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Das Böse

Summary:

Sie schwiegen beide wieder. Esthers Zigarette war mittlerweile fast komplett abgebrannt und sie drückte sie auf dem Metallgeländer aus.

“Was meinte dein Bruder damit, dass du böse bist”, fragte Adam schließlich. “Doch bestimmt nicht nur, dass du von zuhause weg bist.”

Da war die Frage. Natürlich war Adam hier hochgekommen, weil er etwas wissen wollte. 

Notes:

Na friends wie geht es uns nach Sonntag jetzt so??
Diese Fanfic ist so ein bisschen wie ich mir tatsächlich eine Szene in Bid vorgestellt hatte aber man kann ja nicht immer alles haben.
Ich bin trotzdem so glücklich mit dem neuen Spatort und insbesondere damit, dass Esther jetzt tatsächlich offiziell lesbisch ist, ich hab auch die ein oder andere Träne beim Schauen verloren.

Work Text:

Die Nacht war ungewöhnlich kalt für Anfang Juni, aber vielleicht kam es ihr auch lediglich so vor. Wie einfach Stress die Körpertemperatur senken konnte, hatte sie im Lauf der letzten Jahre häufig bei Pia beobachtet.

Esther zog ihren Mantel etwas enger um sich. Unter ihr spiegelten sich die Lichter der Stadt in der Saar und daneben zogen die Autos auf der Stadtautobahn vorbei. Die Zigarette in ihrer Hand glühte langsam vor sich hin. Sie hatte eigentlich vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört, aber es ging ihr damit wie Katja mit dem Alkohol, manchmal brauchte sie es.

Nachdem sie am Präsidium angekommen waren, war sie nicht mit Leo und Adam ins Büro gegangen, sondern weiter die Treppen bis zur Dachterrasse hoch gegangen. Sie brauchte Raum zum Nachdenken. Nachdenken über den Fall, über ihre Familie, über sich selbst.

Sie hatte es damals raus geschafft, war nach Saarbrücken zu ihrer Tante gegangen und das ganze scheiß Dorf mit seinen scheiß Menschen hinter sich gelassen. Es hatte lange gedauert, sie war auch über Katja hinweggekommen, über den Verlust ihrer Familie und jetzt kam alles auf einmal wieder hoch.

Sie nahm einen Zug von ihrer Zigarette, als sie hinter sich die Tür zum Dach sich öffnen und dann schließen hörte. Sie atmete den Rauch aus, drehte sich aber nicht um. Die Schritte auf dem Kies kamen auf sie zu und Adam stellte sich neben sie.

Schweigend standen sie nebeneinander und sahen zu, wie der Rauch von Esthers Zigarette in der Saarbrücker Nachtluft verschwand.

“Kann ich auch eine haben?” Adam nickte zu der Packung, die vor Esther auf dem Geländer lag.

“Ich dachte, du hast aufgehört”, gab Esther zurück, hielt ihm aber die Zigaretten hin.

“Ja, eigentlich.” Er nahm sich eine Zigarette, zog dann ein Feuerzeug aus der Tasche seiner Jeansjacke und reichte Esther die Packung zurück. “Dafür dachte ich nicht, dass du überhaupt mal angefangen hast.”

“Doch”, sie atmete tief durch. “Kurz nachdem ich nach Saarbrücken gekommen bin. Irgendwie musste ich ja auf alles klarkommen. Verstehst du doch bestimmt am besten, oder?” Sie sah leicht zu Adam rüber. Ihr war klar, dass sie sich gerade extrem offen für Nachfragen machte, Nachfragen die sie jetzt tagelang um jeden Preis umgangen hatte, aber jetzt war sie nur noch erschöpft. Clemens war tot, Katja hatte ihr nie verziehen und zu einer Aussprache würde es vermutlich auch nie kommen, und ihr Bruder war immer noch so schlimm wie früher, vielleicht heute sogar noch schlimmer. Was Adam über sie wusste und von ihr dachte, war ihre letzte Sorge. Und vielleicht würde es ihr wirklich helfen, mit jemandem zu reden, der ihre Situation kannte. Adam Schürk als dieser jemand wäre zwar nie ihre erste Wahl gewesen, aber sie waren in den letzten Monaten immer weniger und weniger aneinandergeraten. Dass sie beide fast Pia und Leo verloren hätten, hatte eine Art gegenseitiges Verständnis für den jeweils anderen geschaffen.

Jetzt nickte Adam und schaute ebenfalls zu ihr. “Ja. Hab auch erst angefangen, als ich hier weg bin.” Er lachte leise. “Meine Oma war gar nicht begeistert davon.”

Auch Esther musste etwas lächeln. “Nein”, sagte sie. “Meine Tante auch nicht.”

Sie schwiegen beide wieder. Esthers Zigarette war mittlerweile fast komplett abgebrannt und sie drückte sie auf dem Metallgeländer aus.

