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Die Körper von Gandalf und Galadriel lagen zwischen den Trümmern und Elrond wusste nicht, ob sie wie durch ein Wunder noch lebten oder ob Sauron auch diese Leben ausgelöscht hatte.
Als bekannt wurde, das Frodo und Sam gefangen genommen wurden und Sauron den Ring bekommen hatte, hatten Elrond, Galadriel und Celeborn gemeinsam beschlossen, dass sie nichts mehr zu verlieren hatten. Von Thranduil und seinem Volk hatten sie keine Antwort auf ihr Schreiben bekommen, aber Späher berichteten von einer großen Streitmacht von Orks, die Richtung Mirkwood zog.
Sie konnten den Waldelben nicht helfen.
Solang der Ring nicht zerstört wäre, wären alle Bemühungen sinnlos. Sauron würde kommen und ihre Existenzen zerstören, egal was sie taten. Also schickten sie den Großteil ihres Volkes nach Mithlond um in den Westen zu segeln und machten sich mit all ihren Kriegern nach Süden auf. Dort vereinten sie sich mit den Kräften von Gondor und Rohan in einem verzweifelten letzten Versuch, Sauron ein weiteres mal zu vernichten und den Ring zu zerstören.
Die Chancen waren gering gewesen, beinahe nicht vorhanden, aber was hätten sie sonst tun können? In Imladris und Lothlorien auf ihren Untergang warten? Darauf warten, das Sauron ihnen die Tür einschlug und ihr Volk in ihren eigenen Hallen vernichtete?
Sie hatten lange genug gewartet. Die Gemeinschaft des Ringes war gescheitert, die Gefährten zerstreut, tot oder vermisst. Es gab keine Hoffnung mehr für Mittelerde, nur noch dieser verzweifelte Versuch, diese eine Chance von eins gegen Millionen.
Und sie hatten versagt. Elrond, Gandalf und Galadriel hatten gemeinsam ihre Truppen verlassen, als klar wurde, das Sauron nicht persönlich erscheinen würde. Die Ringträger waren hinter die feindlichen Linien geschlüpft und waren nur wenige Meilen hinter dem schwarzen Tor auf Sauron gestoßen. Er hatte auf sie gewartet. Der Kampf war schnell und verzweifelt und am Ende lagen Galadriel und Gandalf am Boden, Nenya und Vanya in Saurons Hand. Elrond stand als einziger noch, aber auch er war erschöpft, müde. Müde vom kämpfen, müde von dem Schmerz, der ihm sein Leben lang zu folgen schien, müde vom Leben.
„Gib mir Vilya.“ Saurons Stimme schien durch ganz Mordor zu hallen, als er über dem Halbelben stand.
Ein Teil von Elrond wollte nachgeben. Wollte, dass all das endlich ein Ende findet, wollte Frieden und Ruhe. Er wollte seine Väter wiedersehen, Maedhros und Maglor, Atto und Atya, die trotz allem, was man über sie sagte für Elrond und Elros immer nur liebevolle Väter gewesen waren, liebevoller als Elwing es je war. Atto, Maedhros, war es gewesen, der Elrond seine Fähigkeiten im Kampf beibrachte, die Fähigkeiten, die ihn sogar gegen Sauron selbst bestehen ließen, wo andere längst gefallen waren. Atya, Maglor, brachte ihm bei die Kräfte zu nutzen, die in ihm schlummerten sie zu lenken und die Welt zu beeinflussen.
Aber all das half ihm nicht bei der schieren Macht, die Sauron ausstrahlte als er die Hand fordernd ausstreckte. Dort lagen bereits Vanya und Nenya, spöttisch funkelnd, trotz des fehlenden Sonnenlichts, als würden sie sich der finsteren und doch verlockenden Macht uneinig sein.
Vilya fühlte sich schwer an an seinem Finger und Elrond umklammerte Hadhafang stärker. Kraftlos schüttelte er den Kopf. Er würde sich niemals freiwillig ergeben, selbst wenn er kaum noch Kraft fand, sich auf den Beinen zu halten.
Auf einmal jedoch spürte Elrond, wie die Luft um ihn herum wärmer wurde, so als würde er an einem hellen und warmen Lagerfeuer stehen.
Wärme durchflutete ihn und ihm war, als würde jemand seine Hände auf seine Schultern und Arme legen, und ihm Kraft geben. Erstaunt sah er auf.
Sauron war einen Schritt zurückgewichen und ein sanftes Licht schien Elrond zu umgeben. Er dreht den Kopf und erstarrte.
Hinter ihm stand Maedhros Feanorion, die linke Hand auf Elronds Schulter ruhend. In seinem Schatten stand ein schwarzhaariger Elb und rothaarige Zwillinge.
Sie alle lächelten ihn an. Caranthir. Amrod. Amras.
Eine Hand legte sich auf seine andere Schulter und Elrond peitschte seinen Kopf herum, nur um Maglor Feanorion ins Gesicht zu sehen. Hinter seinem Vater standen Celegorm, Curufin und Celebrimbor. Sein Cousin, seine Onkel und sein Vater lächelten ebenfalls. Dann beugte Maglor sich vor und flüsterte leise in sein Ohr: „Wir sind unglaublich stolz auf dich, Yonya.“ Mit diesen Worten schien neue Kraft in Elronds Glieder zu fließen.
Er hörte Maedhros Stimme: „Du kannst das tun, Elyo.“
Elrond blickte zu Sauron. Wenn er seinen Helm nicht tragen würde, da war Elrond sich sicher, würde er Angst auf seinem Gesicht sehen. Immer mehr Kraft floss zurück in seinen Körper bis all seine Reserven beinahe wieder aufgefüllt waren, dann verschwand der beruhigende Druck auf seinen Schultern und ohne hinsehen zu müssen, wusste Elrond, dass seine Väter, seine Onkel und sein Cousin verschwunden waren.
Sauron schien sich wieder zu fangen und schlug mit seinem Streitkolben nach Elrond, doch dieser parierte den Schlag, ließ ihn an seiner Verteidigung abgleiten und sprang auf den dunklen Lord zu.
Hadhafang sang durch die Luft als Elrond sein Schwert mit unglaublicher Geschwindigkeit herum schwang und Sauron mit jedem Schlag mehr und mehr in die Defensive zwang. Doch der Maia erholte sich schnell von der Überraschung, dass Elronds Kraft wiederhergestellt war und begann ebenfalls in die Offensive zu gehen und zwang Elrond durch mächtige Schläge Schritt für Schritt zurück. Der Lord von Imladris wusste, dass er diesen Kampf nicht mit einem Schwert gewinnen konnte.
Er wirbelte um den dunklen Lord herum. Andere hatten seinen Kampfstil in der Vergangenheit wie einen Wirbelsturm beschrieben und es passte überraschend gut.
Er spürte einen scharfen Schmerz an seiner Seite, als Saurons Streitkolben seine Rüstung durchdrang und seine Seite aufriss. Die Wucht des Schmerzes brachte ihn aus dem Rhythmus und Sauron schleuderte ihn zu Boden. Sein Schwert wurde ihm aus der Hand gerissen und landete mehrere Meter von ihm entfernt.
Elrond würde es nicht mehr rechtzeitig erreichen können.
Er schaffte es gerade, sich aufzurichten, als er spürte wie eine große gepanzerte Hand sich um seinen Hals schloss und ihm die Luft abschnitt.
Sauron hob ihn hoch bis sie auf Augenhöhe waren. „Seit viertausend Jahren bist du ein Dorn in meiner Seite, Elb. Aber nicht einmal du kannst mich besiegen.“
Saurons Stimme schien durch Elrond hindurch zu vibrieren, er hörte sie nicht nur mit den Ohren sondern auch im Geiste, wo Sauron all seine Barrieren durchbrach als wären sie aus Papier.
Die Hand um seine Kehle zog sich enger zusammen und Sauron lachte, als Elrond sich scheinbar in Panik an seine Finger klammerte, doch Elronds Absicht war eine andere.
Vor Jahrhunderten hatte Mithrandir sich an den absoluten Rand seiner körperlichen Kraft gebracht und sich dennoch geweigert sich auszuruhen. Elrond hatte es geschafft mithilfe von Körperkontakt seinen Freund in einen tiefen Heilschlaf zu versetzen — und sich damit beinahe selbst ausgebrannt. Gandalf und alle Heiler, die anwesend waren hatten ihn später beschimpft, das er so unvorsichtig gewesen war zu versuchen, einen Maia zu überwältigen. Die schiere Macht die es ihn gekostet hatte, hätte ihn töten können. Aber es war ihm gelungen. Und warum sollte es nicht noch einmal gelingen?
Ja, Elrond war ein Krieger, ein Lord und ein Heerführer, aber vor alle dem war er Heiler. Das war sein Handwerk, die eine Funktion in der seine Macht am stärksten war.
Also griff Elrond tief in seine Kraftreserven, jene Macht, die er von Melian der Maia geerbt hatte, jene Macht, von der er immer mehr gehab hatte als selbst seine Mutter obwohl er weniger Maia Blut hatte als sie. Er griff in diese Macht und lies sie durch seine Hände in Sauron fließen, durch seinen Geist über die instabile Brücke zu Saurons Geist. Der dunkle Lord erkannte sofort, was Elronds Absicht war.
„Nein!“ Mit aller Kraft stemmte Elrond sich gegen Saurons Abwehr, suchte nach jedem kleinsten Riss.
Er goss all seine Kraft in diesen einen, letzten Versuch. Er spürte, wie seine Finger kalt wurden als immer mehr Kraft durch sie floss. Seine Sicht wurde stellenweise dunkel, sowohl wegen der enormen Menge an Macht als auch, weil Sauron seine Finger um Elronds Hals immer enger schloss. Der Halbelb spürte wie sein Innerstes kalt wurde, wie sich seine Reserven dem Ende näherten. Verzweifelt griff er tiefer, griff nach seiner Lebensenergie.
Jedes Lebewesen besaß diese Energie. Diese Energie war es, die ihnen Leben gab – die Musik des Anuir. Man konnte diese Energie nicht erneuern. Jeder Elb der dazu in der Lage war, Energie, Macht, zu speichern und zu nutzen, lernte als allererstes, diese Energie zu spüren, die in jedem Lebewesen vorhanden war, vom Elb bis hin zum kleinsten Mikroorganismus im Boden. Diese Energie ist heilig, sie ist die Fae eines jeden Geschöpfes von Eru Ilúvatar.
Die zweite Lektion war es, niemals, unter keinen Umständen, diese Energie zu nutzen. Man kann sie nicht erneuern, ist sie einmal verloren, bleibt sie verloren. Ohne diese Energie kann man nicht leben, sie ist deine Lebensenergie. Jetzt verstieß Elrond zum ersten mal seit sechstausendfünfhundert Jahren gegen diese Regel, die Maglor ihm in unglaublich jungem Alter eingebläut hatte. Aber hier stand mehr als nur Elronds Leben auf dem Spiel. Es ging um das Schicksal von Mittelerde und Elrond würde alles geben um Sauron zu besiegen. Die Kälte breitete sich aus als Elrond immer tiefer grub und mehr von seiner Lebensenergie gegen Sauron einsetzte. Und es funktionierte.
Er konnte spüren, wie der Griff um seinen Hals sich langsam lockerte. Elrond drückte gegen die Barrieren um Saurons Geist und drückte durch jeden kleinen Riss, den er fand, nur einen einzigen Befehl: Schlaf.
Er schlug auf dem harten Boden auf, als Sauron ihn endgültig fallen ließ. Der Körper des dunklen Lords krachte neben ihm auf den Boden und lag still. Elrond konnte es nicht fassen. Er hatte es tatsächlich geschafft: Er hatte Sauron zum Schlafen gebracht, hatte einen Maia überwältigt.
