Adam wieder einmal verschwindet. So wusste er wenigstens, wo er war und wo er hinlief. Bevor Leo sich noch weiter in seine eigenen Gedanken verheddern konnte, fing Adam erneut an zu reden. Er bemühte sich, seinen Blick nach vorne gerichtet zu lassen, in der Hoffnung den Mann neben ihm nicht doch noch zu verschrecken.
„Ehrlich gesagt, hab ich echt eine Scheißsangst, dass ich wieder alles kaputt mache, aber es frisst mich auf, Leo“, seine Finger fuhren durch blonde Strähnen, „und ich hoff‘ du kannst mir verzeihen.“
Ein nervöses Lachen.
„Wie du’s schon so oft getan hast, obwohl ich’s nicht verdient hab.“
Verdammt, was hatte Adam getan? Wenn selbst der Mensch, der vor nichts zurückschreckte, so vorsichtig war, konnte das nichts Gutes heißen. Leo fühlte, wie sein Puls sich beschleunigte.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Adam sein Gesicht zu ihm wandte und ihn für einen Augenblick zu mustern schien, also erlaubte er sich, seinen Kopf ebenfalls zu drehen und ihm ein hoffentlich aufmunterndes Lächeln zu schenken.
Seufzend fuhr der Blonde fort: „Die Situation vorhin, das hat mich so sehr an den Wichser erinnert … ich … er hat schon so viel kaputt gemacht, weißt du. Ich möchte das aber nicht mehr. Er ist tot und ich muss endlich aufhören ihm auch noch jetzt Macht über mich zu geben. Das hab ich inzwischen verstanden.“
Leo nickte.
Mittlerweile hatten sie die Anfänge des Waldstückes erreicht, doch Adam schritt unbeirrt weiter, ganz so, als ob er gerade wirklich nicht stehenbleiben konnte. Als ob er, getrieben durch seine Gedanken immer weiterlaufen musste und Leo konnte nicht anders, als ihm zu folgen. Wie immer.
„Adam, komm, sprich mit mir“, sagte er sanft, in der Hoffnung, seinen besten Freund zum Fortsetzen zu bewegen, „warum solltest du etwas kaputt machen, wenn ich dir vorhin gesagt habe, dass ich dich nicht noch einmal verlieren möchte. Du weißt, ich würde für dich über Leichen gehen. Ich gehe für dich über Leichen.“ Ihm war durchaus bewusst, wie wahnsinnig das klang, aber er hatte nun wirklich keine Energie, um seine Gedanken zu filtern und so ganz unwahr war das ja auch nicht.
Abermals fuhr Adam sich durch die Haare und blieb dann plötzlich stehen. Überrascht machte Leo noch einen Schritt, ehe er sich dem Anderen zuwandte.
„Leo, ich bin schwul.“
Leo lachte auf, das war das Problem? Wirklich? Sie hatten zwar nie über Sexualität gesprochen, aber Leo hatte schon vermutet, gar gehofft, dass Adam auf Männer stand, doch dieser schüttelte den Kopf.
„Nein, ich meine, der Wichser … er wusste‘s. Ich weiß auch nicht woher, weil ich‘s damals eigentlich selbst noch nicht gerafft hab. Aber als der Typ vorhin sein Kind so behandelt hat, da hat mich das getriggert und …“, er schluckte „ich will nicht allein sterben–“
Am liebsten hätte Leo erneut gelacht, wäre die Stimmung gerade nicht so angespannt, hätte er Adam vermutlich mit seiner fehlenden Eloquenz aufgezogen, so aber …
„Du hast doch immer noch mich. Ich kann mich da nur wiederholen, ich lass dich nicht allein.“
Plötzlich konnte Leo spüren, wie Adams Energie umschlug, es war fast so, als hätte jemand einen Schalter umgekippt.
„Das ist es ja, du Idiot!“
„Wa-“
„Ich will mehr. Mehr als du mir geben kannst.“
Leo war überrumpelt: „Wie mehr, was meinst du?“ Das Stakkato seines Herzens nahm wieder Fahrt auf, meinte Adam etwa …? Vielleicht war sein Verstand gerade auch willentlich begriffsstutzig, wollte er sich doch nicht zu früh Hoffnungen machen.
„Man, Leo. Ich liebe dich. Also so richtig, eigentlich auch schon ‘ne ganze Weile und es ist okay, dass es dir nicht so geht, es wär nur schön, wenn wir weiter Freunde bleiben? Ich will dich auch nicht nochmal verlieren, aber wenn du nicht willst, auch okay, also nicht okay, aber ich wird lernen damit umzugehen, hat ja bisher auch geklappt“, er lachte kurz auf, „naja, zumindest so halbwegs.“
Oh.
Leos Mund war während des Wortschwalls seines Freundes aufgeklappt. Sie waren beide solche Deppen. Mehr als ein „Oh“, brachte er dennoch nicht über die Lippen. Leider – und berechtigterweise – beruhigte das Adam nicht gerade und panisch setzte dieser mit seiner Tirade fort.
„Es tut mir leid, ich kanns nicht ändern und wenn du Abstand möchtest, kann ich das verstehen, solange du zu mir zurück kommst … bitte.“ Inzwischen schwammen Tränen in Adams wunderschönen Augen, seine Wut war so schnell verraucht, wie sie gekommen war.
