Chapter Text
Nicht zum ersten Mal wünscht Karow sich, er lebte in einem der Bundesländer, in denen dieser Tag ein Feiertag ist. Heute Morgen hat er ein Häufchen Sternsinger gesegnet, hat sie zu den ersten Häusern begleitet, ist dann zurück ins Pfarrhaus gegangen und hat Kakao, Tee, Kinderpunsch und Plätzchen für die Mittagspause vorbereitet. Als die auch vorbei war, ist er zu einigen Gottesdiensten in den Wohn- und Pflegeheimen der Umgebung aufgebrochen, hat anschließend die Kostüme der Sternsinger wieder in Empfang genommen und wäre dann endlich nach Hause aufgebrochen, wenn Vincent ihm nicht geschrieben hätte, dass Raczek noch immer nicht daheim sei und ob er mal nach ihm sehen könne.
So steht er also nun im Präsidium und steckt den Kopf durch die Tür des Großraumbüros, wo Raczek gerade einer jungen Frau und seinem Kollegen Wiktor Krol Kaffee einschenkt.
„Cześć, Pater.“ Krol sieht ihn als Erster. Raczek dreht sich um und verbirgt die Freude auf seinem Gesicht nicht schnell genug, um Karow etwas vorzumachen.
„Gott zum Gruße.“
„Friede sei mit dir.“ Karow lehnt sich an den Türrahmen.
„Und mit deinem Geiste“, erwidert Raczek brav und deutet dann auf die junge Frau. „Das ist Frau Noack, unsere neue Praktikantin. Kiara, das ist Vater Robert Karow.“
Karow hebt grüßend die Hand.
„Freut mich“, sagt die junge Frau mit dem pechschwarzen Pferdeschwanz und lächelt. Es wirkt ein wenig müde. „Sie tauchen in unserem Bericht ein paarmal auf.“
Ja, das kann er sich denken. Fragend sieht er zu Raczek. „Sitzt ihr immer noch am Schreiben?“
Raczek stöhnt und legt den Kopf in den Nacken. „Ich hab keine Ahnung, wie ich diesen Fall in einen Bericht zwängen soll. Wie formuliere ich denn ‚Der reuelose Gekreuzigte aus dem Neuen Testament hat den Nonnen ihre Lebenskraft ausgesaugt, um als eine Art seelischer Frankenstein wieder ins Leben zurückzukehren’ so, dass weder Pawlak noch die Innenministerin mir das Ding wieder auf den Tisch knallen?“
„Frag doch jemanden, der sich damit auskennt.“ Karow fischt sein Handy aus der Tasche und sucht nach der Nummer. „Leo Hölzer ist ein sehr gewissenhafter Polizist, der kann dir bestimmt sagen, wie man bei der KDA einwandfreie Berichte schreibt.“
Bei seiner Betonung des Wortes ‚gewissenhaft’ hat Raczek ihm einen warnenden Blick zugeworfen. Jetzt schiebt er seine Kaffeetasse von sich, steht auf und schlägt die Hände zusammen.
„Ich ruf ihn gleich an. Aber der Rest des Berichtes muss bis morgen warten. Kiara, du gehst jetzt nach Hause, du musst echt nicht schon im Praktikum Überstunden machen, die Zimmermannsgesellen namens Max haben keine Eile mehr. Das gilt auch für dich, Wiktor.“
Krol sieht aus, als wäre ihm das mehr als recht. „Komm, ich fahr dich“, sagt er zu der jungen Frau, die es sich dennoch nicht nehmen lässt, die leeren Tassen einzusammeln und in die Spülküche zu bringen.
Als die Bürotür hinter den beiden zufällt, setzt Raczek sich wieder hin, nimmt den Telefonhörer in die Hand und seufzt. „Was machst du eigentlich hier?“
„Vincent schickt mich, um zu gucken, wo du bleibst.“
„Natürlich.“ Raczek verdreht beim Eintippen der Nummer die Augen. Es klingelt ein paarmal, ehe sich die vertraute Stimme meldet.
„BKA, Abteilung für Komplexe und Diffuse Angelegenheiten, Hölzer mein Name, wie kann ich helfen?“
„Ja, hallo, Raczek hier, Kommissariat Świecko. Wir hatten neulich telefoniert…“
Während die beiden sich über den Fall austauschen und in Polizeisprech fachsimpeln, zieht Karow sich Kiara Noacks Stuhl heran. Tippt eine Nachricht an Vincent, sieht sich im Büro um, liest kopfüber Raczeks Notizen.