Für einen Moment lag Elrond nur keuchend da und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
Seine Seite brannte wo Sauron ihn getroffen hatte und seine Sicht flackerte ein und aus. Nach einigen weiteren Atemzügen kämpfte er sich auf die Beine und schleppte sich zu seinem Schwert das in der Nähe lag. Dann stand er über Saurons schlafender Gestalt.
Der Ring glänzte an Saurons Finger. Kein noch so winziges Stück Dreck hatte seinen Weg auf die glänzende Oberfläche gefunden. Elrond hob sein Schwert und trennte Saurons Hand mit einem einzigen Schlag ab.
Und genau wie beinahe viertausend Jahre zuvor zerfiel der Körper des dunklen Lords zu Staub. Nur der Ring und die Rüstung blieben übrig. Elrond kniete sich vorsichtig hin und hob den Ring auf. So ein kleines Ding und doch zu so viel Bösem fähig.
Ein Glitzern viel Elrond ins Auge und er strich vorsichtig den Staub beiseite, der vor einigen Minuten Saurons Hand gewesen ist.
Dort lagen sie: Nenya und Vanya, unversehrt. Nach kurzem Zögern nahm Elrond auch sie an sich. Er konnte bereits spüren, wie der Ring an den Rändern seines verletzten Geistes streifte, doch er wies ihn ab.
Elrond hatte genug von Ringen, von dunklen Lords, genug von Macht.
Ein Teil von ihm wollte sich der Kälte ergeben, die sich in seinem Inneren ausbreitete, wollte sich hinlegen und einfach nie wieder aufstehen. Wollte es anderen überlassen den Ring zu vernichten. Doch da er wusste wie gut es das letzte mal gelaufen war, als er auf jemand anderen vertraute, das Richtige zu tun, erhob er sich erneut auf die Füße.
Den einen Ring und die beiden anderen Elbenringe fest in seiner Hand taumelte er auf Mithrandir und Galadriel zu. Sie waren beide verletzt, doch wie durch ein Wunder noch am Leben. Aber er hatte keine Zeit sie aufzupäppeln.
Wenn er seinen Blick in Richtung des schwarzen Tores richtete konnte er die Armeen von Orks sehen, die auf ihn zueilten. Sie hatten den Tod ihres Meisters gespürt und flohen nun vor den Armeen der freien Völker, die sie zurück nach Mordor trieben. Sollten die Orks und das andere Gesindel ihn hier finden, würden sie ihn töten und die Ringe an sich nehmen.
Elrond hatte nicht mehr die Kraft zu kämpfen, er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und der Weg zum Schicksalsberg war weit.
Mit einer letzten Kraftanstrengung zog er Galadriel und Mithrandir in den Schatten einiger Felsen. Sie sollten bald aufwachen aber so lang konnte er nicht warten. Sein Vorsprung schmolz mit jeder Minute zusammen.
Er blickte über die weiten Ebenen von Dargoland und Undûn mit den vielen Felsspalten und Felsbrocken. In der Ferne rauchte der Schicksalsberg hinter der Bergkette, die das Tal von Undûn eingrenzte und erhob sich dunkel gegen den rauchverhangenen Himmel. Elrond schätzte die Strecke auf etwa 70 Meilen. Schon allein bei dem Gedanken, diese Strecke überqueren zu müssen, schmerzte sein ganzer Körper. Seine Gedanken verschwammen, als ein neuer stechender Schmerz durch seine Seite zuckte und er taumelte. Ein kurzer Blick zurück zum Schwarzen Tor sagte ihm, dass er vielleicht sechs Meilen Vorsprung hatte.
Ohne einen weiteren Blick auf Saurons Überreste drehte er sich um und rannte.
Er wusste nicht, woher er die Kraft dazu noch hatte. Als Heiler hatte er oft gesehen, das purer Trotz und Sturheit Leben retten kann und ihm wurde oft gesagt, er sei zu stur für sein eigenes Wohl. Es musste diese Sturheit sein, die ihn am Laufen hielt, die ihm die Kraft gab einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Jeder Schritt dröhnte in seinen Ohren als er sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit seinen Weg durch die zerklüftete Landschaft bahnte. Das Blut pochte in seinen Ohren und Elrond war noch nie so froh über seine elbische Ausdauer und Geschwindigkeit gewesen. Ein Mensch oder Zwerg hätte niemals eine Chance gehabt es bis zum Berg zu schaffen, bevor die Orks ihn eingeholt hatten.
Elrond jedoch hatte eine Chance und so lief er weiter.
Bald verstummten all seine Gedanken. Seine Augen waren fest auf den großen Vulkan mitten in der Ebene gerichtet. Seine Füße trugen ihn von selbst über das unebene Gelände, über die Spalten und Risse im Boden, die Felsbrocken die überall verstreut lagen. Er hatte sein Schwert zurückgelassen — es würde ihm nichts mehr nützen. Seine Hand war so stark um die Ringe zusammengeballt das seine Fingernägel sich in sein Fleisch gruben und Blut seine Handgelenke hinunter tropfte, aber er bemerkte es nicht.
Nichts war mehr wichtig außer den Berg zu erreichen. Kein Schmerz, keine Erschöpfung, keine Kälte würde ihm im Weg stehen diesen Krieg ein für alle Mal zu beenden.
Die Kälte hatte sich gemeinsam mit einer unnatürlichen Erschöpfung in seinem ganzen Körper ausgebreitet, aber Elrond kümmerte es nicht.
Er schaute nicht zurück, kümmerte sich nicht um das Blut das aus seiner Seite floss und auf dem Boden eine deutliche Spur zurückließ. Die Orks würden ihn so oder so finden, auf der Ebene war er weit hin sichtbar und er hatte Glück, dass die Nazgûl vom Tod ihres Meisters so geschwächt waren das sie ihn auf ihren fliegenden Reittieren nicht einholen konnten.
Während Elrond rannte wurde sein Geist leer, denn Saurons Eindringen hatte all seine Barrieren zerfetzt und nun kamen Erinnerungen an die Oberfläche die er seit Jahrhunderten, Jahrtausenden verdrängt hatte.
* * *
Gil-Galad, der trotzig seinen Speer auf Sauron richtete, nur um gnadenlos verbrannt zu werden.
Elwing in ihrem weißen Gewand, die auf dem Fenstersims stand, den Silmaril an ihre Brust gepresst. Die Angst deutlich in ihr Gesicht geschrieben, als sie Maglor anstarrte, der in blutiger Rüstung vor ihr stand. Er hatte die Hand ausgestreckt, das Gesicht flehend. Sie warf keinen einzigen Blick auf die Zwillinge, die sich in einer Ecke des Zimmers zusammengedrängt hatten, sich aneinander klammerten und versuchten kein Geräusch zu machen, als sie den Schritt machte und verschwand, ihre Kinder mit einem Elben zurückließ, von dem sie dachte, er sei ein gnadenloser Mörder.
Elros, alt und gebrechlich, der in einem viel zu großem Bett lag. Seine Brust stand still und seine Augen waren geschlossen. Er sah aus als würde er schlafen aber Elrond wusste, dass er es nicht tat. Dort wo früher die Bindung zu seinem Zwilling gewesen war befand sich nun ein gähnender Abgrund in seinem Geist. Zum ersten mal in seinem Leben war Elrond vollkommen allein.
Eine große Hand schloss sich viel zu fest um seine kleine als Elrond zusah wie das Schiff seines Vaters sich von Sirion entfernte wo Elwing und ihre Söhne auf dem Steg standen. Elrond konnte es damals nicht erklären, aber er wusste, dass er seinen Vater nie wiedersehen würden. (War Earendil sein Vater? Immer wenn Elrond träumte sah er zwei andere Elben die er Vater nannte. Zwei Väter, die nicht so kalt und abwesend waren, die sich kümmerten, die trösteten. Den Zwillingen sagten, dass sie sie lieben. Elwing hatte ihnen nie gesagt, dass sie sie liebt.)
Elrond saß zusammengesunken an Celebríans Bett. Ihre schmale Hand in seiner, seine Augen fest auf ihr Gesicht gerichtet. Er hatte alles versucht, ihren Körper geheilt, aber trotzdem schwand ihre Seele langsam aber sicher. Er konnte sie nicht retten. Er hatte versagt. Er wusste nicht, ob er sich den Vorwurf in Galadriels Augen nur vorgestellt hatte, als sie vor wenigen Stunden das Zimmer verlassen hatte. Er könnte es ihr nicht verübeln. Er hatte geschworen, ihre Tochter zu beschützen und zu ehren und er war gescheitert. Er konnte spüren, wie ihre Fëa langsam wegrutschte und er konnte nichts tun. Er schloss die Augen und weinte zum ersten mal seit Wochen.
Die Luft schmeckte nach Asche und Eregion brannte.
Elrond konnte schon von weitem sehen, wie die Flammen die Trümmer der einst großartigen Stadt seines Cousins verschlangen.
Celebrimbors Körper hatten sie aufgespießt und über dem Tor aufgehängt. Aufgrund der Verletzung wusste Elrond, das sein Cousin lange gelitten hatte. Er war zu spät gekommen.
Der große Elb, der ihrer Mutter so viel Angst gemacht hatte kniete sich vorsichtig vor sie. Die Tür flog auf und dort stand ein wahrer Riese.
Sein Haar war so rot wie das Blut auf seinem Schwert und seiner Rüstung. Er begann mit dem Elben vor ihnen in einer Sprache zu sprechen, die sie nicht verstanden. Elrond kannte diese Elben. Er hatte sie oft gesehen wenn er träumte und wusste, dass sie ihnen niemals wehtun würden.
Sie waren Atto und Atya, sie würden sie beschützen, ihnen Gutenachtgeschichten erzählen (sie waren noch nie von ihrer Mutter ins Bett gebracht worden, sie hatte immer etwas Besseres zu tun, wie zum Beispiel ihre Halskette zu betrachten), sie trösten.
Aber Elros wusste all das nicht und die Panik, die sein Zwilling verspürte, floss über ihre Bindung und Elrond fing ebenfalls an zu weinen, obwohl er wusste, das jetzt alles gut werden würde.
„Meine Lords, Ihr solltet das sehen.“ Ein großer Elb (nicht so groß wie Atto, niemand war so groß wie Atto) mit schwarzen Haaren stand in der Tür.
Er trug eine schwarze Rüstung mit einem achtzackigen Stern auf der Brust und zwei Schwerter waren auf seinen Rücken geschnallt. Sein Name war Erestor und nur wenn man ihm in die Augen sah, konnte man erkennen, dass er älter war als er aussah.
Atya (aber er war noch nicht Atya, noch nicht) hatten ihnen erzählt das Erestor älter war als Feanor, Attos und Atyas Vater. Atto sagte ihnen, das Erestor ein furchterregender Krieger sei, dass er, als Feanor starb, der sein Freund gewesen war, die Balrogs jagte, die ihm seinen Freund genommen hatten und sie erschlug.
Elrond wusste, das Erestor nett war. Er zeigte es nur nicht so gerne.
Atto und Atya standen vom Tisch auf und Elrond und Elros, denen niemand gesagt hatte, dass sie nicht mitgehen sollten, folgten ihnen.
Draußen auf dem Hof der Festung hatten sich viele Elben versammelt und blickten in den Himmel. Dort über ihnen war ein neuer Stern aufgegangen — Gil-Estel. Mit einem Stich des Verrats erkannte Elrond, dass er damals recht gehabt hatte — er würde seinen Vater Earendil nie wieder sehen.
* * *
Bei dem Gedanken an Erestor musste Elrond lächeln.
Sein Oberster Berater war genau das was seine Väter ihm berichtet hatten: Du brauchst jemanden, der deine Armeen führt? Frag Erestor. Du brauchst einen Attentäter und Spion? Frag Erestor. Du brauchst jemanden, der ein Reich mit erschreckender Effizienz führt? Frag Erestor. Du brauchst jemanden, der dir ein bestimmtes Buch aus einer Bibliothek bringt? Frag Erestor.
