Chapter Text
“Tessa? Kannst du noch bleiben?“ Mit ihrer Jacke in der einen Hand und die andere schon ausgestreckt nach dem Türgriff dreht Tessa sich nochmal um. Isabelle steht im Türrahmen des Wohnzimmers, die Hände in den Hosentaschen vergraben, den Blick gesenkt. Mit den gerundeten Schultern sieht sie klein aus, so gar nicht nach Tessas selbstbewusster, forscher Kollegin, dass es ihr einen Stich versetzt. Schon den ganzen Tag ist Isabelle irgendwie anders – zögerlich, still. Tessa versteht nicht, was los ist. Sie dachte eigentlich, der Tag ist ganz gut gelaufen. Sie haben sich gut unterhalten, ein bisschen rumgeblödelt am Viadukt und hinter der Bühne. Aber-
„Klar, wenn de willsch. Aber… worum denn? Ich han denkt, ihr welle de Obig sicher für euch allei ha.“
Isabelle sieht sie immer noch nicht an. Tessa erkennt die Spannung in ihren Armen, wie sie mit den Worten kämpft.
„Ich… ich habe Angst“, zwingt sie dann hervor, als wären die Worte ein Felsbrocken, und der Boden unter ihnen aus Ton.
„Wovor?“
„Angst, mit meinem Sohn allein zu sein“, jetzt ist ihre Stimme rau, und Tessa sieht Wut in ihren Augen aufblitzen, deren Ziel sie erst durch Isabelles Nachsatz erkennt. „Gott, wie erbärmlich.“
Ein unwirsches Kopfschütteln. „Vergiss es, Tessa, geh nach Hause.“
Und sie dreht sich um und verschwindet in Richtung Küche. Tessa verschwendet nicht einen Gedanken daran, tatsächlich zu gehen, nicht jetzt, wo sie vielleicht endlich darüber reden können, was ihre Kollegin schon den ganzen Tag mit sich herumschleppt. Kurzentschlossen hängt sie ihre Jacke wieder an die Garderobe und geht ihr nach. Isabelles Wohnung ist klein und mit ein paar Schritten steht Tessa neben ihr am Geländer auf dem Balkon.
„Kann i au eine ha?“ fragt sie, und deutet mit dem Kopf auf die Kippe in Isabelles Hand. Wortlos reicht Isabelle ihr die Packung, gibt ihr Feuer, und fixiert dann wieder die Fenster der Wohnung gegenüber, als stünden darin die Geheimnisse des Universums geschrieben. Tessa dreht den Körper in die gleiche Richtung und lehnt sich dann ganz langsam zur Seite, bis ihre Schultern einander berühren. Je länger sie sich kennen, desto brüchiger kommen ihr Isabelles Stacheln vor. Eigentlich würde sie sie gern in den Arm nehmen.
„Isabelle, ich blib gärn. Ich han mich nur ned welle ufdränge. Aber ich weiß ned, was du glaubsch, was passiert, wenn ich ned do bin. S’isch doch gut gloffe hütt, oder?“
Von Isabelle kommt ein kleines, freudloses Lachen, das sich anfühlt wie Nägel auf Tessas Seele, aber keine Antwort. Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie ihre Kollegin den Daumennagel der rechten Hand über die weichen Fingerkuppen der linken schiebt, immer wieder, während sie auf die vor sich hin glimmende Zigarette starrt. Sie sagt nichts.