„Mmhm…aha…und wie sage ich…? Ah, natürlich. Clever…Wirklich?...Können Sie das nochmal…“
Karow rollt ein Stück näher und legt ihm einen Hand auf den Oberschenkel. Raczek zuckt so heftig zusammen, dass ihm fast der Stift aus der Hand fliegt.
„Kurwa, lass den Scheiß!“
„Wie bitte?“
„Nicht Sie. Sorry.“
Karow grinst und schiebt seine Hand höher, legt sie besitzergreifend auf Raczeks Schritt, der unter seinen Fingern zuckt.
„Karow, ich mein’s ernst –“
„Karow?“, wiederholt Hölzer am anderen Ende der Strippe misstrauisch. Und dann eine zweite Stimme, Karow ebenfalls vertraut, Hölzers Signare so ähnlich:
„Hast du grade ‚Karow’ gesagt, Leo?“
„Nicht ich. Der Kollege, mit dem ich telefoniere – Adam, was –“
„Hä?“, macht Raczek.
„Nicht du“, erklärt Karow ihm. „Anderer Adam.“
Geraschel und Geklapper in der Leitung.
„Anderer Adam, genau. Karow, hör verdammt nochmal auf, deinen Polizisten abzulenken, damit meiner auch endlich mal Feierabend machen kann.“
„Okay!“ Raczek schreit fast. „Okay. Schluss jetzt. Herr Hölzer, wenn Sie mir bitte noch das Glossar schicken würden. Falls ich Fragen habe, melde ich mich morgen. Danke Ihnen. Wiederhören.“
Er knallt den Hörer auf die Station und zieht Karow an der Knopfleiste zu sich her.
„Du gottverdammtes Arschloch“, knurrt er, bevor er seine Lippen auf Karows presst. Er schmeckt nach Rauch und Kaffee und wie immer ein bisschen nach Salz, seine unrasierte Wange kratzig unter Karows Fingern. Karows Hand in seinem Schritt drückt noch einmal zu, ehe sie sich keuchend voneinander lösen.
„Nach Hause?“
„Nach Hause.“
In Vincents geräumiger Küche erwartet sie ein ungewöhnlicher Anblick.
Das heißt – dass Vincent mit jemandem herumknutscht, haben sie beide schon einmal gesehen, das ist nicht ungewöhnlich. Das Ungewöhnliche ist, dass die andere Person keiner von ihnen ist. Andreas ist neu.
Als Vincent und er Karow und Raczek bemerken, lösen sie sich voneinander, Vincent mit einem Lächeln, Andreas mit einem leicht schuldbewussten Ausdruck. Er trägt Jeans und ein eng anliegendes schwarzes Shirt, das ziemlich sicher Vincent ihm geliehen hat, und eigentlich ist nichts Spektakuläres an dieser Kombination. Sein schönes Gesicht ist es, das ihn zum Leuchten bringt. Kaum zu glauben, dass er eine halbe Ewigkeit in der Unterwelt verbracht hat.
„Da seid ihr ja endlich.“ Vincent kommt auf sie zu und küsst sie auf die Wangen. „Langer Tag?“
Raczek zuckt mit den Schultern. „Der Bericht nimmt Zeit in Anspruch. Außerdem meint Hölzer, dass sie immer zwei Berichte schreiben – einen offiziellen ohne die Erwähnung übernatürlicher Phänomene und einen inoffiziellen mit allen Details.“
„Klingt anstrengend.“ Vincent hakt einen Finger in seinen Kragen und zieht ihn näher. „Sollen wir euch den Feierabend ein bisschen versüßen?“
Raczek grinst – müde, aber nicht uninteressiert. „Bist du heute mal wieder unersättlich?“
Große Augen, schmollend vorgeschobene Unterlippe. „Andreas wollte nicht weiter gehen, ehe ihr hier wart.“
„Och, armer Vincent…“ Raczek lässt sich in einen Kuss ziehen, schiebt eine Hand unter Vincents Oberteil.