Sein Freund war in der Tat erschreckend effizient wenn es darum ging Imladris zu führen und Elrond wusste nicht, was er getan hätte, wenn er Erestor nicht gehabt hätte.
Der alte Krieger hatte sich im Laufe der Jahre von einem Mentor zu einem Freund zu einem Familienmitglied gewandelt und war der Lieblingsonkel von Arwen.
Der größte Teil von Imladris hatte Angst vor ihm — allerdings nicht wegen seiner Vergangenheit als Feanorianer sondern wegen seiner eisigen Blicke und seiner scharfen Zunge. Die Tatsache, dass Erestor nach Maedhros und Maglor der wohl gefährlichste der Feanorianer war, war nur wenigen bekannt. Der einzige außerhalb von Elrond und seiner direkten Familie, der es wusste war Glorfindel und dem machte es offensichtlich nichts aus, wenn man bedachte, dass der goldhaarige Krieger seit Jahrhunderten, wenn nicht sogar Jahrtausenden, hoffnungslos in seinen Kollegen verliebt war.
Elrond fragte sich, ob Glorfindel die Schlacht am Schwarzen Tor überlebt hatte — er hatte Erestor in Imladris bei Arwen und allen, die sich geweigert hatten zu gehen, zurückgelassen, gemeinsam mit dem Teil der Wachen, die früher unter Erestor gedient hatten.
Erestor war die letzte Verteidigungslinie von Imladris. Er hatte sich noch nie so mit seinem Freund gestritten wie an dem Tag an dem er ihm sagte, dass er zurückbleiben würde.
Als sie aufbrachen hatte Elrond beobachtet, wie Erestor sich von Glorfindel verabschiedete und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob die Liebe des Kapitäns vielleicht nicht unerwidert war.
Er hoffte für sie beide, dass sie es schaffen würden, dass sie eine Zukunft haben könnten, irgendwo, wo es mehr gab als nur Leid und Tot und Schmerz.
So in Gedanken versunken hatte er nicht bemerkt, wie nah er dem Schicksalsberg bereits war. Seine Füße hatten ihn sicher durch das unebene Gelände getragen. Nicht weit hinter ihm, mit nur etwas über einer Meile Abstand, konnte er die Orks sehen.
Ihre schweren Füße brachten den Boden zum Beben. Sie hatten also seine Spur aufgenommen und die klügeren unter ihnen mussten, als sie Saurons Überreste gefunden haben, herausgefunden haben, was er vorhatte.
Der Berg ragte steil vor ihm auf.
Weit oben konnte Elrond die Pforte sehen, die ins Innere des Vulkans führte. Er spürte den Schmerz nicht mehr, der eigentlich von der Wunde an seiner Seite ausstrahlen sollte. Die Kälte und Taubheit hatte seinen gesamten Körper erfasst und er konnte die bleierne Müdigkeit spüren die sich von seiner verletzten Fëa verbreitete. Als Heiler wusste er, dass das ein unglaublich schlechtes Zeichen war. Aber er konnte nicht anhalten. Sein Kopf drehte sich und schmerzte. Seine Hand hatte sich um seine wertvolle, verfluchte Last verkrampft. Aber er musste weiter. Er versuchte nicht einmal mehr, seine letzte Kraft zusammenzunehmen, denn er hatte keine mehr, also zwang er seinen Körper mit purer Willenskraft weiter.
Der Aufstieg war schwer und schmerzhaft. Es gab keinen direkten Pfad bis zur Pforte und Elrond war teilweise gezwungen über die Felsen zu klettern, die sich schmerzhaft in seine Hand schnitten, die er zum Klettern nutzen konnte.
Unter sich, am Fuß des Berges, konnte er die Armee sehen, die ihn über die Ebene gejagt hatte. Ein Teil von ihnen machte sich ebenfalls an den Aufstieg.
Elrond schleppte sich weiter den Berg hinauf. Jeder Schritt schien mittlerweile eine unmögliche Leistung zu sein. Seine Glieder waren taub und seine Sicht schwankte. Doch er durfte nicht aufgeben.
Vor über dreitausend Jahren hatte er die gleiche Reise mit Isildur an seiner Seite gemacht, hatte versucht, ihn davon zu überzeugen, den Ring zu vernichten. Doch der Mann war dem Ring bereits verfallen gewesen, auch wenn er es noch nicht wusste.
Erst Jahre später hatten sie erkannt, was der Ring tun konnte, wie sehr er seinen Träger beeinflussen konnte, und Isildur war auf dem Weg nach Imladris getötet worden.
Nun, dreitausend Jahre später unternahm Elrond diese Reise allein. Seine wahrscheinlich letzte Reise.
Er machte sich keine Illusionen, dass er es durch ein Wunder lebend vom Berg schaffen würde. Er, Gandalf und Galadriel hatten darüber nachgedacht, was geschehen würde, wenn der Ring zerstört wäre.
Die immense Kraft, die in dem Ring enthalten war, würde den Berg wahrscheinlich zum Einsturz bringen.
Elrond wusste nicht, wie Gandalf plante, dass die Gemeinschaft lebend vom Berg runterkommen würde, sollten sie es jemals hierher schaffen.
Ein Teil von Elrond, der Teil der so unendlich müde war, müde von all dem Schmerz, der Trauer und dem Tod, war erleichtert, dass es enden würde. Dieser Teil wollte sich einfach hinlegen und darauf warten, dass die Orks ihn finden. Es wäre nicht für immer, natürlich nicht. Er würde irgendwann die Hallen von Mandos verlassen. Aber vielleicht hätte er dann Zeit, die Wunden in seiner Fae zu heilen, seinen Geist auszuruhen, sich einfach hinzulegen und zu schlafen, am liebsten für mehrere Jahrhunderte.
Ein anderer Teil von ihm erinnerte sich jedoch, dass seine Aufgabe noch nicht erfüllt war.
Er musste weitermachen, für Mittelerde, für Imladris, für seine Kinder, seine vier wunderschönen, liebevollen Kinder. Er wünschte sich so sehr, dass sie ihr Glück finden.
Ob sie sich für das Schicksal der Menschen oder das der Elben entscheiden würden, kümmerte ihn nicht. Er würde um sie trauern, sollten sie sich für die Menschen entscheiden und ein Teil von ihm würde mit ihnen sterben (so wie ein Teil von ihm mit Elros gestorben war und ein Teil von ihm mit Celebrian gesegelt war und er wusste nicht, ob noch etwas von ihm übrig sein sollte wenn ihn die Zwillinge ebenfalls verlassen würden, so wie Arwen und Estel es tun würden), aber er würde sie immer unterstützen und lieben, denn sie waren seine Kinder.
Er hatte vor langer Zeit erkannt, dass er niemals verstehen würde, wie Elwing ihn und Elros verlassen konnte. Sie hatte sie mit einem Elben zurückgelassen, von dem sie dachte, dass er sie töten würde, von dem sie dachte, dass er nicht einmal vor Kindern halt machen würde. Ihre Mutter hatte sie verlassen, um zu sterben und Elrond würde niemals verstehen, wie sie das tun konnte.
Elwing war nicht seine Mutter, Earendil war nicht sein Vater.
Er war der Sohn von Maedhros und Maglor, Enkel von Feanor.
Und er würde sich nicht von einem verdammten Berg und ein bisschen Erschöpfung aufhalten lassen.
Die Pforte des Oroduin, dem Schicksalsberg, lag vor ihm, wie das offene Maul eines Tieres.
Noch bevor Elrond den Tunnel betreten hatte, schlug ihm sengende Hitze entgegen und er stolperte und musste sich mit einer Hand an einem der Felsen abstützen um aufrecht zu bleiben. Hinter sich konnte er die Orks hören, die ihm folgten und er wusste, dass er eigentlich keine Zeit vergeuden sollte, aber er blieb trotzdem stehen um Atem zu schöpfen.
Er war in seinem gesamten Leben noch nie so erschöpft gewesen. Er konnte seine Beine nicht mehr spüren, sein gesamter Körper war von Taubheit und Kälte durchzogen und Elrond konnte nicht sagen, ob dies vom Blutverlust kam oder weil er seinen Körper, seinen Geist und seine Fëa zu weit gedrängt hatte.
Die Welt drehte sich vor seinen Augen und Elrond lehnte sich gegen den Stein und wartete, bis sich seine Umgebung wieder an ihren gewohnten Platz erinnert hatte. Dann atmete er ein letztes Mal tief durch, ignorierte die Schmerzen die dadurch durch seinen Körper gejagt wurden (allein die Tatsache, dass er sie bei der Taubheit, die ihn ergriffen hatte fühlen konnte verhieß nichts Gutes) und trat durch die Pforte.
Im Inneren war es unglaublich heiß und die Luft schmeckte nach Asche.
Elrond ging stolpernd auf das Stück Felsen, das über das Innere des Vulkans ragte. Unter ihm brodelte und zischte die Lava, unerträgliche Hitze stieg auf. Der gesamte Berg schien vor Erwartung zu beben.
Elrond stand einen langen Moment einfach dort und blickte in die Tiefe. Er stellte sich vor, wie er einfach einen weiteren Schritt tat. Das Gefühl des Falls. Der kurze, intensive Schmerz und dann nichts.
Er merkte, wie er am Rand schwankte und riss sich zusammen.
Er hob seine rechte Hand, die, in der er die Ringe trug. Er hatte es nicht gewagt, sie in seine Tasche zu stecken, wusste er doch, dass der eine Ring genauso gerissen war wie sein Meister und versuchen würde, seinem Schicksal zu entkommen. Er öffnete die verkrampfte Hand und dort, mitten auf seiner Handfläche, umgeben von Blut und Staub von der Ebene und doch völlig unberührt, lagen der eine Ring, Nenya und Vanya. Der eine Ring schien zu leuchten, als wüsste er, dass er an den Ort seiner Geburt zurückgekehrt war.
Elrond konnte spüren, wie er erneut nach den ausgefransten Rändern seines Geistes griff, versuchte, ihn zu beeinflussen, ihn dazu zu bringen, ihn aufzustecken und einfach all das Leid zu beenden. Elrond wusste, dass er es tun könnte, er könnte den Ring nutzen und all das Leid und den Schmerz auslöschen. Aber das war nicht der richtige Weg. Seine linke Hand zitterte als er vorsichtig Vilya von seinem rechten Ringfinger schob und ihn zu den anderen legte. Einen Atemzug betrachtete er diese Ringe, dachte an all das, was er mit der vereinten Macht von allen vieren tun könnte.
Dann streckte er die Hand aus und lies sie in die Lava fallen. Egal was er tun könnte, egal was der Ring ihm versprach, es wäre die Konsequenzen und das Ergebnis nicht wert.
Er stand dort oben auf dem Felsvorsprung und beobachtete seltsam emotionslos, wie die vier Ringe, die Jahrtausende lang das Schicksal von Mittelerde bestimmten, in der Lava versanken. Der Berg um ihn herum begann zu beben, Felsbrocken fielen herunter und die Lava begann zu steigen. Elrond kümmerte all dies nicht.
Die Zeit der Elben ist vorüber. Wir haben beendet, was wir begonnen haben. Das Schicksal von Mittelerde liegt nun nicht mehr in unserer Hand. Es ist vorbei.
Es ist vorbei. Der Gedanke hatte etwas seltsam Befreiendes an sich. Es war vorbei. Sauron war besiegt, die Ringe waren vernichtet. Zum ersten Mal seit über viertausend Jahren gab es keinen drohenden Schatten von Sauron, der jede Friedenszeit als kurz kennzeichnete. Es gab keinen drohenden Krieg mehr.
Die Orks und alle Wesen, die Sauron gedient hatten, wären nun führerlos und einfach zu jagen. Sie hatten es geschafft. Diese eine Chance, eins zu einer Millionen, hatte funktioniert.
Er war frei.
Er konnte sich ausruhen.