“Was meinte dein Bruder damit, dass du böse bist?”, fragte Adam schließlich. “Doch bestimmt nicht nur, dass du von zuhause weg bist.”

Da war die Frage. Natürlich war Adam hier hochgekommen, weil er etwas wissen wollte. 

“Warum denn nicht”, sagte sie also. “Würde doch passen, dich hat der Teufel laut ihm ja auch geholt.”

Adam gab sich mit ihrem Ablenkungsversuch nicht zufrieden. 

“Esther.” Er drehte sich so, dass er seitlich gegen das Geländer lehnte und sie nun direkt ansah. “Glaub mir, das alles in dich rein zu fressen machts nur schlimmer.”

“Zwingt Leo dich jetzt etwa auch zur Therapie oder woher die ganzen Weisheiten?” Sie stieß sich ebenfalls vom Geländer ab und sah Adam direkt in die Augen. Es war zu dunkel um seinen Gesichtsausdruck effizient deuten zu können, aber seine Stimme klang aufrichtig und tatsächlich besorgt.

Nie wieder, hatten sie und Katja damals gesagt. Nie wieder würde sie jemand dumme Lesben nennen, aber auch nie wieder müssten sie sich verstecken müssen. Und am Ende hat Esther doch genau das getan. Sie hatte sich versteckt. Sie hatte nie aktiv gelogen, nicht anderen gegenüber und auch nicht sich selbst. Aber sie hatte sich trotzdem versteckt. Sie hatte sich verschlossen, in dem Moment, als sie Hohenweiler verlassen hatte.

Anfangs war sie noch sehr konfrontativ gewesen, hatte ihre Angst und Verletzlichkeit mit Wut überspielt. Sie war bereit gewesen noch unendlich viele Scheunen anzuzünden. 

Mit der Zeit wuchs aber auch ihre Frustration und ihre Hoffnungslosigkeit. Sie konnte die Welt nicht ändern, egal wie schlagfertig ihre Worte waren oder wie fest sie zuschlug. Es würde immer jemanden geben, der etwas dagegen haben würde, wie sie liebt, wen sie liebt. Und Katja war dort geblieben, lebte das Leben, das von ihr erwartet wurde; versteckte sich. Esther konnte ihr irgendwann keinen Vorwurf mehr machen. Irgendwann in den Jahren bei ihrer Tante in Saarbrücken und dann mit ihrer Mutter in Frankreich, nachdem ihre Eltern sich getrennt hatten, die Jahre die in ihren Erinnerungen kaum mehr als eine lose Anreihung an zeitlich ungeordneten Ereignissen waren, irgendwann in dieser Zeit hatte sich in ihr immer tiefer der Glaube eingenistet, dass ihr Bruder und der Mann am Fluss und all ihre Mitschüler, die ihr im Gang Beleidigungen nachgerufen hatten, vielleicht doch recht hatten. Dass sie ihr Leben falsch lebte, dass sie es nicht verdiente, glücklich zu sein, dass ihre Liebe falsch war, dass das Böse in ihr war.

Und auch wenn es ihr begann, besser zu gehen, sie zurück nach Saarbrücken kam um zur Polizei zu gehen und im Fußball das erste Mal seit langem Freundinnen fand, Freundinnen bei denen sie sich nicht erklären musste, Freundinnen die nicht mit der Wimper gezuckt hatten als ihr im Gespräch eine Anmerkung zu einer Ex-Freundin rausrutschte. Und trotzdem war dieser Gedanke noch immer da.

Sie trennte ihr Berufsleben strikt von allem anderen; niemand bei der Polizei wusste, dass sie Fußball Fan war und niemand beim Fußball wusste, dass sie Polizistin war. Das Verhältnis zu ihren Kolleg*innen blieb distanziert und auch andere Beziehungen in ihrem Leben waren fast immer nur oberflächlich und die die es nicht waren, gingen eher früher als später an ihrer Verschlossenheit kaputt. Pia war die erste Person, die sie von der Arbeit kannte, der sie sich zumindest teilweise hatte öffnen können. Aber nicht mal sie wusste, dass Esther auf Frauen stand. Oder vielleicht konnte sie es sich nach allem was in den letzten Tagen passiert war, nach dem Verhör, auch denken.

Es wäre so leicht, weiterzumachen wie früher; sie könnte Adam einfach auf dem Dach stehen lassen und gehen, anders als Leo konnte er nicht die Chefkarte spielen. Sie war ihm keine Erklärung schuldig. Aber gleichzeitig wusste sie, dass alles was während diesem Fall passiert war jetzt wie ein riesiger Elefant im Raum stehen würde, vermutlich ein noch beschissenerer Elefant als Adams “Erbe” vor zwei Jahren und das konnte sie jetzt wirklich so gar nicht gebrauchen. 