Karow zwängt sich augenrollend an ihnen vorbei, geht sich am Spülbecken die Hände waschen. Neben ihm lehnt Andreas an der Anrichte, die Hände in die Hosentaschen geschoben. Karow nickt ihm zu.
„Und das da? Bist du damit auch vertraut?“
„Ich denke schon.“ Lächelnd wendet er sich Karow zu, breitet die Arme aus. „Willst du mich testen?“
Verblüfft sieht Karow ihn an, wirft einen Blick auf Vincent und Raczek, die sich mittlerweile schamlos aneinander reiben, die T-Shirts auf dem Küchenboden vergessen. Sieht wieder zu Andreas.
Dieses Lächeln ist echt ansteckend, denkt er, als er das eigene Grinsen in den Mundwinkeln zucken spürt.
„Ach, wieso eigentlich nicht?“
Andreas’ Bart kratzt ebenso aufreizend wie Raczeks, spürt er, als sich ihre Lippen gegeneinander bewegen. Sein Körper fühlt sich anders an, schmaler und irgendwie auch kantiger, spitzer als Raczeks oder Vincents, und gleichzeitig sind alle seine Bewegungen und Berührungen ruhig, sicher, voller Selbstvertrauen; mehr als Vincents, der sich doch immer wieder an die Eigenarten eines menschlichen Körpers erinnern muss, mehr als Raczeks, der bei jedem Mal noch immer dazulernt. Karow hätte nie gedacht, dass er das einmal denken würde, doch es macht ihn an, dass Andreas weiß, was er mit seinem Körper tut – und nicht nur mit seinem. Ein Keuchen entringt sich Karows Kehle, als Andreas’ Hand sich darum schließt, der Daumen sich neben seiner Zunge zwischen Karows Lippen schiebt.
„Das kannst du offensichtlich“, stellt er fest, als sie sich schwer atmend voneinander lösen. Bewundert die feuchten Lippen, die funkelnden Augen, das zerzauste goldbraune Haar, die Krähenfüße und Lachfalten, die sich auf dem schönen Gesicht abzeichnen.
„Oh ja.“ Ein Zwinkern. „Was willst du noch wissen?“
„Vielleicht – ah –“ unterbricht Vincent sie, die Augen vor Wonne geschlossen, während Raczek an seinem Hals saugt, „vielleicht sollten wir ins Schlafzimmer umziehen, was meint ihr?“
Lachend, knutschend, keuchend stolpern sie zu viert durch den Flur in Vincents Schlafzimmer, wo ein unerklärliches, sanft goldenes Licht auf sie herableuchtet, ohne die Anwesenheit irgendeiner Glühbirne. Raczek stößt gegen das Bett, fällt hintüber und zieht Vincent gleich mit sich.
„Hast du ein größeres Bett?“, fragt er erstaunt.
Tatsächlich, da ist weniger Platz zwischen dem Bettrahmen und den beiden Wänden links und rechts. Vincent lacht.
„Es ist das gleiche Bett. Aber größer. Muss ja jetzt Platz für vier da sein.“
„Na dann.“ Raczek hakt zwei Finger in Karows Gürtel, zieht auch ihn aufs Bett, und da er noch immer Andreas festhält, wird die neue Größe der Matratze augenblicklich voll in Anspruch genommen.
„Passt“, stellt Raczek zufrieden fest.
„Solange wir stillliegen, ja.“
Raczek zieht eine Augenbraue hoch und grinst Andreas an. „Große Töne für jemanden, der noch alle Klamotten am Leib hat.“
„Zieh sie mir doch aus, wenn’s dir nicht passt.“
Raczek richtet sich auf, beugt sich über Karow drüber und zieht Andreas zu sich heran, beginnt, an seinem Shirtsaum zu zupfen und küsst ihm das Grinsen vom Gesicht. Von der Schüchternheit, dem inneren Kampf, den er mit sich ausgetragen hat, als das mit Vincent und Karow angefangen hat, keine Spur, auch dieser Kuss ist selbstsicher, entschlossen, vertraut.
Vincent manövriert sich hinter Raczek hervor und beginnt, Karow das Hemd aufzuknöpfen. Das Kollar legt er sorgfältig auf den Nachttisch, das Hemd hingegen schiebt er nur zur Hälfte herunter, sodass Karow die Arme gebunden sind, während Vincent sich von hinten an ihn schmiegt und die Hände über seine Brust gleiten lässt, sanft über seine Haut kratzt.