Ein Felsbrocken schlug nahe bei ihm ein und ein Teil des Vorsprungs krachte in die Tiefe. Die Hitze stieg ins Unerträgliche und Elrond wurde mit einem mal klar, dass er nicht hier sterben wollte. Er wollte nicht in einem einstürzenden Vulkan sterben. Er wollte ein letztes Mal sehen, wie die Sonne aufging.
Der Lord von Imladris, ehemaliger Träger von Vilya, löste sich aus seiner Starre und kämpfte darum, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Draußen krachten ebenfalls Felsbrocken herunter und die Erde, ganz Mordor bebte. Elrond schleppte sich auf einen Felsen, der ein wenig hervorragte und fiel dort auf die Knie. Der stechende Rauch, der sonst über Mordor lag, hatte sich aufgelöst, nur der Vulkan hinter ihm qualmte noch und spuckte Lava in den Himmel. Aber zum ersten Mal seit Jahren konnte man ganz Mordor überblicken. Elrond beobachtete mit einer überraschenden Taubheit, wie die Orks unter ihm vor der Lava flohen, die mittlerweile den Berg hinunter strömte und den Abgründen auswichen, die sich plötzlich vor ihnen auftaten.
Elrond meinte im Augenwinkel etwas gesehen zu haben, aber seine Sicht schwand und er verlor das Bewusstsein, bevor er sich umdrehen konnte.
* * *
Maglor, Sohn von Feanor, wollte schreien.
Das an sich war nichts Neues, schon zu seinen Lebzeiten hatte er oft das Bedürfnis verspürt, seinem Ärger und seiner Verzweiflung Luft zu machen, vor allem in den letzten Jahrhunderten seines Lebens, aber diesmal war es einfach so unfair.
Warum musste es immer, wirklich immer Elrond sein? Warum musste es immer sein kleiner, liebevoller Sohn sein, der so viele Fragen hatte das weder er, noch Maedhros noch Erestor sie alle beantworten konnten? Warum musste immer sein kleiner Elyo leiden? Warum?
Als Mandos in die tiefsten Tiefen seiner Hallen herabgestiegen war, um Maglor und seinen Brüdern ein Angebot zu machen, wusste Maglor, das es schlimm sein würde.
„Euer Sohn und Neffe braucht euch, um ihm beizustehen. Es wird euch erlaubt sein, an seiner Seite zu sein, bis die Gefahr vorüber ist, ihm eure Kraft zu geben, wenn er strauchelt, aber außer einem Mal wird er nicht wissen, dass ihr bei ihm seit.“
Das hatte Mandos zu ihnen gesagt und natürlich hatten sie zugestimmt. Sie hatten unglaublich viel falsch gemacht, sie hatten verraten, gemordet und geplündert und all das für Juwelen, die sie am Ende ihres Lebens mehr hassten als alles andere.
Der Eid hatte ihre Seelen verdreht, hatte sie dazu gebracht die schlimmsten Taten zu begehen, die je ein Elb begangen hat, aber Familie war Familie.
Und die Söhne Feanors hatten von ihrem Vater zumindest eine Sache gelernt — ihre Kinder gingen über alles.
Feanor war kein Elb ohne Fehler gewesen. Tatsächlich hatte er unfassbar viele. Aber niemand konnte sagen, dass er seine Kinder und auch seine Neffen und Nichten nicht liebte. Er hätte alles für sie getan.
Auch wenn er ständig mit Fingolfin und Finarfin im Streit lag, hatte er immer ein offenes und liebevolles Ohr für ihre Kinder. Sein Haus stand ihnen immer offen und er hatte seinen Söhnen nie verboten mit ihren Cousins und Cousinen in Kontakt zu stehen, egal wie sehr er manchmal seine Brüder zu hassen schien.
Ihre Kinder konnten nichts dafür. In diesen Konflikten waren sie unschuldig und am Ende des Tages war es Feanor egal, ob er sieben Kinder beim Abendessen am Tisch sitzen hatte oder vierzehn, weil all seine Söhne mindestens einen ihrer Cousins mitbrachten, solang sie alle glücklich waren, satt wurden und am Ende das Haus noch stand.
Es hätte ihren Vater zerstört, mitansehen zu müssen, wozu sein Eid seine Söhne getrieben hatte, wie sehr sie dem Wahnsinn verfallen waren, wie es sie in den Tod getrieben hatte, wie sehr es sie von dem Rest ihrer Familie abgespalten hatte.
Sie hatten niemals freiwillig gegen ihre Cousins gekämpft, nur getrieben von ihrem Eid und niemals aus freiem Willen, denn sie waren Familie.
Mandos schickte ihre Seelen gemeinsam mit Celebrimbor fort aus seinen Hallen und sie hatten sich sich auf einer zerklüfteten Ebene wiedergefunden.
Vor ihnen hatte Sauron gestanden, in seiner riesigen schwarzen Rüstung, und blickte auf eine einsame Gestalt herab, die vor ihm stand.
Galadriel und Olórin lagen bewegungslos zwischen den Felsen, offensichtlich geschlagen und ließen Elrond allein zurück, um sich Sauron zu stellen.
Beinahe wie eine Person waren Maglor und Maedhros vorgetreten, um sich schützend vor ihren Sohn zu stellen.
Gegen Saurons riesige Gestalt hatte Elrond unglaublich klein ausgesehen, obwohl er zu den größten der Elben zählte. Elyos Rüstung war schmutzig von Blut und Staub, es gab Schnittwunden in seinem Gesicht und seine Schultern waren gebeugt.
In seinen Augen hatte kein Feuer mehr gebrannt, kein Licht war darin zusehen gewesen. Er hatte keine Kraft mehr gehabt, aber er dennoch hatte er trotzig vor dem dunklen Lord gestanden. Maglor war einerseits unglaublich stolz und andererseits unglaublich verzweifelt gewesen.
„Gib mir Vilya.“
Die pure Macht in Saurons Stimme hatte selbst Maglor und seine Brüder auf ihrer körperlosen Ebene erzittern lassen und er war stolz gewesen, als Elrond nicht einmal zusammenzuckte. Sauron hatte fordernd die Hand ausgestreckt und Maglor hatte gesehen, wie sein Sohn unbewusst seine rechte Hand zur Faust ballte. Er hatte Vilya nicht sehen können, aber er hatte gewusst, das Elrond den Ring wahrscheinlich unbewusst mit dem letzen Rest seiner Macht verborgen hielt.
Vorsichtig hatte Maglor seine Fëa in Richtung seines Sohnes gestreckt und war bei der absoluten Leere, die dort war, wo eigentlich Macht sein sollte erschaudert.
Er glaubte nicht, das Elrond jemals wirklich begriffen hat, wie stark er eigentlich war. Seine Machtreserven waren unglaublich stark, eher vergleichbar mit denen eines Maia als mit denen eines Elben.
Maglor und Maedhros hatten vermutet, dass Elrond sogar Galadriel an purer Macht übertraf und hatten darüber nachgedacht, ihn zu ihr zu schicken. Allerdings schienen Maglors Methoden mit den Liedern der Macht gute Ergebnisse zu erzielen, um Elrond beizubringen seine Macht zu kontrollieren. Und die Brüder waren einfach zu egoistisch um einen ihrer Söhne wegzugeben — vor allem, weil sie ihn wohl nie wieder sehen würden.
So allerdings, vollkommen ausgelaugt, würde Elrond niemals gegen Sauron bestehen können. Maedhros schien die gleiche Idee gehabt zu haben, denn er hob vorsichtig die Hand und legte sie sanft auf die Schulter ihres Sohnes.
Elrond hatte alarmiert den Kopf zu ihm gedreht und erstarrte — Maglor konnte die Fassungslosigkeit auf seinem Gesicht vielleicht nicht sehen, aber er konnte sie sich bildlich vorstellen. Auch er hatte eine Hand auf Elronds andere Schulter gelegt und Elronds Kopf war zu ihm gepeitscht.
Maglor konnte nicht anders, als seinen Sohn anzulächeln. Dann hatte er vorsichtig seine Kraft in Elrond fließen lassen.
Seine Brüder und sein Neffe hatten sich hinter ihn bewegt und Maglor hatte sehen können, wie Elronds Augen von einem Gesicht zum nächsten gesprungen waren, Ungläubigkeit in ihnen.
Celegorm, Curufin und Celebrimbor hatten ebenfalls begonnen, Macht durch Maglor in Elrond fließen zu lassen.
Sauron war einen Schritt zurückgetreten und Maglor hatte nur pure Befriedigung verspürt, als er die Angst spürte, die der gefallene Maia ausstrahlte.
Er sollte Angst haben und wenn sie Körper gehabt hätten, hätte Sauron keine Chance gehabt. Aber sie konnten sich nur für eine kurze Zeit in der körperlichen Welt aufhalten und bald hatte Maglor gespürt, wie die Verbindung langsam abriss.
Er hatte sich vorgebeugt und flüsterte seinem Sohn Worte des Trostes ins Ohr, in der Hoffnung, dass es ihn so trösten würde, wie er als Kind getröstet wurde.
Als Sauron sich wieder fing und einen gewaltigen Schlag gegen Elrond führte, hatte Maglor gemerkt, das Maedhros neben ihm zuckte, als würde er sich davon abhalten müssen nach vorn zu stürmen und den Schlag zu nehmen.
Er hatte die Hand seines Bruders gedrückt, einerseits um ihm Trost zu bieten und andererseits etwas zu haben, was er drücken könnte, wenn die Angst ihn übermannt.
Elrond war um den dunklen Lord herum getanzt, ein wahrer Wirbelsturm aus Klingen, obwohl er nur eine führte. Es war unglaublich anzusehen gewesen.
Als er ein Junge war und sie ihm und Elros erstmals das Kämpfen beibrachten, hatte sich natürlich mit der Zeit abgezeichnet, was ihr Kampfstil sein würde. Aber Elrond hatte über 6000 Jahre Zeit gehabt um sich selbst zu verbessern und zu lernen und das Ergebnis war erstaunlich.
Dennoch hatte Maglor eindeutig Maedhros aus diesem Kampfstil sehen können. Jeder, der Maedhros hatte kämpfen sehen, wüsste sofort, wer diesen mächtigen Krieger unterrichtet hatte. Nicht nur, das Elrond sein Schwert mit der linken Hand führte, nicht mit der rechten, sondern auch die Art und Weise wie er sich bewegte.
„Es wird nicht reichen.“, hatte Maedhros mit heiserer Stimme gesagt. „Er wird Sauron nicht im Kampf besiegen können, er ist zu stark.“
Maglor hatte Caranthir und Celegorm zustimmend nicken sehen, Verzweiflung stieg in ihm auf.
„Er hat etwas vor.“
Celebrimbor hatte seinen Cousin genau beobachtet, wie sie alle.
Maglor hatte genauer hingesehen und erkannt, was sein Neffe gemeint hatte: dort war ein Ausdruck in Elronds Augen gewesen, den gleichen Ausdruck den er auch als Kind gehabt hatte, wenn Elros mit einer dummen Idee aufkam und Elrond wusste, wie er sie verbessern konnte, damit sie funktionierte.
Die Leute sagten immer, das Elrond aussehe wie Luthien und sie mögen recht haben. Elrond sah seiner Urgroßmutter sicherlich ähnlich und wäre er früher geboren worden hätte man ihn für Luthiens Zwilling halten können.
Aber Maglor hatte immer gedacht, das Elrond Feanor unglaublich ähnlich sah. Sein Sohn und sein Vater hatten das gleiche Feuer, das in ihren Augen brannte.
Elrond war besser darin, es zu verstecken, aber wenn man wusste, wonach man Ausschau halten musste, konnte man es sehen.
Er hatte Feanors Leidenschaft, seine Loyalität zu allem, was er liebte und, in gewissen Teilen, auch seinen Zorn. Elronds Zorn war gewaltig und gefährlich und im Gegensatz zu seinem Bruder hielt sein Zorn lange an. Man dachte es nicht, aber Elros war in gewisser Weise immer harmloser gewesen als Elrond.