Ihr war auch klar, dass sie sich nicht mehr verstecken wollte. Nie wieder. Zumindest ein Versprechen konnte sie halten. Sie hatte es damals nicht gekonnt, Katja hatte es nicht gekonnt, aber jetzt konnte sie es. Nie wieder. Das war sie sich selbst schuldig.

“Ich bin lesbisch.” Esther sah Adam jetzt direkt in die Augen. “Und in seinem Glauben ist das nun mal das Werk des Teufels. Aber du bist nicht dumm, das sind beides keine neuen Informationen für dich. Du wolltest nur nicht unhöflich sein, indem du direkt fragst, was mich übrigens sehr überrascht.”

Sie drehte sich wieder in Richtung Stadt und zündete sich eine weitere Zigarette an. Sie brauchte etwas, um sich zu beruhigen. Sie spürte, dass ihr Puls viel zu hoch war. Wann hatte sie diese Worte das letzte Mal zu jemandem gesagt? Sie wusste es nicht. 

Mit zittrigen Händen nahm sie die Zigarette an ihren Mund und nahm einen tiefen Zug und dann einen zweiten, bevor der ausgeatmete Rauch überhaupt verschwunden war. Adam stand immer noch still neben ihr. Nach ein paar Sekunden, die sich in der Dunkelheit auf dem Dach anfühlten wie Stunden sagte er: “Es ist okay. Das weißt du, oder? Es macht keinen Unterschied. Und der Teufel ist es auch ganz sicher nicht.”

“Das weiß ich. Ich bin keine zwölf mehr und den Teufel gibts sowieso nicht.” Ihr Ton war abweisend und ihr war klar, dass das Adam gegenüber in diesem Moment nicht fair war, aber manche Angewohnheiten wurde man schwer los. 

“Ich wollte nur, dass du es auch einmal gesagt bekommst, falls das noch nicht passiert ist. Ich weiß nur, wieviel mir das bedeutet hätte. Bedeutet hat.”

Oh.

Sie merkte wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Es ist okay. Das hatte wirklich noch nie jemand zu ihr gesagt. Ihre Tante hatte sie in den Arm genommen als sie eines Abends plötzlich in Saarbrücken vor der Tür stand, hatte sie weinen lassen und ihr gesagt, dass alles gut werden würde, aber sie hatte nicht genau gewusst, ob und wie sie mit Esthers Sexualität umgehen sollte. Auch mit ihrer Mutter hatte Esther all die Jahre in Frankreich nie darüber geredet, es war ein offenes Geheimnis gewesen, aber trotzdem noch ein Geheimnis. Und ihre Freundinnen beim Fußball kamen aus ganz anderen Situationen, die meisten waren auch um einiges jünger als Esther, dort was es ist okay eine Selbstverständlichkeit, die keiner Verbalisierung bedurfte.

Das ganze jetzt hier mitten in der Nacht auf dem Dach des Präsidiums das erste Mal zu hören, war zu viel für sie. Sie spürte die erste Träne über ihre Wange laufen und wischte sie weg, nahm noch einen Zug von ihrer Zigarette. Die nächste Träne ließ sie laufen und die danach und die danach und die danach.

Es ist okay. Die Zigarette hielt sie immer noch zwischen ihren Fingern, obwohl sie so gut wie ausgebrannt war. Esther erlaubte sich einfach zu weinen, ihr war es egal, dass Adam sie so sah. Sie war plötzlich wieder dreizehn und das erste Mal verliebt und ängstlich, fragte sich, was mit ihr nicht stimmte, warum sie diese Gefühle hatte. 

Es ist okay. Drei Worte. Drei verfickte Worte die ihr damals vermutlich mehr als alles andere geholfen hätten.

Und Adam auch. Adam auch.

Genau da sitzt es. Das Böse. Das hatte Sven im Verhör zu Adam gesagt und damit wohl voll ins Schwarze getroffen.

Die Tränen liefen weiterhin über ihre Wangen, sie fühlte Adams Hand auf ihrer Schulter und sagte nichts als er sie vorsichtig in eine Umarmung zog. Er ließ ihr Zeit, dass sie sich aus der Berührung hätte lösen oder etwas dagegen sagen können, aber das wollte sie gerade gar nicht. Sie hatte nicht mehr die Energie, Esther Baumann, die Kriminalhauptkommissarin die sich stur an die Regeln und Richtlinien klammerte und niemanden an sich ranließ, zu sein. Sie war aber auch nicht mehr Esther Louis, das Mädchen aus Hohenweiler, die so viel Angst in sich trug. Angst vor dem Teufel, vor sich selbst und fast genauso viel Wut.

Sie war einfach nur Esther, eine Frau die immer noch so viel Wut und Angst mit sich trug, obwohl sie eigentlich viel zu erschöpft für beides davon war. Erschöpft durch ein ewiges Versteckspiel. Esther, der gerade zum ersten Mal jemand gesagt hatte es ist okay.