Für einen kurzen Moment wusste Leo echt nicht, was er mit sich anfangen sollte; Adam liebte ihn? So richtig? Sein Gehirn schien sich gerade nur auf die lebensnotwendigen Funktionen zu fokussieren. Denn er musste regelrecht gegen sich selbst ankämpfen um einen Fuß vor den anderen zu setzen, während er Adams Gesicht betrachtete über das nun doch vereinzelte Tränen glitten. Verdammt. Seinen besten Freund weinen zu sehen, war der letzte Anstoß, den er brauchte; in wenigen Sekunden schlang er seine Arme um ihn und hielt ihn, als wäre er gerade das Einzige, was ihn auf diesem Planeten erdete. Vorsichtig schob er seine rechte Hand über dessen breiten Rücken, hinauf in seinen Nacken wo er die Hand liegen ließ und vorsichtig über die feinen Härchen strich.
„Ach, Adam.“, flüsterte Leo.
„Sorry … ich-“
„Nicht hierfür, nie für deine Gefühle, bitte.“
Er spürte ein zaghaftes Nicken an seiner Schulter, also atmete er ein paar Mal tief durch. Der Geruch seines Freundes, füllte seine Sinne und Leo war sich sicher, dass er sich noch nie so ruhig gefühlt hatte. Besonders, da sein Herz immer noch in seinem Brustkorb raste und er wusste, sie würden über einiges reden müssen. Und diese verfluchte Therapie machen. Gemeinsam. Aber er war endlich da angekommen, wonach er den Großteil seines Lebens gesucht hatte.
„Adam?“, flüsterte er.
Als Antwort bekam er einen undefinierbaren fragenden Laut, Adams Gesicht war immer noch an seinen Hals gedrückt.
„Schau mich mal kurz an, bitte.“, sagte er, bevor ihn der Mut wieder verließ, sein Freund hatte Ehrlichkeit verdient und wenn dieser schon so mutig gewesen war, dann konnte Leo das auch für ihn.
Langsam, fast scheu, bewegte der Blonde sich ein wenig von ihm weg, damit sie sich ins Gesicht sehen konnten.
„Ja?“, die Nervosität war selbst in der einzelnen Silbe zu hören.
„Ich liebe dich auch. So sehr. Und eigentlich auch schon eine Ewigkeit. Als du zurückgekommen bist, hab ich gedacht, ich sei darüber hinweg – immerhin hatte ich genug Zeit, aber nach allem, was wir erlebt haben, ist mir klar geworden, dass sich an meinen Gefühlen für dich nichts geändert hat. Außer vielleicht, dass ich gemerkt hab, dass das nicht nur so n‘ Crush ist.“
Leo atmete ein und versuchte sich an einem vorsichtigen Lächeln. Adams Pupillen waren groß, seine Mimik offen und überrascht, in Leos Magengegend flatterte es.
„Ernsthaft?“
„Ja, ernsthaft.“
Endlich erlaubte Leo sich ein Lachen, dieses Mal befreit von allen Sorgen und Schwere der letzten Wochen und Monate, auch Adam stimmte mit ein und zog Leo wieder näher zu sich. Plötzlich waren ihre Gesichter nur noch wenige Millimeter voneinander entfernt.
„Darf ich?“, wisperte Adam und alles, was Leo tun konnte, war Nicken, bevor sich ihre Lippen berührten. Der Kuss war viel zu kurz und zaghaft für Leos Geschmack, alsbald sie sich wieder voneinander lösten.
Sie mussten definitiv über einiges sprechen, gerade nahm Leos Herz jedoch die Zügel in die Hand und er drückte seine Lippen erneut auf Adams. So standen sie da, küssten sich, und um sie herum das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Blätter. Irgendwann mussten sie sich dann aber doch darauf besinnen, dass sie immer noch am Arbeiten waren.
Leise, in einem vergeblichen Versuch, die Stimmung nicht zu zerstören, begann Leo also: „Wir sollten-“
Sein Partner – vermutlich jetzt nicht mehr nur auf professioneller Ebene – grinste: „Ja, sollten wir. Glaubst du, wir könnten unsere Überstunden abfeiern?“
„Also eigentlich muss ich noch-“
„Ach, komm schon Hölzer.“, jammerte Adam.
Er brachte es nicht übers Herz, weiter zu widersprechen, wollte er selbst doch nur den restlichen Tag knutschend und fummelnd mit Adam verbringen.
„Wenn du dir was Plausibles einfallen lässt …“
Adam wackelte mit den Augenbrauen und sein Grinsen wurde breiter: „Darauf kannst du deinen Arsch verwetten. Let’s go.“
Leo konnte nur den Kopf schütteln, war aber zu glücklich um seinen Freund zu rügen. Deshalb ging er los und brauchte nur kurz zu warten, bis Adam neben ihm in Gleichschritt fiel. Sie hatten zwar keine wirklichen Fortschritte in ihrem Fall gemacht und sie mussten sich vermutlich doch mit ihrer Datenbank auseinandersetzen, aber damit konnten sie sich auch morgen noch beschäftigen.
Jedenfalls wusste er, dass er weiterhin auf Adams Intuition vertrauen würde, auch wenn er das natürlich nie laut zugeben wird, vor allem nicht vor Adam.