Elrond war ruhiger, stiller und geduldiger, aber das machte ihn auch gefährlich. Er konnte seinen Zorn verbergen, im Gegensatz zu seinem Zwilling, und er war geduldig genug, auf den richtigen Moment zu warten, auch wenn es Jahrhunderte dauerte.
In diesem Teil unterschied er sich von Feanor, aber ansonsten waren sie sich beinahe unheimlich ähnlich.
Es hatte eine gewisse Ironie, das der Enkel von Feanor, der nicht direkt durch Blut mit ihm verwandt war, sein Feuer am meisten geerbt hatte.
Dann, in diesem Moment, hatte Maglor dieses Feuer in den Augen seines Sohnes sehen können und wusste instinktiv, das Elrond dabei war etwas unglaublich Dummes zu tun.
Sie alle zuckten vor Mitgefühl zusammen, als Saurons Streitkolben Elronds Seite aufriss.
Der plötzliche Schmerz schien seinen Sohn aus dem Takt zu gebracht zu haben und Sauron warf ihn zu Boden. Das Schwert wurde ihm aus der Hand gerissen und landete zu weit weg, um nützlich zu sein.
Sauron hatte nach Elrond gegriffen und ihn hoch gehoben — er sagte etwas, doch Maglor hatte nichts hören können, außer dem rauschenden Blut in seinen Ohren (er hatte keinen Körper, hatte er überhaupt Blut? Es spielte keine Rolle) und er hatte seinen Blick nicht von seinem Sohn abwenden können, der wie ein Stofftier am Hals gepackt worden war.
Elrond hatte Saurons Finger umklammert.
„Schlaf.“
Die Stimme seines Sohnes schien durch die Welt zu hallen und Maglor war sich sicher gewesen, wenn Elrond nicht all seine Kraft auf Sauron gerichtet hätte, wären selbst sie, körperlos wie sie waren, seinem Befehl erlegen. So jedoch hatte Maglor nur fassungslos beobachten können wie sein Sohn den gefallenen Maia herausforderte. Er konnte spüren, wie jedes bisschen Macht, das Elrond besaß, gegen Saurons Geist brandete, nach Lücken suchte, nach Schwachstellen, aber der gefallene Maia hatte sich mit aller Kraft gewehrt. Maglor wusste, dass das, was sein Sohn versuchte beinahe unmöglich war.
In dem Moment, in dem Elrond nach seiner Lebenskraft gegriffen hatte, stand Maglors Welt still. Er musste zusehen, wie sein Sohn die helle, leuchtende, warme Energie, die das ausmachte, was er war, gegen dieses Monster einsetzte.
Er hatte sehen können, wie Elrond mit jeder Sekunde in der seine Lebenskraft aus ihm heraus floss, blasser und blasser geworden war.
Einige Strähnen an seinen Schläfen waren an der Wurzel silbern geworden und es breitete sich wie Raureif aus, bis jedes Haar an seinen Schläfen silbern war.
Das war der Moment gewesen, in dem Sauron Elronds Befehl nicht mehr hatte widerstehen können.
Der dunkle Lord hatte den Elben in seinem Griff losgelassen und war zusammengebrochen. Für einen Moment hatte Elrond leblos am Boden gelegen und Maglor fürchtete, dass sein Sohn all seine Lebenskraft aufgebraucht hatte, dass er alles gegeben hatte was er konnte und es vergebens war. Aber Elrond war aufgestanden und hatte nach seinem Schwert gegriffen.
Einen Moment hatte er über Saurons schlafendem Körper gestanden, dann hatte er das Schwert gehoben und seinem Feind mit einem sauberen Schnitt die Hand abgetrennt. Der Körper des gefallenen Maia war zerfallen und Elrond hatte sich gebückt, um den einen Ring aufzuheben. Einen einzigen, schrecklichen Herzschlag lang hatte Maglor befürchtet, das Elrond den Ring aufstecken würde, aber er tat es nicht.
Er bückte sich erneut und klaubte aus der Asche zwei weitere glitzernde Gegenstände.
Neugierig war Maglor nähergekommen, seine Brüder nur kurz hinter ihm.
In Elronds Hand hatten nun zwei Ringe gelegen, die nur Nenya und Vanya sein konnten, Olórins und Galadriels Ringe.
Aus der Nähe hatte Elrond noch schlimmer ausgesehen. Er war totenbleich gewesen, beinahe grau, und hatte auf seinen Füßen geschwankt. Blut tropfte von seiner Seite und sein Hals zeigte Würgemale. Erschöpfung war klar auf sein Gesicht geschrieben gewesen und Maglor hatte nichts mehr gewollt, als ihn in mindestens zwei Decken und Maedhros Umhang zu wickeln und ihn ins Bett zu bringen.
Er und Maedhros hatten einen liebevollen Blick geteilt, als Elrond als allererstes Galadriel und Olórin überprüft hatte. Ihr Sohn war immer vor allem anderen ein Heiler gewesen.
Celegorm war auf einen der Felsen geklettert und hatte in Richtung des schwarzen Tores geblickt. Seine Worte waren beunruhigend gewesen.
„Saurons Armee ist auf dem Weg hierher. Wenn Elrond den Vulkan rechtzeitig erreichen will, muss er sich beeilen. Jede Minute, die er hier bleibt, schrumpft sein kleiner Vorsprung zusammen.“
Ein kurzer Blick in die Richtung, in die Celegorm geblickt hatte, hatte die Worte seines Bruders bestätigt. Glücklicherweise schien auch Elyo sich dessen bewusst gewesen zu sein, denn er hatte kaum noch Zeit verschwendet.
Bei seinem Lauf über die Ebenen waren Maglor, seine Brüder und sein Neffe immer nah bei ihm gewesen. Es hatte Maglor zerstört, zusehen zu müssen, wie der Blick seines Sohnes immer trüber geworden war, wie sich seine Gedanken nach innen gerichtet hatten.
Mehr als einmal hatte sich Maglor gefragt, wie Elyo sich noch auf den Beinen halten konnte. Sein Gesicht war grau wie Asche gewesen und es hatte in diesen scheinbar endlosen Stunden des Laufens Momente gegeben, in denen Maglor sich sicher gewesen war, das Elrond beim nächsten Schritt straucheln würde.
Sie selbst hatten keine Müdigkeit verspürt, körperlos wie sie waren.
Wie durch ein Wunder hatten Elronds Füße ihn sicher durch das schwierige Gelände getragen, auch wenn Maglor sich sicher gewesen war, dass sein Sohn nicht mehr in der Lage gewesen war, auf den Weg zu achten.
Die Armee hinter ihnen war unaufhaltsam näher gekommen. Maglor hatte gewusst, dass sie mittlerweile Elronds Spur aufgenommen hatten.
Celegorm hatte seine Bedenken geäußert, als klar wurde, dass Elronds Wunde eine Spur von frischem Blut hinterlassen hatte, aber sie waren nicht in der Lage gewesen, wieder mit Elyo Kontakt aufzunehmen.
Der Aufstieg des Schicksalsberges hatte Elrond viel Kraft gekostet, von der Maglor gewusst hatte, dass sein Sohn sie nicht mehr besaß. Doch Elyo hatte erneut gezeigt, dass er mehr als dazu in der Lage war, über die Grenzen seines Körpers hinweg zu gehen, sich selbst so weit zu drängen, dass andere Elben längst zusammengebrochen wären.
Maglors Herz hatte für seinen Sohn geschmerzt, als er am Rand des Felsvorsprungs stand und in die Tiefen des Vulkans starrte.
Er hatte diesen Ausdruck gekannt, hatte ihn in seinem eigenen Gesicht gesehen, hatte ihn im Gesicht seines Bruders gesehen. Er hatte gewusst, was gerade durch den Kopf seines Sohnes ging. Er hatte gewusst, was sich hinter dieser Müdigkeit in den Augen verbarg, hatte den Wunsch sehen können, einfach alles hinter sich zu lassen.
Doch Elyo hatte sich gefangen.
Als er die Hand ausstreckte und sie öffnete, war Maglor wieder die Angst ins Herz geschlichen. Maglor und seine Familie hatten spüren können, wie der eine Ring nach Elronds Geist gegriffen hatte, versucht hatte, ihn zu verführen. Er hatte gesehen, wie sein Sohn nur eine einzige Sekunde gezögert hatte. Doch Elrond hatte Vilya von seinem Finger genommen und zu den restlichen Ringen gelegt.
Dann hatte er die Ringe ins Feuer geworfen. Einfach so waren die Gegenstände, die das Schicksal von Mittelerde zwei Zeitalter lang bestimmt hatten, vernichtet worden.
Einige würden sagen, dass es ein Fehler war, die drei Elbenringe ebenfalls zu vernichten, aber Maglor hatte Elrond nur zustimmen können.
Diese Ringe hatten nur Schmerz und Trauer mit sich gebracht, zwar manche mehr und manche weniger, aber dennoch. Es war besser, solch mächtige Dinge zu vernichten.
Maglor und seine Brüder wussten das besser als die meisten.
Der Berg hatte begonnen um sie herum zu beben, große Steinbrocken fielen herab, die Lava stieg. Elrond hatte sich nicht bewegt und für einen Moment hatte Maglor gefürchtet, seinen Sohn sterben sehen zu müssen. Dolch dann hatte Elyo sich bewegt, langsam und taumelnd hatte er sich mit letzter Kraft auf den Weg zum Ausgang gemacht.
Draußen war Elrond auf einem hervorstehenden Felsen auf die Knie gefallen.
Sein Blick war trüb und unkonzentriert gewesen als er beobachtete, wie die Orks unter ihnen vor der Lava und den sich auftuenden Abgründen flohen. Maedhros hatte einen Schritt gemacht, um sich ihrem Sohn zu nähern, doch Elrond brach zusammen.
Jetzt saßen die sieben Söhne Feanors mit zwei seiner Enkel auf einem Felsen, der aus einem Meer von Lava ragte und einer von ihnen war bewusstlos. Maglor wollte schreien. Er und Maedhros hatten sich neben ihren Sohn gesetzt, ihre Brüder und ihr Neffe um sie herum. Maglors Augen tränten als er sanft mit seinen Fingern durch Elronds Haar strich. Sein armer Sohn sah unglaublich erschöpft aus.
Maglor konnte spüren, wie seine Fëa kaum noch in seinem Körper verankert war. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis sein kleiner Elyo sich ihnen in Mandos Hallen anschließen würde. Sein Atem war immer flacher geworden, sein Gesicht war so grau wie Asche. Es gab keine Kraft mehr in seinem Körper oder seine Fëa, die ihn retten könnte. Maglor fragte sich, wie lange Elrond wohl in den Hallen bleiben würde, bis er wiederverkörpert werden würde. Die Verletzungen an seiner Fëa waren umfangreich und einige von ihnen waren alt.
Sein kleiner, unschuldiger Elyo hatte so viel Schmerz und Trauer ertragen müssen. Er hatte sein Leben lang gegen das Böse gekämpft und würde, so schien es, am Ende sein Leben dafür geben.
Maedhros hatte leise begonnen zu summen.
Maglor kannte das Lied, sie alle hatten es von ihrem Vater gelernt, der es für sie gesungen hatte wenn sie nicht einschlafen konnten und Maglor und Maedhros hatten es für ihre Söhne ebenfalls gesungen. Er nahm die Melodie auf und summte mit. Nach und nach stimmten seine Brüder und sein Neffe ein.
Leise begann Maglor zu singen.