„Na, Lämmchen?“, raunt er in Karows Ohr, sein Atem heiß an Karows Wange und Hals. „Eifersüchtig?“
Aus halb geschlossenen Augen beobachtet Karow das Schauspiel vor ihm, Raczek und Andreas, die tiefe, feuchte Küsse austauschen, die Hände in den etwas zu langen Haaren vergraben oder hinten in die Jeans geschoben, und horcht in sich hinein, doch da ist nur ein heißes Kribbeln, dort, wo Vincent ihn berührt, und tiefer, Blut, das sich warm und schwer zwischen seinen Beinen sammelt.
„M-mh“, macht er, verneinend, und erschauert, als Vincent mit dem Nagel über seinen Nippel streift. „Ah, Vincent…“
„Das ist gut“, flüstert Vincent. „Denn ich lasse euch alle nicht mehr los…“
Sie lassen sich Zeit an diesem Abend, genießen den Anblick von zentimeterweise entblößter Haut, erkunden ihre Körper mit den Händen, Lippen, Zungen. Lediglich das Licht und die Wärme im Zimmer sind Vincents Magie zuzuschreiben. In stiller Übereinkunft passiert alles andere von Hand, menschlich, irdisch; ein, zwei, drei Finger, die anfänglich kühles Gleitgel in Karow hineinschieben und ihn dehnen, bis er bettelt, Andreas, der Vincents Schwanz noch einmal für ihn vorbereitet, bis Vincent endlich in ihn eindringt; Raczek, der sich vor dem Bett auf ein Kissen kniet, um ihren Neuzugang mit dem Mund zu verwöhnen, während dessen Kopf auf Karows Brust ruht und er mal mit Karow, mal mit Vincent träge, atemlose Küsse austauscht.
Süß und zäh kommen ihre Höhepunkte. Karows Sicht verschwimmt an den Rändern, während der Orgasmus durch seinen Körper rollt, ihn sich aufbäumen lässt, Finger und Münder seinen Samen auffangen.
„So gut für uns, Lämmchen“, flüstert Vincent über ihm, als er kommt, und Andreas zuckt und stöhnt und krallt die besudelte Hand in Raczeks Haare, während er sich in dessen Mund ergießt. Sie schmecken ihn auf Raczeks Lippen, als sie sich wieder mit Küssen einander zuwenden, Raczeks Lippen, denen ein flehentliches Wimmern entkommt.
„Oh, Adaś, mein Täubchen, mein Schöner, komm her…“
Heiße Hände auf heißer Haut, feuchte Lippen um Finger, Nippel und den harten Schwanz. Karow schlingt einen Arm um Raczeks Mitte, legt eine Hand locker um seine Kehle.
„Komm, mein Geliebter, wandern wir auf das Feld, schlafen wir in den Dörfern! Früh wollen wir dann zu den Weinbergen gehen und sehen, ob der Weinstock treibt, ob die Rebenblüte sich öffnet, ob die Granatbäume blühen. Dort schenke ich dir meine Liebe. Die Liebesäpfel duften; an unsren Türen warten alle köstlichen Früchte, frische und solche vom Vorjahr; für dich hab ich sie aufgehoben, mein Geliebter…“¹
Raczek windet sich unter ihren Händen, die Augen geschlossen, die Lippen geöffnet, der Körper wie ein Bogen gespannt.
Karow lächelt. „Wort des lebendigen Gottes.“
Mit einem kehligen, sündhaft blasphemischen, köstlich lustvollen „Dank sei Gott“ ergießt Raczek sich in Vincents und Andreas’ Hände.
Und für diesen einen Moment, in dem ihre Gefühle so roh und gewaltig und ungefiltert sind, spürt Karow das, was dieses Vestigium sein muss. Blut, Schneekälte, Parfüm von Vincent, Raczeks Tabak und Salz und einen vibrierenden Motor, Rosenblüten und Saitenklänge und die Unterwelt, die Andreas noch immer anhaftet. Seinen eigenen Weihrauch, Wasser auf Stahl. Und über allem das, was sie verbindet: das vertraute Gefühl von Zuhause. Zusammengehörigkeit. Richtigkeit.
Das soll schon alles so sein.