I remember tears streaming down your face
When I said "I'll never let you go"
When all those shadows almost killed your light
I remember you said
"Don't leave me here alone"
But all that's dead and gone and passed
Tonight
Just close your eyes
The sun is going down
You'll be alright
No one can hurt you now
Come morning light
You and I'll be safe and sound
Don't you dare look out your window
Darling everything's on fire
The war outside our door keeps raging on
Hold on to this lullaby
Even when the music's gone
Gone
Just close your eyes
The sun is going down
You'll be alright
No one can hurt you now
Come morning light
You and I'll be safe and sound
Das Lied verklang leise, es war über den Vulkan hinter ihnen kaum zu hören gewesen, aber Maglor hatte das Gefühl, das Elrond sich ein wenig entspannt hatte, selbst wenn er es nicht hatte hören können.
Sie saßen noch einige Zeit dort, die Lava stieg immer mehr an, der Berg bebte noch immer. Bald würde ihr kleiner Zufluchtsort ebenfalls unter dem glühend heißen Magma verschwinden.
Elrond würde nicht einmal begraben werden können. Der Atem seines Sohnes wurde angestrengter, die Dämpfe des Vulkans erschwerten seine ohnehin schon flache Atmung.
Maedhros hatte nach Elyos Hand gegriffen, Tränen strömten langsam über das Gesicht seines Bruders. Auch Maglor und der Rest ihrer Familie weinte schweigend. Selbst Caranthir hatte Tränen in den Augen als sie schweigend auf den Tod ihres jüngsten Mitgliedes warteten.
Auf einmal spürte Maglor einen Windstoß auf seinem Gesicht. Er blickte widerwillig nach oben und erstarrte. Seine Brüder und sein Neffe folgten seinem Blick.
Über ihnen schwebte ein riesiger Adler, der langsam seine Kreise zog. Als Maglor seine Augen traf, wusste er sofort, wen er vor sich hatte. Das war Gwaihir, König der großen Adler, der Windfürst.
Gwaihir erwiderte Maglors Blick und der Elb spürte Hoffnung in sich aufflackern. Vorsichtig stieß der Adler herab und landete auf dem Felsen, auf dem sie saßen. Maglor und seine Familie erhoben sich gleichzeitig und neigten ehrerbietig die Köpfe.
Der Windfürst durchbohrte sie mit seinem Blick, dann neigte auch er den Kopf.
Dann griff er sanft nach Elrond, der noch immer bewegungslos auf dem Felsen lag und stieg mit ihm in seinen Krallen wieder in die Lüfte.
Maglor, Maedhros und ihre Brüder und ihr Neffe beobachteten, wie der König der großen Adler nach Norden abdrehte und schnell außer Sichtweite war.
Maglor drehte sich um und blickte seine Familie an. In ihren Gesichtern sah er, was er selbst verspürte: Hoffnung.
Als er spürte wie Mandos sie zurück in sein Reich zog, wusste er, dass alles gut werden würde.
* * *
Aufwachen fühlte sich so an, als würde er aus langsam einem tiefen Ozean auftauchen. Sein Körper war schwer und müde, allein seine Augen zu öffnen schien ein unüberwindbares Hindernis. Elrond lag auf einem weichen Untergrund und eine schwere, warme Decke lag auf seinem Körper. Seine Gedanken waren langsam, als wären sie in Watte verpackt und er fragte sich untätig, ob es sich so anfühlte, in den Hallen von Mandos zu sein. Dann fragte er sich, warum er erwartete, tot zu sein.
Langsam kamen die Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Sauron. Der Kampf. Der lange Lauf zum Schicksalsberg, an den er sich nicht mehr wirklich erinnerte. Das Innere des Vulkans. Der Anblick der vier Ringe, als sie in der Lava versanken. Der Berg, der um ihn herum bebte, Felsbrocken, die herabstürzten. Ein Felsvorsprung. Der Anblick der fliehenden Orks. Dunkelheit.
Es fühlte sich unglaublich surreal an, wie ein Traum. Vielleicht war es ein Traum gewesen? Vielleicht war all das nur eine Illusion von Sauron, um ihn in die Knie zu zwingen? Er würde es nur wissen, wenn er es wagte, die Augen zu öffnen und vielleicht war auch das eine Illusion? Eine Illusion in einer Illusion? Er würde es Sauron definitiv zutrauen.
Nun machte Elrond sich doch an die schwierige Aufgabe, seine Augen zu öffnen.
Die Wahrscheinlichkeit, das er sein wahnwitziges Vorhaben überlebt hatte, war unglaublich gering, aber er glaubte auch nicht, das die Hallen von Mandos so bequeme Betten hatten. Wie weit konnte Sauron die Wahrnehmung seiner Opfer verzerren? Elrond hatte Maedhros einmal gefragt, als er noch sehr jung gewesen war, aber er hatte nie eine Antwort auf die Frage erhalten.
Das Licht schmerzte in seinen Augen, als er es endlich geschafft hatte, sie zu öffnen und er schloss sie sofort wieder. Diesmal öffnete er seine Augen langsamer, ließ zu, dass sie sich an das helle Licht gewöhnten.
Wie er bereits vermutet hatte, lag er in einem Bett. Der Raum um ihn herum war hell, mit großen Fenstern und einer Tür auf eine Terrasse hinaus. Um das Bett herum waren mehrere Stühle verteilt, als würden häufiger mehrere Leute bei ihm sitzen.
Vorsichtig setzte Elrond sich auf. Bei der geringsten Bewegung schmerzte sein gesamter Körper, besonders seine Seite, die Saurons Streitkolben aufgerissen hatte.
Er besah sich die Architektur des Zimmers genauer. Die geschwungenen Decken und Wände aus hellem Stein und die verschiedenen Wandteppiche verrieten ihm, dass er in Imladris sein musste. Jetzt, wo er erkannt hatte, wo er war, konnte er sein Reich in seinem Hinterkopf spüren.
Das Tal von Imladris war schon immer … bewusster gewesen als man es erwartete. Elrond hatte dieses Bewusstsein vom ersten Tag an gespürt, als er seine Truppen und die Zivilisten von Eregion auf der Flucht vor Saurons Truppen hierher geführt hatte. Das Tal hatte ihn gerufen, hatte ihm geholfen, sie zu verstecken.
Im Gegensatz zu dem, was viele dachten, beruhte Imladris Schutz nicht nur auf Vilya, sondern größtenteils auf dem Tal selbst und den Verzauberungen, die Elrond damals um es gelegt hatte. Diese hatte er im Laufe der Jahrtausende gestärkt und ausgebaut, aber die Grundsteine hatte er ohne Vilyas Hilfe errichtet.
Je länger Elben in dem Tal lebten, desto bewusster schien es zu werden und im letzten Jahrtausend hatte Elrond immer stärker seine Verbindung zu dem Tal gespürt. Er wusste immer, wer das Tal betrat, wann Orks an den Grenzen herumschlichen.
Jetzt gerade spürte er, wie das Tal und die Zauber ihn willkommen hießen und automatisch suchte er nach Problemen, die aufgetreten waren. Feinden, die das Tal bedrohten, aber alles was er spürte, war Frieden. Es gab keine Bedrohung, keine Feinde. Sie waren in Sicherheit.
Er war sich fast sicher, dass Sauron nicht wusste, wie man dieses einzigartige Gefühl vortäuscht.
Aber Elrond musste es selbst sehen. Vielleicht hatte der dunkle Herrscher Elrond nach Imladris verlegt, um seine List besser zu machen? Konnte der eine Ring ein ganzes, teilweise emfpindungsfähiges Tal, täuschen oder replizieren?
Er zwang seine Beine aus dem Bett und erhob sich unsicher auf die Füße. Sofort traf ihn ein Schwindelanfall. Die Welt um ihn herum schwankte, sein Sichtfeld wurde dunkel, und er musste sich wieder setzen, bevor er endgültig das Gleichgewicht verlor. Sein ganzer Körper protestierte und war eindeutig nicht glücklich, bewegt zu werden.
Er war so unglaublich müde, von seinen Gliedmaßen bis tief in seine Seele hinein, und wollte eigentlich nichts mehr, als sich wieder hinzulegen und zu schlafen, und einem kleinem, aber hartnäckiger Teil von ihm war es egal, ob es real war oder nicht. Er wollte nur schlafen (und am liebsten nicht wieder aufwachen). Aber er konnte nicht. Er musste sicher sein, dass alles in Ordnung war, dass alle sicher waren, dass das hier keine Illusion war.
Also zwang er sich wieder aufrecht, langsamer diesmal, und die Welt blieb mehr oder weniger in ihren gewohnten Bahnen. Kurz blieb er stehen, um sein Gleichgewicht zu finden. Dann wagte er es, sich zu bewegen. Mit unsicheren Schritten und mithilfe der Möbel und Wände, um sich zu stützen, machte Elrond sich langsam auf den Weg zur Terrassentür. Sie war nur angelehnt und er schob sie auf.
Vorsichtig bewegte er sich auf das Geländer zu und stützte sich schwer darauf.
Vor ihm lag Imladris im Sonnenlicht eines wunderschönen Nachmittags. Der Bruinen rauschte in der Ferne, die Wasserfälle funkelten im Licht. Alles war friedlich, alle waren sicher, alles war in Ordnung.
Ein Teil der Spannung, von der er nicht wusste, dass sie auf seinem Herzen lag, löste sich, als er sein friedliches Tal betrachtete. Er wusste nicht, was er tief in seinem Herzen erwartet hatte — brennende Gebäude vielleicht, Orks, die durch sein Tal strömen und jeden töten den sie sahen. Aber vielleicht, ganz vielleicht, war es kein Traum gewesen. Vielleicht war es wirklich real, wirklich vorbei.
„Lord Elrond?“ „Lord Elrond!“
Der Lord von Imladris drehte sich gerade rechtzeitig um, um von zwei Hobbits getroffen zu werden, die sich beinahe auf ihn warfen. Er schaffte es gerade so, nicht umzufallen, indem er sich an das Geländer lehnte.
„Merry? Pippin?“, murmelte er überrascht.
Die beiden Hobbits grinsten freudig zu ihm auf, von wo sie ihn immer noch umklammerten.
Elrond trug eine einfache Schlaftunika und Hose, doch die Hobbits schien das nicht zu stören.
Seltsamerweise war es dieser Moment, der ihn davon überzeugte, dass dies wirklich real war. Er war unerklärlicherweise davon überzeugt, dass selbst Sauron, ein Meister der Illusionen und Gedankenspiele, diese beiden jungen Hobbits niemals so lebensecht treffen konnte. Außerdem hatte er sie nie getroffen, wusste wahrscheinlich nicht einmal von ihrer Existenz, geschweige denn wie sie aussahen.
Elrond wollte lachen, weinen, schreien, alles gleichzeitig. Sie hatten es geschafft. Sie hatten es wirklich geschafft.
Pippin öffnete gerade den Mund um wahrscheinlich einen unglaublichen Wortschwall auszustoßen, wurde allerdings von jemandem unterbrochen.
„Ada“
Er blickte zur Tür. Dort standen seine Kinder. Es war Elrohir, der gesprochen hatte. Hinter ihm standen Elladan, Estel und Arwen. Sie alle sahen gesund und munter aus und Elrond spürte, wie der Rest der Spannung, die auf seiner Seele lastete, verschwand. Seinen Kindern ging es gut, sie waren am Leben und wohlauf.
Er bemerkte nicht, wie Merry Pippin von ihm wegzog, als er seine Arme in einer stummen Einladung öffnete. Innerhalb von nicht einmal einem Herzschlag hatte er zwei Arme voll von seinen Kindern, die sich weinend an ihn drückten. Er schloss seine Arme um die vier und ließ sie weinen. Wenn er selber Tränen in den Augen hatte, musste es niemand wissen, als er die Augen schloss und die vier wichtigsten Dinge seines Lebens festhielt.
Nach ein paar Minuten lösten sie sich vorsichtig von ihm, nicht genug, um ihn loslassen zu müssen, aber genug, damit sie ihn ansehen konnten.
„Tu das nie wieder.“
Arwens Stimme war heiser vom weinen und in ihren Augen konnte Elrond die Angst sehen, die sie um ihn gehabt hatte.
„Wir dachten, du wärst tot, Ada. Großmutter und Mithrandir wussten nicht, wo du warst, nur, dass Sauron tot war und du weg und dann ist der Berg ausgebrochen und die Orks wurden von einem Abgrund verschlungen und dann wurde uns klar, dass du den Ring zerstört haben musst, aber du bist nicht zurückgekommen und …“
Elladan konnte nicht weitersprechen.
„Und als Gwaihir dich zurückgebracht hat dachten wir, du wärst tot, aber das warst du nicht, also haben die Adler dich nach Imladris gebracht aber du würdest nicht aufwachen und Gandalf und Galadriel meinten, dass du zu viel von deiner Kraft verbraucht hast und wir nicht sicher sein konnten, ob du nicht doch verblassen würdest“, führte Aragorn weiter.
Elrond spürte Schuld in sich aufsteigen, als er den Schmerz und die Angst sah, die er seinen Kindern bereitet hatte. Er beugte sich vor und küsste jeden von ihnen auf die Stirn.
„Ich verspreche, dass ich nicht vorhabe, so etwas jemals wieder zu tun.“
Elrond zuckte unmerklich zusammen, seine Stimme war unglaublich rau und er wünschte, er hätte ein Glas Wasser.
Doch seine Kinder schienen sich zu entspannen als sie die Worte ihres Vaters hörten. Sie wussten, dass ihr Vater keine Versprechen gab, die er nicht halten konnte.
Das Brennen der Schuld wurde schlimmer, als Elrond daran dachte, wie er beinahe aufgegeben hatte. Wie er in so vielen Momenten darüber nachgedacht hatte, einfach… aufzuhören, loszulassen, zuzulassen, dass die Lava ihn verschling. Er hätte seinen Kindern auch noch ihren Vater genommen, zusätzlich zu den vielen Dingen, die sie in ihrem Leben schon verloren hatten. In diesem Moment hasste er den Teil von sich, der sich immer noch nach Frieden und Ruhe sehnte, nach einer Stille von der Elrond wusste, dass sie nur mit dem Tod kommen würde.
„Wie lang habe ich geschlafen?“, fragte er schließlich, um sich von den dunklen Gedanken abzulenken, die in seinem Geist umher wirbelten.
„Etwas mehr als zwei Wochen“, antwortete Estel vorsichtig.
Er beobachtete seinen Vater genau und Elrond wusste, dass sein kluger, scharfäugiger Sohn den dunklen Ausdruck in seinen Augen gesehen hatte. Estel war genauso ein Heiler wie er, auch er kannte diesen Ausdruck und Elrond wünschte, sein Sohn hätte ihn niemals in den Augen seines eigenen Vaters sehen müssen. In Zukunft würde er aufpassen müssen, seine Gedanken besser zu verbergen.
„Gandalf und Galadriel meinten, dass deine Fëa beinahe bis zum ausbrennen erschöpft gewesen ist. Deshalb waren sie sich nicht sicher, ob du überhaupt aufwachen würdest. Die Wunde an deiner Seite ist noch nicht ganz verheilt, sie heilt deutlich langsamer als sie sollte.“
Elrond hasste es, die Sorge in den Augen seines Sohnes sehen zu müssen. Irgendetwas sagte ihm, das Estel ihn sehr genau im Auge behalten würde.
Die langsame Heilung der Wunde überraschte Elrond nicht. Er hatte nach der finalen Schlacht der letzten Allianz einige Wunden behandelt, die von Sauron selbst geschlagen wurden und auch diese waren langsamer verheilt als normal. Er vermutete, dass Sauron irgendetwas mit seinem Streitkolben gemacht hatte, dass die Heilung verzögerte, aber er konnte es bisher nie beweisen und es war nicht wichtig gewesen.
„Was bei allen Valar denkst du, was du tust, junger Mann?!“
Celeborn stand in der Tür, die zu dem Zimmer führte, in dem er aufgewacht war. Scheinbar war sein Schwiegervater gekommen, um zu sehen, worum es bei all dem Trubel ging und er war offensichtlich nicht begeistert. Er hatte die Augenbrauen unzufrieden zusammengezogen und starrte den jungen Mann, der selbst 6500 Jahre alt und mehrfacher Vater war, an. Elrond lächelte schwach — es gab nur wenige, die es wagten ihn als jung zu bezeichnen.
Normalerweise war es Erestor, der Elrond gerne daran erinnerte, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der sein Lord nicht größer gewesen war als sein Knie und der alte Krieger ihn mit Leichtigkeit mit einer Hand hochheben konnte wie ein ungezogenes Katzenjunges. Was er mehrfach getan hatte, meist war Elros in seiner anderen Hand gewesen. In solchen Fällen hatte er sie dann entweder bei Atto oder Atya abgeladen und darüber gemurmelt, dass er zu alt wäre um mit so jungen Kindern umgeben zu sein. Dieselben Kommentare hatte er bei Elladan, Elrohir, Arwen und später auch bei Estel gemacht, was ihn allerdings nicht davon abgehalten hatte, ihnen zu helfen Süßigkeiten zu stehlen.
Hinter dem Lord von Lothlorien kam Galadriel in sein Sichtfeld, die hinter ihrem Mann stehen blieb. Elrond kannte seine Schwiegermutter gut genug, um die Sorge in ihrem Blick zu sehen als sie ihn betrachtete.
Es verwirrte ihn, hatte er doch den Eindruck gehabt, dass sie seit Celebríans Weggang nicht mehr als notwendig mit ihm zu tun haben wollte - ein Gefühl das er vollkommen verstehen konnte.
Er konnte sich selbst an den meisten Tagen nicht ins Gesicht sehen ohne all die Fehler und Versäumnisse zu sehen, die auf seinen Schultern lasteten.
„Du solltest noch längst nicht aus dem Bett sein, geschweige denn herumlaufen!“
Celeborn verließ seinen Platz in der Tür und kam energisch auf ihn zu. Seine grauen Roben bauschten sich um ihn herum, als er auf sie zuschritt. Er scheuchte seine Enkelkinder sanft zur Seite und griff nach Elronds Arm.
Jetzt wo er daran erinnert wurde, spürte er wieder die knochentiefe Erschöpfung und seinen schmerzenden Körper. Er taumelte, als er das Geländer losließ, seine Sicht wurde kurzzeitig dunkel, aber Celeborn stützte ihn und führte ihn vorsichtig in den Raum zurück.
Galadriel hielt die Tür offen und sein Schwiegervater brachte Elrond zum Bett zurück. In dem Moment, in dem sein Kopf das Kissen berührte, war Elrond eingeschlafen.
* * *
Galadriel seufzte, als Elronds Augen zufielen und ihr Schwiegersohn wieder in die Tiefen des Schlafes versank. Vorsichtig griff sie nach seiner Fëa und war erleichtert, sie ein wenig heller und stärker zu finden als am Morgen.
Sie blickte zu Celeborn der auf dem Bettrand saß und Elrond sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.
Das Haar des Peredhel war an den Schläfen silbern geworden, als wäre Frost an den Strähnen emporgeklettert und einfach geblieben. Die helle Farbe hob sich deutlich von seinem ansonsten tiefschwarzen Haar ab, doch stand es ihm gut — es verlieh ihm eine gewisse Erhabenheit.
Sie blickte von ihrem Mann zu ihren Enkeln, die sich an der Tür versammelt hatten und nun hereinkamen. Die Zwillinge, Arwen und Estel ließen sich auf den Stühlen um das Bett nieder, so wie sie es jeden Tag getan hatten, seitdem sie alle wieder in Imladris versammelt waren.
Als Galadriel und Gandalf nach dem Kampf gegen Sauron aufgewacht waren, waren sie verwirrt gewesen. Sauron war erneut zu Asche zerfallen, seine Rüstung und Waffen lagen in der Nähe. Aber von Elrond und dem einen Ring fehlte jede Spur. Ein Teil der Armeen war auf dem Weg zu ihnen gewesen und sie hatten keine Zeit gehabt, länger nach ihrem Freund zu suchen.
Sie hatten einen großen Bogen um die Armee geschlagen und waren so schnell sie konnten zum Schwarzen Tor zurückgekehrt. Dort kamen sie gerade rechtzeitig an, um mitzuerleben, wie der Teil der Armee, der geblieben war um zu kämpfen, von großen Erdspalten verschlungen wurde. Das ganze Land bebte und in der Ferne hatten sie sehen können, wie der Schicksalsberg glühend heiße Lava in den Himmel schleuderte.
Galadriel hatte gemeinsam mit Gandalf spüren können, wie der eine Ring zerstört wurde. Im selben Moment spürten sie, wie auch ihre Ringe, deren Fehlen sie bis zu dem Zeitpunkt nicht registriert hatten, ebenfalls vernichtet wurden. Es war klar, das Elrond es geschafft hatte, Sauron ein für alle Mal zu vernichten, auch wenn niemand wusste, wie.
Die darauf folgenden Stunden waren quälend gewesen. Keiner von ihnen war entbehrlich gewesen, als sie die Toten zählen und die Verletzten versorgen mussten.
Galadriel hatte die Angst in den Augen ihrer Enkel gesehen, als sie berichteten, dass sie nicht wussten, wo ihr Vater war. Ihnen allen war klar gewesen, was es bedeutete, das Elrond unauffindbar war und der Ring zerstört. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Schwiegersohn den Ausbruch des Vulkans überlebt hatte, war gering.
Schließlich wurde im gemeinsamen Rat entschieden, dass Gwaihir, der König der Adler, nach Elrond suchen sollte, egal wie gering die Chancen waren. Auch wenn er nur einen Körper zurückbringen würde, den sie beerdigen konnten, es wäre in irgendeiner Art und Weise ein Abschluss. Alles wäre besser, als in quälender Ungewissheit zu leben, ob sie ihn vielleicht hätten retten können, wenn sie nur nach ihm gesucht hätten.
In der Zeit brachten sie die überlebenden Truppen nach Minas Tirith.
Als der Adler endlich zurückkam, hatten sie alle Angst, das er ihnen eine Leiche zurückgebracht hatte. Elrond war totenbleich, beinahe grau und erst bei einer genaueren Untersuchung stellten sie fest, das er noch atmete. Die Erleichterung währte nur kurz, denn bald wurde klar, das Elrond über alle Maße erschöpft war.
Seine Fëa war beinahe vollkommen kraftlos, seine Lebenskraft beinahe erschöpft. Er hatte seinen Körper und seine Seele über seine Grenzen hinaus getrieben, ohne Rücksicht auf Verluste. Galadriel wusste nicht, was Elrond tun musste, um Sauron zu besiegen, aber es hatte ihn alles gekostet, was er noch hatte.
Gondor wurde unter der Aufsicht von Faramir, Denethors zweitem Sohn und Boromirs Bruder, zurückgelassen und sie alle, Galadriel, Celeborn, Gandalf und Elronds Kinder, waren von den Adlern nach Imladris gebracht worden. Sie hofften, das Elronds Verbindung zu seinem Reich ihm helfen würde, wieder zu Kräften zu kommen.
Die folgenden zweieinhalb Wochen waren einige der schwersten in Galadriels Leben gewesen, vergleichbar mit der Zeit, in der sie um Celebrían gefürchtet hatte.
Die Lady von Lothlorien wusste, das ihr Schmerz, ihre Tochter zu verlieren, wohl nur von Elronds Schmerz übertroffen werden konnte. Elrond hatte seine Gefährtin verloren, seine Frau, die Liebe seines Lebens. Elben liebten nur einmal wirklich und diese Liebe zu verlieren war eines der schlimmsten Schicksale, die einem Elben widerfahren konnte.
Galadriel konnte und wollte sich ein Leben ohne Celeborn an ihrer Seite nicht vorstellen.
Sie wusste, das Elrond glaubte, dass sie ihm die Schuld daran gab, was geschehen war. Aber dem war nicht so, überhaupt nicht. Er hatte getan was er konnte und sie wusste, dass er alles gegeben hätte, was er hatte, wenn es nur bedeutet hätte, das Celebrían leben würde. Sein Scheitern, sie zu retten, hatte etwas in ihm gebrochen.
Es hatte Elrond tief beeinflusst und seitdem hatte er sich von ihr und ihrem Mann zurückgezogen, war distanziert, wo er früher zumindest ein wenig Zuneigung von ihnen erlaubt hatte.
Galadriel glaubte nicht, dass Elrond wirklich wusste, wie sehr sie und Celeborn ihn liebten. Er hätte genauso gut ihr Sohn sein können und in gewisser Weise war er es auch.
Es hatte sie sehr geschmerzt, zusehen zu müssen, wie Elrond sich zurückzog und nicht zuließ, dass sie, oder irgendjemand anderes, ihn trösteten.
Ihn jetzt in einer so ähnlichen Position zu sehen wie ihre Tochter brach Galadriel das Herz. Irgendjemand saß immer bei ihm, egal ob Tag oder Nacht. Meist waren es seine Kinder oder Galadriel und Celeborn, aber oft auch Gandalf und die Hobbits.
Vor allem Frodo saß oft bei ihm. Er und sein Freund Sam waren aus Barad-Dûr gerettet worden, nachdem der Turm eingebrochen war. Sie waren in den Kerkern gefangen gewesen, beinahe lebendig begraben, aber lebend.
Die Lady von Lothlorien wusste, dass der junge Hobbit sich selbst die Schuld daran gab, das Elrond nicht aufwachte. Das der Lord seine Mission erfüllen musste, weil er gescheitert war.
Alle hatten ihm gesagt, dass das nicht wahr sei und das war es auch nicht. Die gesamte Mission war ein Selbstmordkommando gewesen und das Frodo und Sam es so weit geschafft hatten, war ein Wunder und wären sie nicht überrascht worden, hätten sie den Ring vernichtet.
Sie alle hatten Frodo gesagt, das Elrond der letzte wäre, der dem Hobbit irgendwelche Vorwürfe macht, aber er glaubte ihnen nicht. Er und ihr Schwiegersohn waren sich zu ähnlich.
Als ob Elrond irgendjemandem die Schuld geben würde. Elrond war zu gut für diese Welt, zu freundlich für sein eigenes Wohl. Der einzige, dem er die Schuld geben würde, wäre er selbst, auch wenn er keinen Grund dazu hatte. Er würde schon einen finden, das tat er immer (zu ihrer aller Leidwesen).
Im Lauf der zwei Wochen heilte Elronds Körper langsam, aber beständig. Die Wunde an seiner Seite machte ihnen Sorgen, aber sie zeigte keine Anzeichen einer Infektion. Nur seine Fëa gab ihnen Bedenken. Elrond hatte für irgendetwas seine Lebenskraft genutzt. Es war wahnsinnig und selbstmörderisch und absolut etwas, was der Lord von Imladris tun würde, wenn er der Meinung war, keine andere Wahl mehr zu haben.
Für all seine Weisheit, Intelligenz und angebliche Ruhe war ihr Schwiegersohn ihren Cousins, Maglor und Maedhros, und vor allem ihrem Onkel Feanor viel zu ähnlich. Sie alle hatten diesen Hang zur Selbstaufopferung, Dramatik und Dummheit wenn es um sie selbst ging.
Obwohl der Teil mit der Dramatik vor allem Maglor war.
Jedenfalls schien es ihr nach zwei Wochen, das Elronds Lebenskraft sich stabilisiert hatte. Zuvor war sie unruhig gewesen, instabil, beinahe unsicher, ob Elronds Fëa noch die Kraft hatte, in seinem Körper zu bleiben.
Galadriel vermutete jedoch, dass die Anwesenheit seiner Kinder, ihre Bindungen zu ihm, ihn gestärkt hatten. Gandalf und sie hatten dies ganz bewusst getan, hatten ihm Kraft gegeben, in der Hoffnung, dass sie es schaffen könnten, ihn in Arda zu halten. Scheinbar war es ihnen gelungen. Seine Fëa hatte sich wieder in seinem Körper niedergelassen, hatte sich stabilisiert. Damals hatten Gandalf und Galadriel zu hoffen gewagt, dass er bald erwachen würde.
Als sie ihn auf dem Balkon gesehen hatte, seine Kinder in seinen Armen, war ihr ein Stein vom Herzen gefallen. Elrond war lebendig, er stand, sprach, war auf den Beinen (auch wenn er es noch nicht sollte, Heiler waren wirklich die schlimmsten Patienten) und sie müsste nicht nach Valinor gehen und ihrer Tochter gestehen, dass ihr Mann, auf den sie seit Jahrhunderten wartete, niemals kommen würde, auf unbestimmte Zeit in den Hallen von Mandos eingesperrt.
Und Galadriel machte sich keine Illusionen, Elrond hätte mindestens einige Jahrhunderte in den Hallen verbringen müssen, wäre er verblasst. Die Verletzungen, die sie an seiner Fëa spürte, würden nicht über Nacht verschwinden. Es würde Zeit brauchen, Zeit und Pflege, diese Wunden zu schließen. Einige von ihnen waren alt, älter als sie sein sollten und Galadriel wusste, dass Elrond, wäre er weniger stur und weniger Elrond, schon vor langer Zeit verblasst oder hätte segeln müssen.
Außerdem gefiel ihr der Blick in seinen Augen überhaupt nicht. Er versteckte es gut, aber Galadriel hatte diesen Blick schon mehrfach gesehen. Zum Beispiel in den Augen von Elronds Vätern, als sie sie das letzte Mal sah, kurz bevor Maedhros sich in die Flammen stürzte und Maglor für immer verschwand. Sie kannte diese Erschöpfung, diese Müdigkeit vom Leben selbst.
Die Lady von Lothlorien würde nicht zulassen, dass Elrond seinen Vätern folgt. Sie würden es in Ordnung bringen.
Jetzt schlief er wieder und Galadriel setzte sich vorsichtig auf die andere Seite des Bettes und zog die Decke zurecht. Celeborn lächelte sie über ihren schlafenden Schwiegersohn hinweg an.
Alles würde gut werden, sie würden dafür sorgen.
* * *
Zwei Jahre später
Nach mehreren Wochen der Reise waren endlich die Küsten Valinors in Sicht. Elrond stand am Bug des Schiffes und beobachtete, wie die zuerst verschwommene Linie des Festlandes immer deutlicher wurde.
Die letzten zwei Jahre in Mittelerde waren voll von bittersüßen Momenten gewesen. Die Hochzeit von Arwen und Aragorn war wunderschön und für Elrond doch voller Herzschmerz gewesen. Er freute sich sehr für seine Kinder, war aber auch traurig gewesen, weil er zwei von ihnen niemals wiedersehen würde.
Der Abschied war ihm schwergefallen, aber am Ende war es das Richtige gewesen. Er hatte den Ruf des Meeres immer stärker gespürt und seine Fëa sehnte sich nach Ruhe und Frieden.
Er hatte einige Narben von seinem Kampf mit Sauron davongetragen, auch wenn die meisten von ihnen nicht körperlicher Natur waren.
Als er seinen Schwiegereltern, seinen Kindern und Gandalf erzählte, wie er Sauron besiegt hatte, waren sie entsetzt gewesen über seine Leichtsinnigkeit.
Galadriel hatte ihm eine wütend/besorgte Triade über die Gefahren gehalten, denen er sich ausgesetzt hatte und seine Kinder hatten sich erneut an ihn geklammert und sich geweigert, ihn loszulassen, als ob sie Angst hätten, dass er auf einmal verschwinden könnte.
Seine Haare hatten ihre interessante Verfärbung behalten und das würden sie wohl auch immer tun. Er wurde schneller müde als zuvor, war anfälliger für Kälte, aber ansonsten ging es ihm überraschend gut. Ja, er verlor sich schneller in Gedanken und manchmal vergingen Stunden, ohne das er es registrierte, aber alles in allem war er überraschend leicht davongekommen.
Die Stimme in seinem Kopf, die sich nach Ruhe und Frieden und Stille sehnte, war mit der Zeit leiser geworden.
Elrond wusste bis heute nicht, ob er sich die Anwesenheit seiner Väter und seiner Onkel nur eingebildet hatte. Erzählt hatte er davon niemandem, aber tief in seinem Herzen wusste er, dass sie wirklich dort gewesen waren, vielleicht sogar die ganze Zeit.
Als Elrond aus seinen Gedanken auftauchte war Valinor schon um einiges näher gekommen und Frodo stand neben ihm. Der junge Hobbit war die ganze Reise über sehr ruhig gewesen, besonders Elrond gegenüber. Elrond wusste, das Frodo sich schuldig fühlte, seine Aufgabe nicht abgeschlossen zu haben und das Elrond gezwungen war, diese schwierige Aufgabe zu erfüllen und am Ende beinahe sein Leben dafür gab. Elrond gab dem jungen Hobbit keine Schuld, hatte es nie getan. Es war Saurons Schuld, niemandes sonst.
Ihre Reisegefährten gesellten sich zu ihnen, als sie sich Alqualondë näherten. Die wunderschöne Hafenstadt leuchtete in der Sonne Valinors.
Galadriel stand hinter ihm und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter.
Diese… offen gezeigte Zuneigung war etwas gewesen, an das Elrond sich hatte gewöhnen müssen. Sowohl Galadriel als auch Celeborn schienen es als ihre Pflicht angesehen zu haben, dafür zu sorgen, das Elrond sich ausruhte und im Gegensatz zu seinen Kindern war Elrond nicht in der Lage gewesen, sie abzuweisen.
Nachdem Celebrían gesegelt war, hatte Elrond sich von seinen Schwiegereltern zurückgezogen, er hatte sich dafür verantwortlich gefühlt, dass sie ihre Tochter verloren hatten und hatte gedacht, dass sie ihn dafür verantwortlich machten.
Das war anscheinend nicht der Fall gewesen und nachdem er beinahe gestorben war, hatte er sich sozusagen im Zentrum ihrer elterlichen Sorge befunden.
Sie hatten ihn genau im Auge behalten, das war Elrond bewusst. Er hatte ihre sorgenvollen Blicke auf sich gespürt, wenn er zu lang in Gedanken verloren gewesen war. Er wusste, dass sie sich Sorgen machten. Er wusste, dass auch Galadriel den Blick in seinen Augen erkannt hatte, als er auf der Terrasse stand, genauso wie Estel es getan hatte. Sie beide hatten ihn sehr aufmerksam beobachtet, bis sie sich sicher gewesen waren, dass alles in Ordnung war.
Dennoch brachte es ihm Trost, Galadriel hinter sich zu wissen, als er die Menschenmenge betrachtete, die sich auf dem Steg versammelt hatte. Ganz vorne stand eine Gestalt mit silbernem Haar und Elrond wusste auch so, ohne näher kommen zu müssen, wer es war.
Celebrían.
Der Name hallte in seiner Seele wieder und kaum war der Steg in Reichweite sprang Elrond von Bord und rannte über den Steg. Seine Frau kam ihm entgegen und er fing sie auf, nutzte den Schwung und wirbelte sie herum. Er hörte sie atemlos lachen. Viele Leute waren um sie herum, lachten, sangen, umarmten sich, aber es war egal. Sie standen dort auf dem Steg, in den Armen des anderen, Stirnen aneinander gelehnt und die Welt stand still.
Schließlich lösten sie sich genug voneinander, um sich wirklich ansehen zu können. Celebrían musterte ihn von oben bis unten. Er wusste, dass sie in ihn hineinblickte und all die hellen und dunklen Gedanken sah, die in den hintersten Ecken seines Geistes lauerten, und sie liebte ihn trotzdem. Celebrían hob eine Hand, um sein Haar zu berühren, ein amüsiertes Funkeln in ihren Augen.
„Du hast meine Haarfarbe gestohlen.“
